Im dritten Anlauf wird sie zur Leaderin
Der Weg von Kaitlyn McGregor zu den Olympischen Spielen war alles andere als geradlinig. Nach einem frühen Durchbruch, Rücktritt und mehreren Anläufen zählt die Ebmatingerin zum Kreis der Weltspitze.
Wenn Kaitlyn McGregor am 7. Februar mit dem Auftaktrennen über 3000 m erstmals an Olympischen Spielen startet, ist dies die späte Erfüllung eines Traums. Die Ebmatingerin galt als Jahrzehnt-Talent, verlegte bereits im Alter von 16 ihren Lebensmittelpunkt nach Holland, wo Eisschnelllauf einen grossen Stellenwert hat. Doch nach der verpassten Olympia-Qualifikation 2014 zog sie mit 19 einen Schlussstrich. Sie fühlte sich zu sehr eingeengt und unter Druck gesetzt.
Es folgte eine Auszeit, in der McGregor andere Wege ging – sie lebte zeitweise mit ihrem damaligen Freund in Kanada, liess sich zur Yogalehrerin ausbilden und spielte Eishockey. Erst mit dem neu formierten Schweizer Eisschnelllauf-Team fand sie zurück auf die Bahn. Für Peking 2022 reichte es noch nicht. Nun aber steht McGregor mit fast 32 auf der grössten Bühne ihres Sports – als Teamleaderin.
Ausgangslage und Erwartungen
McGregor erfüllte in gleich vier Disziplinen den Richtwert für Olympia: über 1000, 1500 und 3000 Meter sowie im Massenstart. Die besten Resultate sind ihr als Gesamtzehnte in der Disziplinenwertung über 1500 m und im Massenstart (7. Rang) zuzutrauen – jene Wettbewerbe, die erst in der zweiten Wettkampfwoche auf dem Programm stehen. Sie sagt: «Damit habe ich nicht gerechnet. Über vier Strecken laufen zu können, ist ein Traum.»
McGregor reiste dabei nicht als Schweizer Einzelkämpferin an die Spiele. Mit Livio Wenger und Ramona Härdi, mit der sie nicht nur das Zimmer teilt, sondern auch im Massenstart antritt, schafften zwei weitere Athleten die Selektion. Drei Schweizer Eisschnellläuferinnen und -läufer an Olympischen Spielen – so viele wie letztmals 1968.
Die unbekannte Bahn
Die olympischen Wettbewerbe finden auf einer temporären Bahn in einer Messehalle statt – eine ungewohnte Umgebung für das Gros der Athletinnen und Athleten. Üblicherweise wird an einem Olympiastandort bereits ein Jahr zuvor die Eisschnelllauf-Weltmeisterschaft ausgetragen, was wertvolle Eindrücke gibt. Dieses Mal fehlt diese Erfahrung: Einzig ein Junioren-Weltcup wurde im vergangenen Herbst ausgetragen. Im Vorfeld war zudem von Problemen mit der Eisqualität die Rede, Risse im Eis sorgten für Unsicherheit und Fragen. Diese Mängel sollen inzwischen behoben sein.
McGregor hat gehört, dass die Halle im Vergleich zu anderen Austragungsorten «eher warm» sein soll. Sie rechnet deshalb mit ähnlichen Bedingungen wie auf ihrer Heimbahn in Inzell – ein Umstand, der ihr entgegenkommen könnte. Zudem reiste McGregor bereits Ende Januar nach Italien, um sich auf die Gegebenheiten vorzubereiten. Die frühe Anreise bewährte sich schon in diesem Herbst nach Nordamerika. Bei den Weltcups in Salt Lake City und Calgary legte sie die Basis für ihre erstmalige Olympia-Qualifikation.
Vertrauen ins Material
Letzte Saison wechselte McGregor ihre Schlittschuhe – ein Schritt, der sich schnell als Fehlgriff herausstellte. «Ich wollte diesen Schuh unbedingt. Das war ein Fehler», sagt sie. Noch während des Winters kehrte sie deshalb zu ihrem alten Modell zurück. McGregor bevorzugt eher weichere Schuhe: «Ich bin eine Gefühlsläuferin und muss das Eis spüren.» Der Schuh, der nicht funktionierte, war vom Schnitt her eher wie ein Short-Track-Modell gestaltet, für engere Kurven konzipiert.
Auch beim Anzug probierte sie etwas Neues: Sie trägt ein Modell einer US-Firma, die bisher vor allem im Inline- und Velosport bekannt war. Der kurz vor Saisonstart eingetroffene Anzug bewährte sich schnell. «Auch wenn man es nicht sieht, er ist bequemer – gerade am Oberkörper», sagt McGregor. Vor allem im Massenstart, wo ein zweiter, schnittfester Anzug darunter getragen werden muss, spürt sie den Unterschied: «Da fühlt man sich sonst wie ein Pinguin. Mit dem neuen Anzug kann ich mich deutlich freier bewegen.»
Der Formaufbau
Für das Olympia-Ticket überliess die mittlerweile in Weggis und Inzell lebende McGregor wenig dem Zufall. Bereits sechs Wochen vor dem Weltcup-Auftakt reiste sie nach Übersee, um auf den als besonders schnell geltenden Bahnen die nötigen Zeiten zu erzielen. Der Plan ging auf: McGregor gelangen mehrere persönliche Bestwerte, die über 1500 Meter in Salt Lake City erzielte Zeit ist derzeit sogar die achtschnellste überhaupt.
Nach den Weltcups in Heerenveen (NED) und Hamar (NOR) streute sie einen weiteren Trainingsblock ein. Auf die Europameisterschaften Anfang Januar in Tomaszow Mazowiecki (POL) verzichtete sie bewusst – auch aus Erfahrung. Die Halle ist für ihre tiefen Temperaturen bekannt – und McGregor verbindet mit ihr keine guten Erinnerungen. «Da bin ich immer krank geworden», sagt sie. Als letzter Formtest diente ihr hinterher die Weltcup-Station im heimischen Inzell.
Familie und Freunde
Nach dem Weltcup in Salt Lake City, bei dem ein Grossteil der Familie live vor Ort war, überraschte McGregors Vater sie mit einer besonderen Botschaft: Er habe bereits vor einem Jahr Tickets für die Olympischen Spiele gekauft – inklusive gemietetem Airbnb. Nach Mailand reisten aber nicht nur ihre Eltern, sondern auch Bruder Ryan aus Boston sowie Tanten und Onkel aus Kanada an. Ergänzt wird der familiäre Rückhalt durch einige Kolleginnen aus der Schweiz.