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Politik

Keine schnelle Lösung – aber eine gute?

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Hochwasserschutz in Zell

Die Gemeinde Zell wirft viel Geld auf, um ihre Dorfbäche hochwassersicher zu machen. Wo die Projekte stehen und warum ein unsichtbarer Bach nicht sicherer ist.

Der Zellerbach soll verbreitert werden, damit er künftig nicht so schnell über die Ufer tritt. (Archiv)

Foto: Enzo Lopardo

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Hochwasserschutz in Zell

Damit Überschwemmungen nicht zum neuen Normalfall werden, brauchen die Dorfbäche in Zell und Rikon mehr Platz. Bevor die Projekte zum Kanton gehen, informierte die Gemeinde. Was Sie wissen sollten.

25 Millionen Franken – so viel Geld nimmt die Gemeinde Zell in die Hand, um bis 2036 ihre Gewässer hochwassersicher zu machen. Wie dringlich das ist, davon zeugen Erinnerungen an geflutete Garagen, Keller und Strassen in den Jahren 2021, 2022 oder 2024.

Am Abend des 5. Mai 2022 führten heftige Unwetter mit viel Regen zu Überschwemmungen in Zell.
Vor drei Jahren überflutete der Zellerbach grosse Teile des Dorfs. (Archiv)

Zwei Hochwasserschutzprojekte – für den Zellerbach und den Rikoner Dorfbach – befinden sich aktuell in der Planungsphase. Vergangene Woche hat die zuständige Gemeinderätin Susanne Stahl (SP) zusammen mit Fachleuten über den aktuellen Stand informiert.

Was ist genau geplant?

Die beiden Dorfbäche verlaufen zu einem grossen Teil in unterirdischen Rohren. Doch: «Nur weil man sie nicht sieht, darf man sich nicht in Sicherheit wiegen», sagte Projektleiter Roger Kolb. Bei einem Hochwasser, wie es statistisch gesehen alle 100 Jahre vorkommt, können die Durchlässe nicht genügend Wasser schlucken – in ihrem aktuellen Zustand treten sie im Schnitt alle zehn Jahre über die Ufer.

Als Lebensraum für Flora und Fauna sind solche Gewässer praktisch inexistent. Solche unterirdischen Gewässer sind daher auch vom Gesetzgeber nur noch in Ausnahmefällen erwünscht.

Deshalb ist klar: Beide Bäche müssen künftig vermehrt Tageslicht sehen. Beim Zellerbach stehen zwei grosse Öffnungen im Dorfkern im Fokus, eine davon mit Sitzstufen zum Dorfplatz hin. Dieser soll ebenfalls aufgewertet werden. Hier will die Gemeinde Synergien mit dem Hochwasserprojekt nutzen, muss jedoch einen eigenen Kredit sprechen.

Dort, wo der Bach weiterhin unterirdisch verläuft, werden die Durchmesser der Rohre erheblich vergrössert, damit sie mehr Wasser aufnehmen können. An den überirdischen Bereichen wird das Flussbett ebenfalls breiter. Hinzu kommen Massnahmen oberhalb des Dorfs – ein neuer Rückhalt für Schwemmholz etwa – und die Neugestaltung des Mündungsbereichs in die Töss.

Ähnlich sieht es beim Rikoner Bach aus – dieser zeigt sich künftig beim Schulhaus Engelburg, in der Badi und neben dem Schulhaus an der Tösstalstrasse. Vom offenen Bachlauf und von der natürlicheren Gestaltung des Bachs erhofft sich die Gemeinde neben dem Hochwasserschutz einerseits eine Aufwertung des Schwimmbads. Andererseits eine Art «pädagogischen Effekt», indem die Schülerinnen und Schüler beispielsweise in der Pause am Bach spielen können.

Wo stehen die Projekte?

Beide Vorhaben befinden sich aktuell in der Bauprojektphase und fussen auf den jeweiligen Vorprojekten. Diese wiederum waren aus verschiedenen geprüften Varianten hervorgegangen. Im Unterschied zu den Vorprojekten sind die definitiven Projekte nunmehr an höhere Niederschlagsmengen angepasst, die wegen der Klimaerwärmung zu erwarten sind.

