Sie will in Illnau-Effretikon zeigen, was Frauen in der Politik alles können
Politprominenz auf Augenhöhe
Die Parlamentarierinnen in Illnau-Effretikon haben ein Ziel: die Beteiligung der Frauen in der Politik zu stärken. Stadträtin Rosmarie Quadranti hat dafür hohen Besuch eingeladen. Aber keine Bange, Ehrfurcht braucht es nicht.
Mit einem orangefarbenen Bellini in der Hand und ihrer Hündin Niwa unter dem Tisch sitzt Rosmarie Quadranti (Die Mitte) in einem Restaurant auf dem Marktplatz in Effretikon. Die Stadträtin hat sich in ihrer vollen Agenda ein Plätzchen freigehalten, um über einen Verein zu sprechen, der eigentlich noch gar nicht richtig gegründet wurde: Politfrauen ILEF.
Künftig könnte sich dieser der Stärkung der Frauen in der Politik widmen. Obwohl der Verein vorerst nicht mal googlebar ist, läuft am 15. August die erste Veranstaltung mit hohem Besuch aus Bern: Bundesrätin Karin Keller-Sutter (FDP) wird im Stadthaussaal in Effretikon «auf ein Wort» zu sprechen sein. Politikerinnen unter sich.
Quadranti geht es dabei um Gleichstellung. Nicht um Lohngleichheit, sondern um die weibliche Präsenz in der Politik. Bereits dieses Jahr gab es einige Wechsel in den Parlamenten der Region. Trotz fleissigem Nachrücken von Frauen bleiben die Geschlechter in der Politik jedoch unausgeglichen. Einer der Gründe: Familie.
«Frauen sind prädestiniert, Politik zu machen»
«Heutzutage könnte die Frau eigentlich schon fast von Gleichstellung sprechen. Aber nur, bis sie das erste Kind hat», sagt Quadranti. Danach würden die meisten Familien wieder in alte Rollenbilder verfallen. Die Frau kümmert sich um die Kinder und den Haushalt.
Ein absolutes Killerkriterium, um in der Politik mitzumischen, oder? «Im Gegenteil», behauptet Quadranti mit einem stolzen Lächeln. «Frauen sind prädestiniert, Politik zu machen», sagt die Stadträtin. Mütter oder allgemein Frauen würden sich stets in Positionen wiederfinden, wo sie Kompromisse machten und Interessen wie auch Termine jonglierten. «Politik ist da nur eine Erweiterung der bestehenden Agenda.»
Ob es mit dem politischen Erfolg klappe oder nicht, sei dahingestellt. Doch Quadranti ist der festen Überzeugung, dass alle Frauen, die es wollen, sich in einer politischen Rolle wiederfinden können, und denkt Politfrauen ILEF weiter: Um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen, genüge es nicht, ein Podium einmal jährlich zu organisieren.
Vor Wahlen müsste man Info-Veranstaltungen machen, wo Stadträtinnen, Gemeinderätinnen, Parlamentarierinnen und eben alle anderen politischen Funktionen vertreten sind. Die interessierten Frauen könnten dann von erster Hand erfahren, wie es um die Möglichkeiten oder den Aufwand in den jeweiligen Positionen stehe und wie sich dies mit ihrem Alltag vereinbaren lasse.
«Frauen sind mutig. Also wieso das nicht gleich in der Politik unter Beweis stellen, wenn man das doch will? Egal, ob mit oder ohne Kind», sagt sie. Damit meint Quadranti gleich das volle Programm.
«Wenn ich Frauenliste höre, dann stehen mir die Haare zu Berge. Das ist gut für die Quote. Doch wurde schon jemals jemand von einer Frauenliste gewählt?», fragt die Stadträtin. Ihre Empfehlung ist einfach: Hauptliste ins Visier setzen und schauen, was passiert.
Frau Nationalrätin auf dem Sockel
«Als ich 2011 in den Nationalrat gewählt wurde, sprach man mich plötzlich mit Frau Nationalrätin an. Sogar meine Post war so angeschrieben», erinnert sich die 67-jährige Mutter. Ihr ist dies vorgekommen, als würde man sie auf einen Sockel heben. «Aber ich war doch immer noch einfach Rosmarie.»
Die Ehrfurcht, die mancher gegenüber Politikerinnen oder Politikern verspürt, will Quadranti verringern. Denn eine gewonnene Wahl habe zwar mit Engagement zu tun, doch es brauche auch viel Glück.
