Unwetterhotspot Tösstal: So wollen die Gemeinden die Gefahr bannen
Kommt es im Tösstal zum Wolkenbruch, sind überflutete Keller und Garagen keine Seltenheit. Gefahrenkarten verraten, warum das so ist – und dienen als Basis für den Hochwasserschutz. Doch die Sache ist kompliziert.
2021 traf es das Steinenbachtal besonders hart, 2022 kam es zu grossen Überschwemmungen in Zell, und im Sommer 2024 standen die Feuerwehren nach Dauerregen im Mittleren Tösstal ein Wochenende im Dauereinsatz.
Das sind nur drei Beispiele für grössere Feuerwehreinsätze in den vergangenen Jahren. Auch in diesem regenreichen Sommer kam es bereits zu vollgelaufenen Kellern – so etwa nach dem Starkregen Ende Juli. Besonders betroffen waren Wila, Ehrikon und Schalchen.
Das Tösstal, so scheint es, ist besonders anfällig für Unwetterschäden. Das bestätigt auch ein Blick auf die Gefahrenkarte des Kantons. In grossen Teilen des bewohnten Gebiets besteht eine «mittlere Gefährdung» für Hochwasser.
Und jetzt wird es technisch: Konkret bedeutet diese Einstufung, dass in diesen Gebieten häufig mit Ereignissen von geringer bis mittlerer Stärke zu rechnen ist. Mit «gering» sind Wasserstände unter einem halben Meter Höhe gemeint. Diese Wassertiefe reicht bereits, um einen Keller oder eine Tiefgarage in Mitleidenschaft zu ziehen. Bei einem Ereignis mittlerer Stärke steht das Wasser zwischen einem halben und zwei Meter hoch.
Die Gefahr entsteht dabei nicht nur durch Bäche, die über die Ufer treten, sondern auch durch den sogenannten Oberflächenabfluss. Dieser entsteht, wenn der Boden gesättigt ist und das Regenwasser nicht mehr aufnehmen kann. Es sucht sich einen Weg und fliesst stattdessen über Strassen, Felder, Grundstücke.
Laut dem Kanton verursacht Oberflächenabfluss die Hälfte aller Überschwemmungsschäden. Und hier zeigt ein Blick auf die Karte des Kantons ebenfalls, dass das Risiko für Oberflächenabfluss im Tösstal in vielen Gebieten besteht.
Hinzu kommen die grossen Grundwasservorkommen im Tösstal. «Das Gebiet in und um Turbenthal liegt über einem der grössten Grundwasserseen in der Region», erklärte Christian Wullschleger, Kommandant der Feuerwehr Turbenthal-Wila-Wildberg, nach den Unwettern im letzten Jahr.
Das bestätigt die Grundwasserkarte des Kantons: Dort sind grosse Teile des Tals als «Gebiet sehr grosser Grundwassermächtigkeit» gelistet. Das heisst: Die Bodenschicht, die Grundwasser führt – namentlich der Grundwasserstrom der Töss –, ist mit mehr als 20 Metern besonders dick.
Die Schäden an Gebäuden im Tösstal waren in den vergangenen Jahren beachtlich. Von 2020 bis Anfang August 2025 wurden der Gebäudeversicherung des Kantons Zürich (GVZ) in den betroffenen Gemeinden rund 1100 Elementarschäden – Sturm, Hagel, Überschwemmung – gemeldet. Für von der Versicherung gedeckte Schäden bezahlte die GVZ rund 7,4 Millionen Franken.
70 Prozent davon betreffen Schäden in der Gemeinde Zell, besonders ins Gewicht fallen dabei die vom Zellerbach verursachten Überschwemmungen vom 5. Mai 2022.
Beratungsangebote sind gefragt
Schon 2014 erstellte der Kanton die Gefahrenkarte für das Mittlere Tösstal. Dort, wo das Risiko mittelgross ist, müssen bei Baugesuchen bereits mögliche Massnahmen geprüft und dem Kanton vorgelegt werden.
Auflagen für bestehende Häuser gibt es aber nicht – jedoch haben die Eigentümer die Möglichkeit, selber Schutzvorkehrungen zu treffen. Hierzu bietet die Gebäudeversicherung Beratungen an und subventioniert in gewissen Fällen die Massnahmen.
Im hochwassererprobten Zell empfiehlt der Gemeinderat ebenfalls Eigenschutzmassnahmen – nicht zuletzt in Anbetracht der langen und aufwendigen Planungs- und Bewilligungsphase, die Hochwasserschutzmassnahmen erfordern. Obwohl der Rahmenkredit für den Hochwasserschutz dort bereits 2018 angenommen wurde, sind die ersten Projekte wohl nicht vor 2027 umgesetzt.
Dort war die Nachfrage nach Beratungen der GVZ besonders gross. «Die Beratungstätigkeit hängt häufig von der Bautätigkeit respektive den erfolgten Naturereignissen ab», sagt Claudio Hauser, Leiter Naturgefahren bei der Gebäudeversicherung.
Seit 2020 gab es im Tösstal 40 Beratungen und sieben Subventionsgesuche. Die Hälfte der Beratungen und sechs Gesuche löste dabei allein die eingangs erwähnte Überschwemmung in Zell aus.

Doch beim Schutz vor Unwetterereignissen sind nicht nur die Eigentümer gefragt. Gestützt auf die Gefahrenkarte hat auch jede Gemeinde einen eigenen Massnahmenkatalog für Naturgefahren erarbeitet.
