Beim Hochwasserschutz in der Gemeinde Zell braucht es Geduld
Bachsanierungen im Tösstal
Vor sechs Jahren hat das Zeller Stimmvolk einen zweistelligen Millionenbetrag für Hochwasserschutz gesprochen. Nun werden erste Projekte konkreter – doch wo viele mitreden, vergeht schnell viel Zeit.
Wie schnell aus einem ruhigen Bach ein reissender Fluss werden kann, hat sich spätestens seit den verheerenden Überschwemmungen vor zwei Jahren ins kollektive Gedächtnis der Zeller eingebrannt.
Mehr Hochwasserschutz wollten die Bürger aber schon vorher. Vor sechs Jahren sprachen sie sich an der Urne für einen Rahmenkredit in Höhe von 25 Millionen Franken aus, um die Bäche in der Gemeinde fit zu machen für ein Jahrhunderthochwasser.

Bis 2036 hat die Gemeinde Zeit, mit dem gesprochenen Geld Projekte umzusetzen. Gleich an mehreren Orten sind Projekte in Planung. Allerdings mahlen die Mühlen von Politik und Verwaltung langsam.
Rikoner Dorfbach – der Unscheinbare
Erst kürzlich hat der Gemeinderat das Vorprojekt für die Sanierung des Rikoner Dorfbachs bewilligt. Dieser sorgte zuletzt 2021 für Aufregung und flutete mehrere Keller – besonders Langenhard und Rikon wurden «mit Vollgas» getroffen, wie Feuerwehrkommandant Roman Siegenthaler damals sagte.
Weil der Dorfbach über weite Teile unterirdisch verläuft, kann er bei Starkregen nicht genug Wasser aufnehmen. Bei der Analyse fiel auf, dass fast das gesamte Siedlungsgebiet nicht dem Schutzziel entspricht – also vor einem Hochwasserereignis, das alle 100 Jahre eintritt, nicht geschützt wäre.
Hinzu kommen ökologische Defizite. Das Verdikt: In seiner heutigen Form ist der Dorfbach als Lebensraum für Tiere praktisch inexistent – obwohl Potenzial vorhanden wäre.
Der Bach soll künftig an mehreren Orten ans Tageslicht kommen. Wo das nicht möglich ist, werden die Tunnel so vergrössert, dass sie mehr Wasser schlucken können. Das Vorprojekt sieht mehrere Öffnungen vor.
Während diese weiter oben im Dorf vor allem praktischen Nutzen haben, sollen die Rikemer im Zentrum in Zukunft wieder mit dem Bach in Kontakt kommen können. Grössere offene Abschnitte sind auf dem Schulareal Engelburg, beim Schulhaus Tösstalstrasse und in der Badi vorgesehen.
Der Bach soll dort Teil des Areals werden und mit einem Strand im Kleinformat, Picknicktischen und einem Brüggli aufgewertet werden.
Nun liegt der Ball bei den kantonalen Fachstellen, die sich über das Projekt beugen und ihr Feedback an die Gemeinde zurückspielen. Die Änderungen fliessen dann ins Bauprojekt ein, das voraussichtlich im Mai 2026 öffentlich aufgelegt wird.
Wie lange es bis zum Baustart dauert, hängt laut Gemeinderätin Susanne Stahl (SP) zunächst vor allem damit zusammen, ob alle kantonalen Auflagen erfüllt sind. «Und das ist im ersten Versuch fast unmöglich.» Im Anschluss können die betroffenen Landbesitzer mitreden. Frühester Baustart wäre demnach Ende 2026. Kostenpunkt: schätzungsweise rund 4,2 Millionen Franken.
Zellerbach – der Zerstörerische
Nach dem Hochwasser 2022 waren alle Augen auf den Zellerbach gerichtet. Denn er war es, der massiv über die Ufer getreten war und ein ganzes Quartier überschwemmt hatte.