«Man muss zur richtigen Zeit in der richtigen Partei sein. Das heisst aber nicht, dass wir etwas Besseres sind als andere», betont sie. Sondern bloss, dass sie mehr Stimmen erhalten hätten. Es spiele keine Rolle, aus welchem Haus man komme, welches Geschlecht oder welche Hautfarbe man habe. Kurz gesagt: Politik kann jeder und jede.
Deshalb seien Politikerinnen und Politiker keineswegs unnahbar, sondern einfach nur Menschen, die ein Ziel verfolgten. Quadranti nippt an ihrem Bellini. «Ich möchte Frauen, die neugierig sind oder politisches Interesse haben, dazu ermutigen, sich zu engagieren. Denn was wir Politikerinnen können, können andere auch», manifestiert die Stadträtin mit einer ansteckenden Zuversicht.
Eine parteiübergreifende Zustimmung
Dass Karin Keller-Sutter in Effretikon zu Besuch sein wird, ist aber eigentlich nur Zufall. Quadranti hatte die Bundesrätin schon vor Jahren ans offene Frauenpodium in Volketswil eingeladen – auch dort versuchte die heutige Illnau-Effretiker Stadträtin die Frauenstimme in der Politik zu festigen.
Zuvor hatte das Podium bereits andere Bundesrätinnen und Bundesräte eingeladen. Doch Keller-Sutter musste ihre Anwesenheit terminlich verschieben.
«Weil ich inzwischen nicht mehr in Volketswil wohne, fand ich es seltsam, das Gespräch mit Karin Keller-Sutter dort zu führen.» Also musste ein neues Format her. Eines, das fast vor ihrer Haustür stattfindet: Effretikon. Quadranti erkundigte sich bei ihren Mitpolitikerinnen im Parlament, ob Interesse an einem Verein für Frauen und Politik bestehe. Die Antwort: ein eindeutiges Ja.
Quadrantis Vorhaben wurde parteiübergreifend unterstützt – egal, ob von rechts, von der Mitte oder von links –, was auch andere Parlamentarierinnen bestätigten. «Die Partei zeigt nur, was man für eine Grundhaltung hat. Doch um Lösungen zu finden, muss man auch mal über den eigenen Gartenzaun schauen können», erklärt Quadranti.
Und Effretikon eigne sich besonders dafür: «Die Debattierkultur hier ist grossartig. Parlamentarierinnen und Parlamentarier haben Achtung voreinander, hören sich gegenseitig zu und wollen nicht einfach nur recht haben.» Auch wenn es Frauen im Illnau-Effretiker Parlament gebe, so hinke die Gleichstellung trotzdem etwas hinterher.
Frauen unter sich
Quadranti wird zusammen mit der grünen Parlamentarierin Silja Benker das Gespräch mit der Bundesrätin, die das Finanzdepartement leitet, führen. Im Vorfeld haben sich Politikerinnen aus dem Parlament und dem Stadtrat Fragen ausgedacht, um Karin Keller-Sutter auf den Zahn zu fühlen.
Was für Tipps kann sie anderen Finanzministern geben? Welche Entwicklungen haben sie in den letzten Jahren besonders erfreut? Was hat sie am meisten geärgert? Und wie hat sich eigentlich ihr soziales Umfeld verändert, als sie zur Politik fand?
Es gehe dabei nicht bloss darum, Keller-Sutters Fachwissen als Finanzministerin zu präsentieren. Zum einen sollen sich andere Politikerinnen als Gastgeberinnen und Rednerinnen zeigen. Denn das sei oft reine Männersache, meint Rosmarie Quadranti. Zum anderen soll man auch dem Menschen hinter der politischen Funktion auf Augenhöhe begegnen können.
Das Privileg, eine solch hohe politische Persönlichkeit beim Apéro zu treffen, sei selten. In der Schweiz jedoch möglich. Diese Gelegenheit sei ein wichtiger Aspekt, um Menschen für Politik zu begeistern, so Rosmarie Quadranti.
Sie trinkt den letzten Schluck ihres Bellinis. Aber was ist eigentlich mit Männern? Da könnte man doch sagen, dass ein Geschlecht im Verein ausgeschlossen wird? «Das ist doch nichts Unübliches. In einer Männerriege fragt ja auch niemand, wieso es keine Frauen gibt – oder umgekehrt.»
Dürfen sie wenigstens zuschauen? «Ja, sie dürfen im Publikum sitzen. So gnädig sind wir dann schon», sagt die Stadträtin mit einem Schmunzeln und einem Augenzwinkern.
Auf ein Wort mit Karin Keller-Sutter
Donnerstag, 15. August, von 19.30 bis 21.30 Uhr.
Stadthaussaal Effretikon, mit anschliessendem Apéro.
Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht notwendig.