Ziel ist, dass jede von ihnen vor einem möglichen Hochwasser geschützt ist, wie es statistisch gesehen alle 100 Jahre auftritt. Von einem solchen waren die meist lokalen Überschwemmungen der letzten Jahre noch weit entfernt.
Eine Umfrage im Tösstal zeigt: Im ganzen Tal laufen Projekte, um Bäche auszubauen. Doch die Dringlichkeit ist nicht überall gleich hoch.
Der Wert des Hochwasserschutzes
In Zell beobachtete die zuständige Gemeinderätin Susanne Stahl (SP) ein Umdenken: «Als wir im März 2018 der Gemeinde den Massnahmenkatalog Naturgefahren Zell inklusive geschätzter Kosten präsentiert hatten, waren schlichter Unglaube und grosse Skepsis die allgemeine Reaktion», sagt sie. Die Unwetter von 2021 und 2022, die sehr lokale, aber heftige Ereignisse gewesen seien, hätten das Bewusstsein sicherlich verändert.
Stahl wirft denn auch die Frage auf, ob sich eine Gemeinde den Schutz vor einem Hochwasser dieses Ausmasses überhaupt leisten kann. Vor allem, weil neue Klimadaten diese statistische Zahl immer wieder relativieren würden.
«Sind wir bereit, in Schutzmassnahmen zu investieren, die vielleicht nie benötigt werden, vielleicht aber auch schon morgen?» Die Dringlichkeit von Hochwasserschutzmassnahmen unterscheidet sich in der Bevölkerung wohl stark – je nachdem, ob man in oder ausserhalb der Gefahrenzone lebt, beurteilt man sie anders. «Wer sich sicher fühlt, gewichtet vermutlich die finanziellen Auswirkungen auf den Steuersatz höher.»
Auf Basis der Gefahrenkarte geht die Gemeinderätin davon aus, dass der Bolsternbach in Kollbrunn nach den Hochwasserprojekten in Zell und Rikon die höchste Priorität geniesst. Für sie sind es weniger die intensiven Niederschläge wie diesen Sommer, die eine Gefahr darstellen, sondern die kurzen, heftigen und besonders schlecht vorhersehbaren Gewitter, die viel Schaden anrichten können.
Wie wenig Zeit zwischen dem Beginn eines Hochwassers und dem Erreichen des Höchststands verstreicht, bestätigt eine entsprechende Karte des Kantons: Bei den meisten Tösstaler Bächen beträgt die sogenannte Vorwarnzeit zwischen null und 60 Minuten. Das bedeutet, dass sich die Feuerwehren kaum auf einen Einsatz vorbereiten können.
Wo viele mitreden, vergeht viel Zeit
In anderen Gemeinden scheint das Thema weniger dringlich, aber dennoch wichtig zu sein. Die Wilemer Gemeinderätin Maya Berwert (SVP) betont zwar, dass man bisher Glück gehabt habe. Ein Grossteil der Bevölkerung sei für einen sinnvollen Hochwasserschutz, halte die Massnahmen – vor allem die Anforderungen des Kantons – jedoch für übertrieben. «Wenn aus einer ein Meter breiten Bachsohle drei Meter werden, wird aus einem Dorfbach ein richtig grosser Bach, der dann viel Privatland in Anspruch nimmt.»
Prioritär verfolgt die Gemeinde Wila aktuell den Ausbau des Huebbachs, der schon seit Jahrzehnten beschäftigt. Von ihm geht laut Berwert das grösste Gefahrenpotenzial aus. Im November soll der Baukredit an die Urne kommen.

Turbenthal sanierte mit dem Chämibach erst 2023 einen Bach. «Damit wurde ein sehr grosser Teil des Dorfs abgedeckt», sagt Gemeinderat Walter Fehr (parteilos). Als Nächstes folgt der Tobelbach in Oberhofen, dessen Sanierung sich in Planung befindet. Den Druck aus der Bevölkerung für mehr Hochwasserschutz stuft der Tiefbau- und Werkvorsteher als klein ein.
Etwas schärfere Worte findet Marcel Flisch (parteilos), der im Gemeinderat Wildberg für die Gewässer zuständig ist. Man arbeite mit Hochdruck daran, den Hochwasserschutz in den Griff zu bekommen, «damit Schäden von Unwettern so gut wie möglich verhindert werden können».
Der Klimawandel habe diese Aufgabe enorm erschwert. Am nächsten an einer Umsetzung befindet sich aktuell der Gassacherbach in Ehrikon: Sie ist für 2027 geplant, der Planungs- und Bewilligungsprozess dauert voraussichtlich das ganze nächste Jahr. Solche Prozesse würden leider immer wieder viel Zeit beanspruchen, meint Flisch.
Er ist mit dieser Analyse nicht allein. Unsere Umfrage zeigt: Prozesse zu beschleunigen, wäre im Interesse der Gemeinden, die Handhabe ist allerdings begrenzt. Neben kantonalen Vorschriften, von denen die Fachstellen laut Susanne Stahl «keinen Millimeter» abweichen können, gilt es, die Interessen von privaten Anrainern, dem Bund und – sobald ein Bach die Bahnlinie unterquert – den SBB unter einen Hut zu bringen. Und da mahlen die Mühlen bekanntlich langsam.