Martin Bäumle geht
Das Politik-Urgestein verabschiedet sich nach 28 Jahren aus der Dübendorfer Regierung. Die einen freuts, andere verneigen sich in Dankbarkeit. Und Martin Bäumle? Der weiss, dass er jetzt «beissen» muss.
Irgendwann während des Gesprächs kommt er dann doch ins Grübeln. Ja, es werde ihm wohl nicht leichtfallen, nach so vielen Jahren nicht mehr Stadtrat von Dübendorf zu sein, sagt Martin Bäumle. «Ganz klar, ich werde ab und zu in den Tisch beissen, wenn ich Dinge sehe, die ich ganz anders gemacht hätte. Aber nach so vielen Jahren ist es nun einfach Zeit, und man sollte gehen, wenn es am schönsten ist.»
Letztlich sei er ja nicht weg, wohne weiterhin hier, kenne nach wie vor viele Leute in Dübendorf. «Und wenn ich wirklich ein Problem habe, kann ich immer noch mit dem Stadtpräsidenten einen Kaffee trinken und darüber reden, auch wenn das vielleicht nichts nützt.» Oder er positioniert dann halt wirklich eine Drohne vor dem Sitzungszimmer des Stadtrats, wie der 62-Jährige im Scherz sagt.
Das ist Loslassen für Martin Bäumle.
Immerhin, er weiss, wie sich das anfühlt. Damals, 2017, als er als Präsident der GLP Schweiz aufhörte und in die zweite Reihe trat. Bäumle hatte nach seinem Zerwürfnis mit den Grünen, die ihm zu links geworden waren (und er ihnen zu bürgerlich), die Grünliberalen gegründet. Er baute die Partei zusammen mit der mittlerweile verstorbenen Verena Diener auf, etablierte die GLP mit taktischen Listenverbindungen auf nationaler Ebene als politische Kraft. Und zog sich dann von einem Tag auf den anderen aus der Kommunikation mit den Medien zurück. Bäumle = GLP, das war damit Geschichte. Aber, im Hintergrund, da habe er auch manchmal «gebissen». Und tue es immer noch.


Dieser Rücktritt war Teil eines Masterplans, den er nach seinem Herzinfarkt drei Jahre zuvor für sich ausgearbeitet hatte. Der Verschluss einer Herzkranzarterie von Bäumle traf einen damals 49-jährigen Mann im vollen Lauf, einen, der zu wenig schläft, sich zu wenig bewegt und zu schlecht und zu viel isst. Einer, der nie vom Gas geht, nur eine Richtung kennt. Er hat 1000 Pläne und Projekte, denen der diplomierte Chemiker seinen Brotjob als Atmosphärenwissenschaftler und Berater auf Mandatsbasis unterordnet.
Er habe seine Belastungsgrenze überschritten, sagt er nach dem Herzinfarkt nüchtern und macht zusammen mit seinem Kardiologen eine Liste: Bier, Weisswein, Champagner und Zigarren sind – mit Ausnahmen – gestrichen, ein bis zwei Gläser Rotwein bleiben erlaubt und ab und zu ein Whisky fürs Gemüt. Die GLP Schweiz braucht ihn 2015 noch, er will die Partei nach dem Wahlsieg 2011 und der Wahlniederlage vier Jahre später erst in die Konsolidierungsphase überleiten.
Bäumle definiert sich ein Abnehmziel, berechnet die dafür notwendige Kalorienreduktion unter Berücksichtigung von Bewegung. Die Pfunde purzeln. «Am Ende ist es ziemlich genau aufgegangen», sagt er rückblickend. Heute sind die Kilos wieder drauf. «Leider», wie er sagt. Doch für den Fall, dass sein Herz mal rumpelt, misst er seinen Herzrhythmus mit seinem Ein-Kanal-EKG und ist in Kontakt mit seinem Kardiologen.
Er wollte kein «zweites Dietlikon»
Als im Juli vor einem Jahr bekannt wurde, dass Bäumle diesen Frühling nicht mehr zur Wahl antreten wird, errichtete ihm seine Partei schon einmal ein Denkmal. Sie würdigte seine tragende Rolle für gesunde Stadtfinanzen, die Entwicklung des Innovationsparks und des Hochbords, der Hochhausschule in der Three-Point-Überbauung, und sie bezeichnete ihn als Taktgeber in der Umwelt-, Verkehrs- und Raumplanungspolitik Dübendorfs.


