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Einwohner sind wütend über fehlenden Hochwasserschutz in Zell

Nach den Überschwemmungen in Zell wird Kritik an der Gemeinde laut. Seit dem letzten Hochwasser habe sie es versäumt, Massnahmen zum Schutz vor Hochwasser zu treffen. Die Gemeinde zeigt sich verständnisvoll.

Das Wasser drang teilweise bis in den ersten Stock der Häuser., Mit einem Hochwasserschutz hätte dies verhindert werden können..., ...sind die Anwohnerinnen und Anwohner überzeugt.

Foto: PD

Einwohner sind wütend über fehlenden Hochwasserschutz in Zell

Seit Tagen schuftet Anton Mettler* aus Zell wie ein Schwerarbeiter. «Seit der Zellerbach am Donnerstagabend über die Ufer trat, arbeite ich jeden Tag 15 Stunden, räume auf, sortiere, putze.» Der Rentner ist verzweifelt: «Wir haben nichts mehr, wir haben alles verloren.»

Das Wasser reichte im Einfamilienhaus des Ehepaars Mettler bis in den ersten Stock.  Das einzige, was ihm geblieben sei, sei ein Paar Schuhe, das dort auf einem Regal gestanden sei, sagt Mettler. «Alles, was wir im Keller aufbewahrten, ist unbrauchbar geworden.» Und er zählt auf: «Lebensmittel, Waschmaschine, Kleider, Heizung, Weihnachts- und Osterschmuck.»

Alle Möbel aus dem ersten Stock hätten sie entsorgen müssen. «Die Küche muss man voraussichtlich auch herausreissen und ersetzen.» Tochter Barbara Mettler*, die ihren Eltern tatkräftig zur Seite steht, sagt mit Tränen in den Augen: «Es ist schlimm, meine Eltern so zu sehen. Sie sind ein Häufchen Elend.»

Lebensmittel liegen kreuz und quer in einem überschwemmten Keller.

Doch das betroffene Ehepaar ist nicht nur traurig über den Schaden, den sie auf rund 200’000 Franken beziffern. Die beiden sind auch wütend. Auf die Gemeinde, auf die Behörden. Denn schon bei der letzten Überschwemmung in Zell im August 2005 war das Haus der Mettlers betroffen.

Aus Angst vor Repressionen seitens der Gemeinde will das Ehepaar Mettler seinen richtigen Namen nicht verraten. «Die Gemeinde hatte 17 Jahre Zeit, einen Hochwasserschutz zu bauen», sagt er. «Doch die Verantwortlichen haben nichts Konkretes unternommen und das Ganze verschlampt. Das Hochwasser hätte verhindert werden können.»

«Pietätloser Auftritt» des Regierungsrats

Auch von der fehlenden Anteilnahme der Gemeindevertreter zeigt sich Mettler enttäuscht. «Bis jetzt war noch keiner hier und finanziell wird sich auch niemand beteiligen. Es interessiert niemanden, wie es uns geht.»

Den Auftritt von Regierungsrat Mario Fehr (parteilos) habe er pietätlos gefunden. «Man schüttelte uns die Hand und sagte ‹ Kopf hoch › . Davon kann ich mir auch nichts kaufen.»

Gemeindeschreiber Erkan Metschli-Roth hat viel Verständnis für den Frust der Anwohner. «Dass die Leute traurig und verärgert sind, ist nach so einem Ereignis eine Reaktion, die wir nachvollziehen können», sagt er.

Ebenfalls Verständnis hat er bezüglich der Kritik, dass es mit den Hochwasserschutzmassnahmen zu langsam vorwärts gehe. «Wenn es nach uns ginge, hätten wir damit schon gestern angefangen», sagt er. «Doch leider gibt es auf kantonaler Ebene viele Vorgaben, die eingehalten werden müssen, bevor wir loslegen können.»

Das sei keine Schuldzuweisung an den Kanton, sondern einfach Fakt. «In unserem Land kann nicht einfach alles auf Gemeindeebene entschieden werden.»