Während beim Zellerbach bis Anfang 2026 noch einige Stellschrauben – vor allem in Bezug auf die Kosten – justiert werden müssen, stehen beim Rikoner Dorfbach demnächst noch Bodenuntersuchungen an. Im Anschluss werden die kantonalen und nationalen Fachstellen beide Projekte prüfen.

Öffentlich aufliegen soll das Vorhaben in Rikon nächstes Jahr, dasjenige des Zellerbachs Anfang 2027. Erst danach können die definitiven Kredite gesprochen werden. Eine Realisierung ist beim Zellerbach ab 2029 denkbar – beim Rikoner Dorfbach hat die Gemeinde bisher keinen ungefähren Baustart kommuniziert.

Was kosten die Vorhaben?

Susanne Stahl und Roger Kolb machten sogleich klar: Wie viel die Projekte die Bürgerinnen und Bürger letztlich kosten werden, hängt stark von den Subventionen von Bund und Kanton ab.

Beim Rikoner Dorfbach rechnet die Gemeinde mit Gesamtkosten von 4,3 Millionen Franken, von denen nach aktuellen Schätzungen rund 2,2 Millionen Franken aus dem eigenen Portemonnaie zu bezahlen wären.

Das Zellerbach-Projekt schlägt mit insgesamt 12,6 Millionen Franken zu Buche. Subventionen gibt es nur für die offenen Abschnitte des Bachs, nicht für die unterirdischen Durchlässe. Mit rund 6,3 Millionen Franken fallen die geschätzten Restkosten entsprechend hoch aus. Das weiss auch die Gemeinde, weshalb sie hier Einsparpotenzial und weitere Fördermöglichkeiten prüfen will.

Visualisierungen Dorfplatz
Auf das Bachprojekt abgestimmt, aber auf separate Rechnung will die Gemeinde den Dorfplatz umgestalten – so könnte das aussehen.

Und weshalb nicht einfach auf die Bachöffnungen verzichten, damit mehr Subventionen gar nicht erst nötig sind? So einfach ist es nicht. Weil das Gesetz untertunnelte Bäche nur noch in Ausnahmefällen vorsieht, würde man damit riskieren, dass das Projekt nicht genehmigt würde. Ausserdem sei der Preis pro Laufmeter bei bedeckten Abschnitten höher als bei offenen, so Kolb.

In der Kostenschätzung für den Zellerbach sind die Ausgaben für die Umgestaltung des Dorfplatzes von rund 2,7 Millionen Franken nicht enthalten. Weil diese nicht zum eigentlichen Hochwasserschutzprojekt gehören, werden sie auch nicht vom Rahmenkredit gedeckt. Hier soll ebenfalls geprüft werden, ob Einsparungen möglich sind.

Obwohl bereits Ideen gesammelt und Entwürfe erarbeitet wurden: Ob diese Umgestaltung überhaupt umgesetzt wird, ist eine politische Entscheidung, die erst noch getroffen werden muss.

Warum dauert es so lange?

«Wir hätten alle gerne eine schnelle Lösung», betonte Stahl an der Informationsveranstaltung. Doch die gebe es nicht.

Dass sich insbesondere das Zellerbach-Projekt so lange hinzieht, hängt nicht zuletzt mit den vielen involvierten Stellen zusammen. Neben den kantonalen Ämtern, Fachstellen und betroffenen Bürgern redet auch der Bund mit – und zwar nicht nur in Form des Bundesamts für Umwelt (Bafu).

So gibt es etwa für die neue Bahnbrücke über den Bach ein separates Verfahren, das die SBB mit dem Bundesamt für Verkehr (BAV) durchlaufen müssen. Die Bewilligung dieses Puzzleteils dauert allein schon mindestens ein Jahr.

Bis das Projekt umgesetzt wird, bleiben besorgten Bürgern einzig private Massnahmen zum eigenen Schutz, wie etwa Schutzmauern oder das Abdichten von Schwachstellen. Nach Ansicht der Gemeinde ist das ohnehin empfehlenswert, zumal auch hochwassersichere Dorfbäche keine 100-prozentige Sicherheit gewährleisten können.

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