Bäumle mag dem nicht widersprechen. Ja, der Innovationspark sei seine Idee gewesen. Doch als frischgebackenem Nationalrat ohne Fraktion hätten ihm «in Bern» die Kontakte gefehlt. Er konnte FDP-Mann Ruedi Noser begeistern, der sich fortan als Präsident des Vereins Swiss Innovation für das Projekt engagierte, während er selbst im Hintergrund das Anliegen vorantrieb.
Im Hochbord wiederum habe er ein Parkhaus und eine Durchgangsstrasse verhindert, und er sei stets ein Gegner der Pläne gewesen, aus dem damals noch von Äckern geprägten Gebiet «ein zweites Dietlikon» zu machen, sprich: Detailhändler, Baumarkt, Gewerbe, Parkplätze, Verkehr. Und widerspricht damit der immer wieder geäusserten Kritik, der Stadtrat, also Bäumle, habe die Trendumkehr von Gewerbe- zu Wohnnutzung verschlafen. Er sei einer der wenigen gewesen, die immer an Wohnungen und an Hochhäuser im Hochbord geglaubt hätten, so Bäumle.


Ebenfalls regelmässig wurde im politischen Dübendorf der Vorwurf laut, der Stadtrat, also er, habe es verpasst, sich Land für ein Schulhaus im Hochbord zu sichern. Bäumle entgegnet: «Das geschah aufgrund der Schülerprognosen der damaligen Schulpflege.» Stattdessen habe er durch seine guten Kontakte mit dem Grundeigentümer den Weg freigemacht für eine Schule in den Three-Point-Türmen und eine in die Überbauung integrierte Turnhalle. Die erste Hochhausschule der Schweiz wurde vor zwei Jahren bezogen.
Um 300 Millionen daneben
Betrachtet man die nackten Zahlen, sieht Bäumles Bilanz als Finanzvorstand in Dübendorf so aus: Als er 1998 in den Stadtrat gewählt wurde, hatte die Stadt 120 Millionen Franken Schulden und einen Steuerfuss von 96 Prozent – ohne die Sekundarschule. Nun, 28 Jahre später, ist die Stadt faktisch schuldenfrei, hat 30 Millionen auf der hohen Kante, und der Steuerfuss liegt bei 75 Prozent.
Allerdings war diese Entwicklung keineswegs nur von Applaus begleitet, insbesondere aufgrund der regelmässig hohen Ertragsüberschüsse in den Jahresrechnungen. Mit seiner «pessimistischen Budgetierung» habe Bäumle jedes Jahr Steuerfusssenkungen verhindert oder verzögert, tönt es seitens der SVP.
Gemeinderat Orlando Wyss rechnet am Telefon vor: «In seiner Amtszeit lag unser Finanzvorstand um insgesamt 300 Millionen Franken daneben, das ist Geld, das dem Steuerzahler und dem Gewerbe gehört.» Wenn Bäumle den Schuldenabbau als seinen Verdienst verkaufe, dann müsse er sich auch unterstellen lassen, mit voller Absicht falsch gerechnet zu haben.
SP kritisiert «künstlichen Spardruck»
Von links gab es ebenfalls immer wieder Kritik. Der frühere SP-Gemeinderat Hans Baumann etwa spricht von einem «jahrelangen künstlich erzeugten Spardruck». Die Folge sei zusammen mit «Bäumles Schuldenbremse» ein Investitionsstau, der die Stadt noch teuer zu stehen kommen werde.
Die Dübendorfer litten unter hohen Betreuungskosten für Kinder, und der Baurechtszins für das städtische Land im Gumpisbüel verhindere den Bau von günstigen Wohnungen. Diese Mischung aus Sparen und Gewinnabschöpfung sei ein zu hoher Preis für einen niedrigen Steuerfuss.
Der ehemalige Mitte-Gemeinderat Theo Johner, der in seinen 32 Jahren im Dübendorfer Parlament so einige Budgetsitzungen miterlebt hat, vermutet hinter den wiederkehrenden Ertragsüberschüssen ein System. «Denn sonst hätte es in der Rechnung auch mal ein Minus geben müssen.»
Es sei zwar sinnvoll, Geld für laufende Ausgaben und Investitionen auszugeben anstatt für Zinsen. Doch dies müsse von einem politischen Entscheid getragen werden, und das sei nie der Fall gewesen.
Lob hinter vorgehaltener Hand
Als Finanzvorstand budgetierte Bäumle stets auf der Basis eines komplexen Modells aus diversen Szenarien und Wahrscheinlichkeiten unter Einbezug von Parametern wie Wirtschaftsprognose oder Bevölkerungsentwicklung. Wissenschaftlicher Prognosestandard also.
Bloss scherte sich die dynamische Entwicklung Dübendorfs nicht darum. Ein Konstante in Sachen Überschüsse waren dabei die oft zu konservativ veranschlagten Grundstückgewinnsteuern, die, wie Bäumle an jeder Budgetsitzung betonte, schwierig vorherzusehen seien.
Er sieht es pragmatisch: «Wenn man von links wie auch von rechts kritisiert wird, hat man es wahrscheinlich nicht so schlecht gemacht.» Ausserdem sei das halt Politik. Hinter vorgehaltener Hand habe er immer wieder Lob für seine Finanzpolitik bekommen. Letztlich habe er es stets als seine Pflicht gesehen, haushälterisch mit dem Geld der Steuerzahler umzugehen.
«Ich wurde fast massakriert»
Und dennoch: Nach 28 Jahren in der Exekutive bleiben Wunden zurück, und eine davon ist besonders schlecht verheilt. Es ist die sogenannte Giessen-Affäre. Diese geht zurück auf den November 2011 respektive eine geplante Hochhausüberbauung bei der Giessenkreuzung. Bäumle hatte vor der Abstimmung über den Gestaltungsplan via einen Journalisten des ZO/AvU dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeit über Betreibungen in Millionenhöhe gegen den damaligen Grundeigentümer informiert wurde. Schliesslich wurde der Gestaltungsplan an der Urne abgelehnt.
Bäumles «Indiskretion» brachte ihm nicht nur eine Rüge des Stadtrats und Rücktrittsforderungen der SVP ein, sondern auch eine Anzeige wegen Amtsgeheimnisverletzung, die nach einem ersten Schuldspruch durch das Bezirksgericht Uster letztinstanzlich vor Bundesgericht mit einem Freispruch endete. Hinter der Anzeige stand Gemeinderat Orlando Wyss, der die Weitergabe des Betreibungsregisterauszugs noch heute als «charakterlose und hinterlistige Aktion» bezeichnet.

