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Bilanz in fünf Punkten

Was von Olympia aus regionaler Sicht bleibt

Ein Dutzend Athletinnen und Athleten aus unserer Region sorgten an den Winterspielen in Mailand und Cortina für Ergebnisse und Emotionen. Das sind die fünf prägendsten Geschichten.

Diesen Moment wird Sinja Leemann (Mitte) nicht so schnell vergessen: Die Gossauer Eishockey-Nationalspielerin bestaunt die soeben erhaltene Bronzemedaille.

Foto: Keystone

Was von Olympia aus regionaler Sicht bleibt

Ein Dutzend Athletinnen und Athleten aus unserer Region sorgten an den Winterspielen in Mailand und Cortina für Ergebnisse und Emotionen. Das sind die fünf prägendsten Geschichten.

Sinja Leemanns und Alessia Baechlers Bronze-Traum

Zwölf Jahre nach dem historischen Bronze-Coup von Sotschi schreibt das Eishockey-Frauen-Nationalteam erneut Olympia-Geschichte – und zwei Oberländerinnen prägen sie entscheidend mit. Als die Gossauerin Sinja Leemann im Spiel um Bronze gegen Schweden zum 1:1 ausglich, kippte die Partie. Mit ihrem Effort brachte sie die Schweiz in die Overtime – und legte den Grundstein zum späteren 2:1-Erfolg nach Verlängerung. Weniger spektakulär, aber nicht minder wertvoll war der Beitrag der Illnauerin Alessia Baechler. Über das gesamte Turnier hinweg agierte sie als verlässliche Kraft in der Defensive.

Drei Siege feierte die Schweiz insgesamt, dazu die knappste aller Niederlagen gegen Kanada (1:2) im Halbfinal – ein weiteres Zeichen für die Entwicklung der letzten Jahre. Bereits beim ersten Olympia-Erfolg 2014 gehörte mit der Mönchaltorferin Janine Alder eine Oberländerin zum Kader. Zwar blieb sie als Ersatztorfrau ohne Einsatz, doch sie war Teil jener Equipe, die Schweizer Eishockeygeschichte schrieb. Mit nur zwei Siegen holte das Team damals sensationell Bronze. Heute stehen noch zwei Spielerinnen aus jenem Team im Aufgebot – als Brücke zwischen den Generationen.

Dass nun erneut Oberländerinnen auf dem Podest stehen, fügt der Olympia-Geschichte ein weiteres Kapitel hinzu. Bei den vergangenen Winterspielen durften sich fast immer Sportlerinnen und Sportler aus der Region über mindestens eine Medaille freuen.

Was der jüngste Erfolg bedeutet, zeigte sich nach der Schlusssirene vor der Halle: Noch im verschwitzten Matchtenü lagen sich die Spielerinnen in den Armen, hielten ihre Medaillen in die Kameras – und feierten bis tief in die Morgenstunden mit Familie und Freunden.

Kaitlyn McGregors spätes Diplomglück

Neben den Medaillen sammelten die Oberländer Teilnehmenden sechs Diplome – ein deutlicher Beleg für die Breite in der Region. Besonders stach die Ebmatinger Eisschnellläuferin Kaitlyn McGregor heraus. Im Massenstart wurde sie Sechste und war damit die einzige Oberländerin mit einer Einzel-Auszeichnung. Für die bald 32-Jährige war es die Olympia-Premiere – und damit ein Moment, auf den sie lange hatte warten müssen. 2014 verpasste sie die Selektion ebenso knapp wie 2022, als McGregor sich nach einer längeren Pause zurückgekämpft hatte. Umso mehr Gewicht erhielt nun dieser sechste Rang. Dabei wäre im Wettkampf über 1500 Meter sogar noch mehr möglich gewesen. In der letzten Kurve geriet sie ins Straucheln, wodurch es «nur» zu Platz 11 reichte. Andere hätten gehadert – McGregor nicht. «Ich bin sehr stolz auf das Erreichte», sagte sie.

Die Eishockey-Männer klassierten sich mit Sven Andrighetto (Wermatswil) und Tim Berni (Dübendorf) im fünften Rang. Dennoch überwog die Enttäuschung nach dem Viertelfinal-Aus gegen Finnland. Nur 72 Sekunden trennten die Schweiz vom Halbfinal, ehe in der Overtime das entscheidende 2:3 fiel. Mehr als gerechtfertigt hat auch Skispringer Felix Trunz vom SC am Bachtel sein Olympia-Aufgebot. Der 19-Jährige belegte mit Teamleader Gregor Deschwanden im Super-Team-Wettkampf den siebten Rang. Und in den nordischen Bewerben sorgten die Hinwiler Langläuferin Anja Weber (7. Rang) sowie der Walder Biathlet Sebastian Stalder (8.) mit der Staffel für die weiteren Achtungserfolge.