Auch dort soll die Bevölkerung künftig mehr vom Bach haben als nur trockene Füsse. Aktuell werden die Bauprojekte für den Bach und die Umgestaltung des Dorfplatzes erarbeitet. Sie sollen frühestens Ende Jahr vorliegen.
Angedacht sind im Dorfkern zwei Bachöffnungen, eine Tempo-20-Zone und verschiedene Umgestaltungen – etwa eine Dorflinde und Bänkli. Da dieses Projekt ein eigenes Preisschild hat und nicht zum Hochwasserkredit gehört, wird es zwar parallel zu Ersterem geplant, das Volk muss es aber separat absegnen.


Beim eigentlichen Hochwasserschutzprojekt gibt es einige Knackpunkte. Damit der Bach über weite Strecken freigelegt werden kann, müssen meherere kleine Brücken weichen. Das Problem: Sie sind für viele Wohnhäuser die einzige Verbindung über den Bach und müssen nach der Sanierung ersetzt werden.
Die Kosten dafür müssen die Eigentümer selbst berappen. «Die Situation ist nicht ganz einfach, weil die Häuser nur so erschlossen werden können», sagt Stahl. Man sei aber dabei, eine für alle stimmige Lösung zu suchen.
Diskussionen gibt es auch mit den SBB, die in Rikon und in Zell die Bachdurchlässe verbreitern müssen. Anders als beim Huebbach in Wila hat man zwar bereits beim Vorprojekt das Gespräch mit der Bahn gesucht.
Allerdings bremst hier die Frage nach der Finanzierung den Prozess aus. «Aus Sicht der SBB sind die Sanierungen nicht nötig, weil die alten Durchlässe noch einwandfrei sind», sagt Stahl. Gespräche sollen nun klären, wer wie viel daran bezahlt. Wie teuer das Projekt in Zell insgesamt wird, kann Stahl aktuell nicht beziffern.
Den untersten Teil des Zellerbachs, bei der Mündung in die Töss, gestaltet die Gemeinde gemeinsam mit dem Stadtwerk Winterthur um, das in der Nähe ein Grundwasserpumpwerk betreibt und Teile des Lands besitzt.
Bolsternbach – der Heimtückische
«Der wird eine Knacknuss», sagt Gemeinderätin Stahl über den Bolsternbach in Kollbrunn. Denn er plätschert eingeklemmt zwischen Wohngebiet und Strasse vor sich hin. Heisst: kaum Platz für eine Verbreiterung.
Dennoch ist er ein Gefahrenherd, wie in der Risikokarte Naturgefahren des Kantons ersichtlich ist.
Auch beim Bolsternbach soll ein Hochwasserschutzprojekt erarbeitet werden. Bisher habe man dafür aber noch keine Kapazität gehabt, erklärt Stahl.
«Die Koordination mit dem Kanton bringt einen gewaltigen Aufwand mit sich, und irgendwo mussten wir mal anfangen.» Fest steht aber: Sollten sich die beiden anderen Bachsanierungen merklich verzögern, nimmt die Gemeinde den Bolsternbach in Angriff.
Erste Ideen für mögliche Massnahmen sind in einem Konzept erwähnt, das die Gemeinde 2017 in Auftrag gegeben hat. Ein konkretes Vorprojekt oder dergleichen gibt es aber noch nicht.
Tobelbach – der Unauffällige
Weiter unten auf der Prioritätenliste steht der Tobelbach in Hinter-Rikon mit seinen Zuflüssen. Weil er durch grösstenteils unbebautes Land fliesst, muss er vorerst nicht saniert werden. Zu dieser Erkenntnis gelangte der Gemeinderat nach einem Vorprojekt. Stahl: «Wir kamen zum Schluss, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis aktuell nicht für eine Sanierung spricht.»
Mit Blick auf eine zukünftige Sanierung verbreitert die Gemeinde allerdings den Durchlass bei der Neschwilerstrasse. Zudem will die Winterthurer Naturschutzorganisation Aqua Viva den Tobelbach «fischfreundlicher» gestalten und ist dafür auf der Suche nach Geldgebern.