Auf das Thema angesprochen, wechselt Bäumles Gesichtsfarbe schlagartig in den roten Bereich. Ja, er habe durch die Aktion das stadträtliche Kollegialitätsprinzip «geritzt». Er habe aber stets nur das Beste für Dübendorf gewollt und die finanzielle Situation des damaligen Eigentümers des Grundstücks transparent machen wollen. «Stattdessen wurde ich fast massakriert.»
Neben der juristischen Auseinandersetzung machte ihm vor allem die Berichterstattung in den Medien zu schaffen. Bäumle spricht rückblickend von einer Kampagne, insbesondere des «Tages-Anzeigers», der ihn zum Abschuss freigegeben habe. «Damals war ich manchmal nahe an einem Rücktritt.»
Am Anfang wars schwierig, aber dann …
Auffällig ist: Geht es in Dübendorf um Politik, fällt Bäumles Name eher früher als später – und das auch ausserhalb des etablierten Politbetriebs. Bäumle habe dieses verhindert, jenes angerissen, man spricht von «Bäumles Schuldenbremse», gar von «Bäumles Hallenbad», er ist der Schatzmeister, verantwortlich für gelungene Projekte ebenso wie für Fehlplanungen aller Art, egal, ob diese in sein Ressort fallen oder nicht.
Bäumle winkt ab. Er sei eine von sieben Stimmen im Stadtrat, mehr nicht. Gleichzeitig spricht er oft in der ersten Person, wenn es um die Dübendorfer Politik geht.
Beobachter des Politbetriebs bezeichnen Bäumle gerne als «Schattenstadtpräsidenten». SVP-Mann Wyss etwa nennt ihn einen «mit allen Wassern gewaschenen Vollprofi unter Milizpolitikern», der über die Finanzen in allen anderen Ressorts mitrede.
Der echte (gewählte) Stadtpräsident André Ingold (SVP) relativiert. «In meinen ersten Jahren als Sicherheitsvorstand war unsere Zusammenarbeit zuweilen schwierig.» Man habe das Heu nicht immer auf der gleichen Bühne gehabt, Diskussionen seien auch schon mal härter geführt worden.
Doch spätestens, als er 2018 zum Stadtpräsidenten gewählt worden sei, habe er mit Bäumle einen guten und respektvollen Umgang gefunden. «Wir haben gemerkt, dass man auch mit unterschiedlichen Ansichten in die gleiche Richtung gehen kann.» Bäumle sei einerseits eine starke Persönlichkeit mit einer starken Meinung, die er mit Vehemenz vertrete. «Auf der anderen Seite ist er durchaus offen für andere Ansichten und lässt sich durch Argumente überzeugen.»
Corona-Prognostiker, Ukraine-Experte
Und Bäumle selber, liebäugelte er nie mit dem Stadtpräsidium? «Als Vize war ich der erste Offizier und sah meine Rolle als Unterstützung des Stadtpräsidenten», sagt er. Neben seiner Arbeit als Nationalrat habe ihn das Amt «wenig gereizt», zumal er dafür das Ressort Finanzen hätte aufgeben müssen.

