Stadtrat-Kandidierende antworten auf die dringendsten Fragen
Wahlpodium Illnau-Effretikon
Das Wahlpodium in Illnau-Effretikon am Donnerstagabend war etwas eigenwillig strukturiert. Das Publikum durfte keine Fragen stellen. Trotzdem gab es gute Diskussionen.
Am Donnerstagabend luden die Parteien in Illnau-Effretikon zu einem Stadtratspodium ein, denn am 8. März wird in Illnau-Effretikon gewählt. Die neun Kandidierenden wurden auf der Bühne mit Fragen konfrontiert, nicht aber durch das Publikum. «Ich hatte mich bereits darauf vorbereitet», sagte ein Gast und zeigt seine handgeschriebenen Notizen.
Aus zeitlichen Gründen wurden Publikumsfragen weggelassen – diese sollen beim anschliessenden Apéro persönlich gestellt werden. Zudem befragte Moderator Daniel Wüthrich die Politikerinnen und Politiker in drei Etappen. Es wurde über viel Persönliches wie auch Politisches diskutiert. Hier folgen ein paar Kernaussagen.
Erster Teil: Ein konkurrenzloser Stadtpräsident
Den Anfang machte Marco Nuzzi (FDP), aktueller Stadtpräsident von Illnau-Effretikon. Er hatte die Bühne ganz für sich, denn sein Amt macht ihm niemand streitig. Gleichzeitig muss auch er erneut in den Stadtrat gewählt werden.
Nuzzi reflektierte über die letzten vier Jahre und verriet, was ihm am meisten wehgetan hat: das Sparpaket. «Ein Tiefpunkt, denn ich hatte schlaflose Nächte und zum ersten Mal keine Lust auf dieses Amt», sagte er. «Es war nicht schön.» Trotzdem habe der Stadtrat ein Paket erarbeitet, bei dem er dahinterstehen könnte.
Trotz Herausforderungen will er seine Funktion beibehalten. Schon in seiner letzten Kandidatur sei klar gewesen, dass er mindestens für acht Jahre amtieren wolle. «Vier Jahre sind zu kurz, um etwas zu bewegen.» Er selbst gab sich für seine Leistung die Note 4,5, als er vom Moderator gefragt wurde. «Ich habe meine Lehre gezogen, wo ich hätte besser sein können.» Ein bescheidenes Fazit, immerhin hatte niemand das Bedürfnis, ihn vom Amt zu stossen.
Zweiter Teil: Finanzpolitik mit Simon Binder (SVP), Andreas Hasler (GLP), Brigitte Röösli (SP) und Philipp Wespi (FDP)
Im zweiten Teil waren gleich zwei Neukandidierende dabei: Simon Binder (SVP) und Andreas Hasler (GLP). Nach einer persönlichen Vorstellungsrunde war das Scheinwerferlicht auf Brigitte Röösli (SP) gerichtet, denn vor Kurzem hatte ein Vorstoss der FDP den Stellenausbau im Ressort Gesellschaft kritisiert. Konkret: In den letzten acht Jahren ist der Stellenbestand um 655 Prozent erhöht worden.
Röösli konterte dies mit Fakten: «Wir verwalten die Stadt nicht nur, wir entwickeln sie.» Gerade mit den zusätzlichen Stellen hätten bei der Sozialhilfe die Kosten in den letzten zehn Jahren auf 2 Millionen Franken halbiert werden können. Auch die Kosten im Asylwesen seien innerhalb der letzten Jahre um 80’000 Franken reduziert worden.
Philipp Wespi (FDP) gab ihr Rückendeckung. Er ist mit 16 Jahren der am längsten amtierende Stadtrat und für die Finanzen zuständig. «Es braucht eine gute, starke Verwaltung, um langfristig Kosten zu sparen.» Das sei auch eine Entscheidung des Stadtrats gewesen, der dies vorausschauend getroffen hat.
Nicht nur über das Sparen wurde diskutiert, auch übers Investieren. Oder sind die zusammenhängend? Andreas Hasler jedenfalls nannte die Sickertrottoirs als ein Beispiel: Diese seien notwendig, um zu einem späteren Zeitpunkt hohe Kosten beim Abwasser zu sparen. Investitionen seien nicht nur bloss Schulden, man erhalte oft eine Gegenleistung: «Wir werden einen guten Werkhof und gute Schulhäuser haben», sagte er. «Es ist teuer, doch es lohnt sich.» Links und rechts würden bei finanzpolitischen Angelegenheiten des Öfteren polarisieren. «Ich will deshalb aus dem Zentrum heraus die beiden Seiten bändigen.»