Nicola Wiggers erfrischende Freude

Es war das pure Leiden und die pure Freude gleichzeitig: Wer den Zieleinlauf von Nicola Wigger am Samstag nach dem Rennen über 50 km im klassischen Stil mitverfolgte, konnte gar nicht anders, als sich mit dem und für den Gibswiler zu freuen. Unter Krämpfen lief er ins Ziel, genoss den Moment aber auch und vergass nicht, ins Publikum zu winken. Dass er dabei den 19. Rang holte, schien in diesem Moment völlig zweitrangig – macht es aber umso bemerkenswerter.

Wigger hat diesen Spielen aus Oberländer Sicht den emotionalen Stempel in positiver Hinsicht aufgedrückt – nicht nur, weil die Spiele seiner sportlichen Karriere einen Boost verleihen. Und nicht nur, weil er sich erst im letzten Augenblick dafür qualifiziert hatte. Sondern auch, weil sich der 24-Jährige nicht verstellte und völlig sich selber blieb. Sei es mit seinen Postings auf Social Media, die zwischen Selbstironie, Sauglattismus und Seriosität hin und her pendeln. Oder sei es in seinen TV-Interviews, in denen er jederzeit authentisch wirkte und frisch von der Leber weg Auskunft gab. «Die spinned. Das sind hohli Cheibe», sagte er etwa, als er auf die Pace der Norweger in der Startphase des 50-km-Rennens angesprochen wurde. Und: «Ich war seit November seriös, jetzt habe ich mir ein, zwei Biere verdient.» Wer würde es ihm verübeln?

Anja Webers grosser Ärger

So deutliche Worte hatte man von ihr noch nie öffentlich vernommen. Als Anja Weber nach ihrer Nichtberücksichtigung für den Teamsprint über Social Media Swiss-Ski kritisierte und von den Spielen abreiste, überraschte sie viele damit. Als Frohnatur wirkte sie bisher stets, immer fröhlich, immer lachend, jedem Resultat und jedem Ereignis etwas Positives abgewinnend. Es ging bisher in ihrer Karriere immer alles auf, so schien es. In diesem Winter ist sie in der Langlauf-Weltspitze angekommen und galt vor den Spielen als Medaillenkandidatin im Teamsprint mit Nadine Fähndrich. Schliesslich holte das Duo vor einem Jahr WM-Bronze und lief in der Disziplin auch schon mehrfach aufs Weltcup-Podest.

Doch dann setzte Swiss-Ski statt auf Weber auf Nadja Kälin. Und Weber zeigte Kante. Sie handelte trotz grossem Ärger nicht überstürzt, sondern durchdacht. Nicht von Emotionen geleitet, sondern mit einem Plan. Die Botschaft, es gehe ihr nicht um Personen, sondern um den Prozess, vermittelte sie glaubwürdig – und ohne Hilfe von Kommunikationsexperten, was heutzutage bemerkenswert ist.

Was aber auch klar ist: Die Tatsache, dass Fähndrich und Kälin zusammen Silber holten, suggeriert: Swiss-Ski hat alles richtig gemacht. Ob man das wohl verbandsintern auch so sieht? Wenn nein, dann hat sich Webers grosser Ärger gelohnt.

Natalie Maags tiefe Enttäuschung

Es hätte ihr Karrierehöhepunkt werden sollen. Stattdessen erlebte Natalie Maag (28) in Cortina die wohl bittersten sportlichen Stunden ihres Lebens. Neunte wurde sie wie an den Spielen 2022. Es ist ein Ergebnis, über das sie sich an der Olympia-Premiere freute. Mittlerweile aber ist sie WM- und EM-Medaillengewinnerin, der erneute 9. Rang löste darum viel Frust aus bei ihr. Das missglückte Olympia-Rennen schüttelte Maag richtiggehend durch. Etwa im SRF-Interview nach dem letzten Lauf, dann beim Zusammensein mit ihren Fans, aber auch noch nach einer Nacht Schlaf. So sehr gar, dass Maag sich mit einem Anflug von Galgenhumor wunderte: «Ich wusste nicht, dass man so viel weinen kann.»

Man kann sich kaum vorstellen, wie brutal die zwei Tage in Cortina gewesen sind für Maag. Sie zählt zu den technisch besten Fahrerinnen, mit Kurve drei aber kam sie nicht zurecht. Es ist eine Sache, nicht wie leise erhofft um einen Podestplatz mitfahren zu können. Eine ganz andere aber, seinen Ansprüchen von Anfang an hinterherzuhinken und auch das Mindestziel zu verpassen – das Diplom. Maag ist eine Optimistin. Und hat ihre Resilienz schon oft bewiesen. Es ist also nicht riskant, darauf zu wetten, dass die Rodlerin den Tiefschlag wegsteckt und bald zurück im Angriffsmodus ist.

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