Tatsache ist: Bäumle ist bei der wählenden Bevölkerung beliebt. Seit 2006 erzielte er bei jeder Stadtratswahl das beste Resultat. Das mag auch mit seinem Bekanntheitsgrad aufgrund einer zuweilen doch recht hohen Medienpräsenz zu tun haben. So war er als Gründer und Präsident der GLP Schweiz während Jahren gern gesehener Gast in Fernsehstudios. Als zeitweiliger Präsident von Green Cross International stemmte er sich, medial begleitet, dem drohenden finanziellen Kollaps der Umwelt- und Hilfsorganisation entgegen.
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs wird der Mitgründer und Co-Präsident der Parlamentarischen Freundschaftsgruppe Schweiz-Ukraine, der über seine Frau Yuliya überdies eine familiäre Verbindung in das Land hat, gerne als Experte befragt. Und dann ist da noch das Thema Atomkraft. Wenn sich irgendwo auf der Welt ein atomarer Zwischenfall ereignet oder auch nur das Thema Atomausstieg in den Medien kursiert, gehört Bäumle zu den Ersten, die die Journalisten anrufen.
Bäumle war 1979 durch den Reaktorunfall im Kernkraftwerk Three Mile Island im US-Bundesstaat Pennsylvania politisiert worden. Der Super-GAU in Tschernobyl war dann die Katastrophe, die alle seine Befürchtungen übertraf.

Darüber hinaus attestieren ihm Freunde wie auch Gegner grosse Kompetenzen in seinen Kerndossiers, politisches Gespür und ein gutes Hintergrundwissen. Dies habe sich schon früh in Bäumles Karriere gezeigt, sagt Peter Anderegg. Der frühere SP-Gemeinde- und -Kantonsrat, der mittlerweile sein Parteibüchlein abgegeben hat, war Ende der 1980er Jahre zusammen mit ihm in der Dübendorfer Gruppierung Bürgerinnen und Bürger gegen Fluglärm und kämpfte wie er gegen AKWs.
«Er hat immer einen guten Riecher dafür gehabt, welche Allianzen er eingehen muss, um seine Ziele zu erreichen», so Anderegg. Bäumle habe einen Hang zur Dominanz, müsse dabei aber nicht unbedingt im Mittelpunkt stehen. Mit seiner raschen und analytischen Denkweise sei er seinen politischen Gegnern oft einen Schritt voraus.
Schnell denken, schnell reden
Das sagt auch Thomas Maier (GLP), ein enger Freund Bäumles und langjähriger politischer Wegbegleiter in Dübendorf wie auch in Bern. Als Maier vor 34 Jahren in die Politik eintrat, war Bäumle schon da – in der Gruppe Energie und Umwelt, lange Zeit die einzigen Grünen im Ort.
Bäumle sei «wahnsinnig gut» darin, komplexe Sachverhalte zu analysieren, in verdauliche Häppchen zu zerlegen und damit Probleme Schritt für Schritt zu lösen. «Er ist ein Schnelldenker, deshalb redet er auch so schnell», sagt Maier.


Tatsächlich sind Bäumles Auftritte legendär, ob nun im Gemeinderat, im Nationalrat oder im Fernsehstudio. Erst leitet er das Thema mit ruhiger Stimme ein, gibt vielleicht ein paar Spitzen gegen Kritiker in der Runde ab. Dann geht es los: Bäumle geht in die Tiefe, Statistiken, Querverweise, er ordnet die Zukunft in Szenarien, findet noch eine Statistik, zitiert Studien und sich selbst («Ich habe schon damals gesagt …»).
Gemeinderat Wyss sagt: «Ich bin mir nicht sicher, ob er am Ende seiner Voten jeweils noch weiss, was er am Anfang gesagt hat.» Jedenfalls gibt es kaum ein Porträt über Bäumle, in dem er nicht als «wandelnde Excel-Tabelle» bezeichnet wird. Als Journalist blickt man nach fünf Minuten Bäumle besorgt aufs Handy – und ist erleichtert, dass die Aufnahme noch läuft.
Thomas Maier schmunzelt, wenn er über Bäumles eindringliche Rhetorik spricht. «Er ist ein Mensch mit hohem Ideologiefaktor und grosser Marathonfähigkeit.» Er wolle, dass es den Menschen gut gehe, dass sie in einer gesunden Umwelt und mit gesunden Finanzen aufwachsen und leben könnten. Dass sein Gegenüber seinen schnellen Gedankengängen nicht nachkomme, sei früher durchaus vorgekommen. «Heute nimmt er sich mehr zurück und kann die Leute mitnehmen.»
Hat er die GLP regiert?
Aus anderen Parteien klingt dieses «Mitnehmen» etwas anders. Bäumle gebe den Kurs der GLP in der Stadt vor, «regiert» sie gar, hört man. Alt Gemeinderat Baumann sagt, Bäumle habe die Dübendorfer Grünliberalen zur «rechtesten GLP der Schweiz» gemacht. Maier winkt ab: «Wir haben viele starke Persönlichkeiten in der Partei, ohne Martin würde sich die Politik der GLP nicht verändern.» Und Bäumle betont, er selbst sei es gewesen, der den jüngeren, weiblicheren und «eher linksliberalen Flügel» der GLP Schweiz mit aufgebaut habe, um die Partei breiter aufzustellen.