Für Simon Binder ist klar, dass der Stadtrat bewusster mit seinen finanziellen Mitteln umgehen muss: «Beim Stall im Eselriet hat er 100’000 Franken Planungskosten investiert, um sechs Tiere zu platzieren.» Den Plan hat man später nicht weiterverfolgt. «Ich sehe mich als Anwalt der Steuerzahler», sagte er. Schliesslich sei es eine wahnsinnige Verantwortung. «Mein Grundsatz ist: Würde ich so mit dem Projekt umgehen, wenn es mein Geld wäre?»
Dritter Teil: Wohnpolitik mit Daniel Huber (SVP), Michael Käppeli (FDP), Rosmarie Quadranti (Die Mitte) und Samuel Wüst (SP)
Auch im dritten Teil des Podiums gab es einen Neukandidierenden: Daniel Huber (SVP). Moderator Wüthrich konfrontierte ihn mit einer Frage, die sich wohl manche Wähler stellen: Konkurrieren sich die beiden SVPler nicht selbst? «Nein, denn wir sind beide Teamplayer, und das Ziel ist es, als Team einzuziehen», sagte Huber. Damit dies geschieht, müsste ein Bisheriger nicht mehr gewählt werden.
Der Moderator sprach die Wohnungsnot in Illnau-Effretikon an. Auch für Rosmarie Quadranti (Die Mitte) eine dringliche Angelegenheit. Die kantonale Initiative «Mehr bezahlbare Wohnungen im Kanton Zürich» hätte dabei ein Ansatz sein können. Nicht zuletzt, um die Quote des bezahlbaren Wohnraums halten zu können. Quadranti hatte sich im Initiativkomitee engagiert, die Initiative wurde aber abgelehnt. Quadranti zählte weitere Ansätze auf, die der Wohnungsnot entgegenwirken könnten. Ihr Fazit: Die Lage ist kompliziert. Umso dringender müsste die Stadt eine Lösung finden.
Michael Käppeli (FDP) sieht wiederum das Schwinden von günstigem Wohnraum als eine logische Entwicklung: «Wir alle wollen günstig und schön wohnen», sagte er. «Aber eine Region mit guter Lage und Infrastruktur hat ihren Preis.» Auch sei intensiveres Bauen keine Lösung, denn dieses wirke sich auf die Lebensqualität aus.
Daniel Huber teilt die Sorge um steigende Mieten, sieht es jedoch nicht als Aufgabe der Stadt, sich in den «freien Markt» einzumischen. Für ihn liege der Schlüssel in der Reduktion von Bauvorschriften: «Wir können nicht nach neuestem Standard bauen und gleichzeitig günstige Wohnungen erwarten.» Er spricht von einer Vereinfachung beim Bauen.
Das machte Quadranti jedoch stutzig. Sie forderte konkrete Beispiele. «Wir könnten den Minergie-Standard runterschrauben», meinte Huber. Darauf konterte Quadranti: «Solche Anforderungen sind auf den Zustand der Welt zurückzuführen. Wir können schon wieder so bauen, dass wir wie verrückt heizen müssen.» Doch die Anforderungen an den Umgang mit Energie, an die Klimaanpassung und an die Gesundheit des Menschen seien berechtigt. «Das ist weder billig noch einfach zu haben.»
Samuel Wüst (SP) erklärte, dass es wichtig sei, kostengünstige Wohnungen zu unterstützen, denn längerfristig habe dies Auswirkungen auf die Kosten der Stadt. «Es ist Mist, wenn eine Person Zusatzleistungen beantragen muss, weil sie beim Wohnungswechsel 800 Franken mehr Miete bezahlt.»
Am Ende blieb auf der Bühne Ernüchterung. Alle erkannten die Notwendigkeit, doch die Wege dahin unterscheiden sich. «Die Politik wird von Eigenheimbesitzern gemacht», sagte Moderator Daniel Wüthrich. Damit will er sich nicht nur auf Illnau-Effretikon beziehen, obwohl es für den Stadtrat gänzlich zutrifft.
Weitere persönliche wie auch politische Statements der einzelnen Personen gibt es in der Aufzeichnung des Podiums auf dem Youtube-Kanal der Stadt Illnau-Effretikon.