Sanierung in zwei Jahren

Wolfgang Bollack, Mediensprecher der kantonalen Baudirektion bestätigt, dass die Gemeinde zwar für Unterhalt und Hochwasserschutz des Zellerbachs verantwortlich sei, der Kanton aber eine Aufsichtsfunktion in Bezug auf wasserbauliche Massnahmen habe.

Auf der Basis der Naturgefahrenkarte, die man Ende 2014 festsetzte, arbeite die Gemeinde zusammen mit Kanton, Bund und externen Fachleuten mit Nachdruck an der Projektierung der erforderlichen Hochwasserschutzmassnahmen.  « Eine seriöse Planung und Umsetzung der Massnahmen erfordert allerdings einige Jahre Zeit », sagt Bollack.

2018 hatten die Zeller Stimmberechtigen an der Urne einen Rahmenkredit von 25 Millionen Franken zum Schutz gegen Hochwasser befürwortet. Mit diesem Geld will die Gemeinde ihre Bäche bis 2033 sicherer gegen Hochwasser machen. 2024 wird mit der Sanierung des Zellerbachs begonnen.

«Es ist alles kompliziert» – Sanierung des Zellerbachs verzögert sich

30.11.2021

Gemeindeversammlung Zell

Die Stimmberechtigten von Zell haben die traktandierten Geschäfte am Montagabend zügig abgehandel Beitrag in Merkliste speichern «Wir hätten also zeitlich so oder so das jetzige Hochwasser nicht verhindern können», sagt Gemeindeschreiber Metschli-Roth. Dass es von 2005 bis 2018 dauerte, bis man mit diesem Rahmenkredit kam, sei ebenfalls der Bürokratie geschuldet.

«Es gab juristische Bedenken, ob so ein Rahmenkredit überhaupt zulässig ist oder ob jedes Projekt einzeln beziffert werden muss», sagt er. «Die Gemeinde setzte sich am Schluss mit dem Rahmenkredit durch, aber das geht nicht von einem Tag auf den anderen.»

Die massiven Überschwemmungen in Zell könne man mit Hochwasserschutzmassnahmen zwar vielleicht abschwächen, aber nie ganz verhindern, ist Metschli-Roth überzeugt.

«Es wird immer mehr gebaut, immer mehr Böden werden versiegelt, immer mehr Grünflächen verschwinden», erklärt er. «Solange es Menschen gibt, wird es Hochwasser geben. Das ist höhere Gewalt und muss man zu einem gewissen Teil einfach so hinnehmen. Das ist keine fatalistische, sondern eine pragmatische Haltung.»

Anwohner Mettler gibt sich damit nicht zufrieden. «Das sind faule Ausreden. Ich bin überzeugt, dass mit einem anständigen Hochwasserschutz die Schäden massiv hätten minimiert werden können.»

*Name von der Redaktion geändert

Bis zum Montagmittag sind bei der Gebäudeversicherung Kanton Zürich (GVZ) rund 130 Schadensmeldungen eingegangen. Davon rund 85 aus Zell, 25 aus Turbenthal und circa 20 aus Wiesendangen und weiteren Gemeinden. «Wir gehen davon aus, dass im Laufe der nächsten Tage noch weitere Meldungen eingehen», sagt Barbara Greuter, Kommunikationsbeauftragte der GVZ. Zurzeit gehe die Versicherung von einer Schadenssumme von drei bis fünf Millionen Franken aus. «Das Gewitter war sehr lokal mit massiven Regenschauern, teilweise von Hagel begleitet.» In der Folge hätten Hagel und Äste die Wasserabläufe verstopft. Eindrücklich ist der in Zell gemessene Stunden-Niederschlag von 56,3 Millimetern: Er entspricht laut Greuter einem Ereignis, wie es alle 150 Jahre statistisch vorkommen kann. (Redaktion Tamedia/Rafael Rohner)

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