Bäumle sieht sich als «pragmatischen Grünen», klar gegen Atomkraft, aber: «Ein Land kann nur dann guten Umweltschutz betreiben, wenn es genügend Geld dafür hat.» Anstelle von Verzicht setzt er auf Technologie. Er will als Verwaltungsratspräsident und Vorstandsvorsitzender der Airborn Fuels Switzerland AG das Fliegen mit Kerosin aus Methanol weniger klimaschädlich machen. Und er hat das Netzwerk Power-to-X mitgegründet mit dem Ziel, die Forschung für die Umwandlung von erneuerbaren und schwer speicherbaren Energien in nachhaltige Energieträger zu fördern.
Der Tesla-Fahrer
Bäumle mag schöne und schnelle Autos und ist begeisterter Tesla-Fahrer. Er hatte als einer der Ersten in der Schweiz das Modell S. Und es darf auch mal ein Verbrenner sein. Ab und zu unternimmt er eine Motorradtour mit seiner BMW R 1200 R. Am liebsten auf schönen Routen im Ausland, etwa im Bayerischen Wald an der Grenze zu Tschechien. Auf seiner Website schreibt Bäumle, dass er für sein Hobby im Jahr maximal 100 Liter Benzin verbrauche. «Ich arbeite noch daran, dies mit E-Fuels aus erneuerbaren Energien zu machen», sagt er.
Seine Begeisterung für Motoren habe Bäumle bereits in der Jugend gehabt, weiss alt Gemeinderat Johner und lacht. «Wir gingen zusammen in die Kanti, er kam mit dem Töffli, alle anderen mit dem ÖV.»
Bäumle sagt dazu: «Grosse Motorräder waren schon immer mein Traum, das Töffli war mit 17 Jahren die erste Option.» Bis er «aus Umweltgründen» wieder damit aufhörte.

Zur letzten Gemeinderatssitzung am Montag fährt Bäumle mit seinem E-Bike – wenn es nicht gewittert. Sein Abschied aus der Dübendorfer Politik sei höchste Zeit, schrieb der damalige Gemeinderat David Siems (Grüne) im Mai in einem Leserbrief im «Glattaler». Jetzt biete sich die Gelegenheit, das frei werdende Ressort in Zukunft wieder im Sinne des Gemeinwohls zu führen. Dies, nachdem Siems ein paar Tage zuvor in der Sitzung des Gemeinderats Bäumle bereits für dessen Benehmen kritisiert hatte. Für diesen persönlichen Angriff auf der Zielgeraden kassierte Siems wiederum eine Rüge von Stadtpräsident Ingold.
Sorge um Gesundheit
Aber auch aus dem Team Bäumle wird sein Abgang nicht nur mit Bedauern kommentiert. Allerdings aus anderen Gründen, und die haben vor allem mit der Sorge um seine Gesundheit zu tun. Man hoffe, dass er jetzt weniger Stress und mehr Zeit für Erholung, sein Privatleben und die schönen Dinge im Leben habe, ist da und dort zu hören.
Und Bäumle? Der bleibt erst einmal im Nationalrat, verfolgt weiterhin seine vielen Projekte für seine Vorstellung von einer besseren Welt, bleibt Verwaltungsrat beim Schweizer Energieunternehmen Axpo, bleibt Geschäftsführer von Green Cross Switzerland. Und neu ist er Präsident des Verwaltungsrats der Dübendorfer Glattwerk AG. «Dies aber nur für zwei bis maximal vier Jahre.» Sagt er.
