Anja Weber über ihre Olympia-Abreise: «Am Schluss muss ich auf mich schauen»
Anja Weber reiste nicht mit einer Medaille von den Olympischen Spielen heim, sondern früher als geplant und mit öffentlicher Kritik am Verband. Im Interview nimmt die Hinwiler Langläuferin Stellung.
Anja Weber, mit welchen Gefühlen haben Sie den Teamsprint mitverfolgt, der für die Schweizerinnen mit Silber endete?
Anja Weber: Ich war mit meinem Bruder am Bachtel Langlaufen und sah danach gerade noch die entscheidende Runde. Klar war die Enttäuschung über diese Situation noch da. Trotzdem freute ich mich über das Resultat und habe den beiden direkt eine Nachricht geschickt, um zu gratulieren. Für mich ist die Sache nun abgehakt.
Wenn Sie «die Sache» sagen, meinen Sie Ihre Nichtnomination für diesen Teamsprint und Ihre öffentliche Kritik per Instagram-Post daran.
Ja, wobei es mir wichtig ist, zu betonen, dass es mir nicht um Personen geht. Dass Nadja Kälin toll in Form ist, hat sie ja bewiesen, sie hat sich die Nomination verdient. Mir geht es um den Prozess und die Kommunikation. Da fehlte mir die Transparenz und Verlässlichkeit. Wir wussten nicht, wann entschieden wird und was die konkreten Kriterien sind.
Wann fiel denn der Entscheid?
Am Samstag nach dem Staffelrennen wurden wir informiert.
Sie liessen das Rennen über 10 km Skating, eine Ihrer stärksten Disziplinen, extra aus, um sich für die Teamwettkämpfe zu schonen. Hätte es für Sie einen Unterschied gemacht, wenn der Entscheid schon vor diesem Rennen gefallen wäre?
Ja, dann wäre ich den «Zehner» gelaufen. Das wäre für mich okay gewesen.
Warum sind Sie abgereist und nicht im Val di Fiemme geblieben, um das Team zu unterstützen?
Ich bin ein ausgeprägter Team-Mensch, das Team ist mir wichtig. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass ich für etwas nicht selektioniert werde. In einem Sportlerinnenleben gehört das dazu. Doch hier kamen ganz viele Dinge zusammen, auf die ich auch nicht öffentlich eingehen möchte. Ich konnte nicht mehr dahinterstehen. Am Schluss ist es ein Einzelsport, und ich muss auf mich schauen. Die Saison ist noch nicht vorbei, ich bin Zwölfte im Gesamtweltcup und will in den Top-15 bleiben.
Sind Sie gleich nach dem Entscheid abgereist?
Nein, nein. Es war auch kein leichtfertiger Entscheid. Ich führte am Sonntagvormittag lange Gespräche mit Cheftrainerin Karoline Braten Guidon und mit Jürg Capol und Rafael Ratti (Capol ist Nordisch-Chef von Swiss-Ski, Ratti Langlauf-Disziplinenchef – die Red.). Am Montagabend habe ich mich von allen verabschiedet und meine Gründe erläutert. Es war mir wichtig, dass es alle von mir erfahren. Nicht nur die Athletinnen und Athleten, sondern auch der ganze Staff und die Serviceleute. Man kann doch nicht einfach wortlos abhauen. Nach Hause gereist bin ich dann am Dienstag.
Am Montagabend haben Sie Ihre Kritik auch per Social Media publik gemacht. Warum?
Ich musste es doch irgendwie kommunizieren. Ich habe Supporter, Fans, Sponsoren, und es kamen schon Fragen, weshalb ich nicht nominiert sei. Mir ist offene und ehrliche Kommunikation wichtig. Klar, andere hätten das vielleicht nicht auf diese Weise getan. Aber wer mich kennt, weiss, dass ich die Dinge anspreche, wenn ich finde, dass etwas nicht geht. Ich bin direkt. So war ich schon immer.
Auf die Gefahr hin, dass man Sie auch als schlechte Verliererin sehen kann?
Ja genau, das war mir durchaus bewusst. Wer kritisiert, hat auch Gegner. Und Swiss-Ski sah das wohl nicht gerne, das kann ich nachvollziehen und verstehe es auch.
Ihr Posting hat über 2000 Likes und über 100 fast ausschliesslich positive Kommentare ausgelöst. Nadine Fähndrich hat mit drei Herzchen darauf reagiert. Haben Sie auch Kritik vernommen?
Direkt nicht. Ich war sehr überrascht, dass ich viele sehr positive Nachrichten erhalten habe. Vor allem auch von Personen, die die Verhältnisse und Hintergründe etwas kennen. Das bedeutet mir schon etwas.
Haben Sie sich für das Posting an einen Kommunikationsexperten gewandt?
Nein, ich habe den Text selber geschrieben, und wir haben im Familienchat daran gefeilt. Mir war wichtig, dass er nicht emotional ist, und ich wollte nicht gegen Personen schiessen, sondern es sollte klar herauskommen, dass es mir um den Prozess geht. Wenn ich die Reaktionen nun sehe, denke ich, dass mir das gut gelungen ist.
Nordisch-Chef Jürg Capol wurde von SRF auf Ihre Abreise angesprochen und hat Verständnis dafür geäussert, dass Sie «frische Luft» brauchten. Er sagte aber auch, man sei nicht erfreut und müsse das aufarbeiten. Haben Sie nach Ihrem Posting noch einmal etwas von offizieller Seite gehört?
Nein. Mein Ziel ist, dass ich etwas Positives auslöse und eine Entwicklung anstosse. Nach dem Gespräch am Sonntagvormittag hatte ich den Eindruck, dass es da und dort schon «Klick» gemacht hat. Wie gesagt: Dass der Verband keine Freude hat, war mir durchaus bewusst.
Wie schwierig ist es in solchen Momenten, die Emotionen beiseite zu lassen und sachlich zu bleiben?
Ich hatte schon meine sehr emotionalen Momente. Die liess ich zu, als ich bei meiner Familie war, da musste ich auch weinen. Ich habe mich bei allen Gesprächen aber immer zusammengerissen und Fakten geliefert. Wer etwas bewirken will, muss argumentieren können und nicht einfach emotional darauf losgehen. Ich bin sehr stolz darauf, dass mir das gelungen ist. Ich habe vor den Gesprächen vom Sonntagmorgen eine A4-Seite vollgeschrieben mit Dingen, die ich sagen wollte.
Sie haben an den Spielen drei Einsätze bestritten – geraten diese Resultate völlig in den Hintergrund, oder spielen die Wettkämpfe in Ihrer Bilanz dennoch eine Rolle?
Sie spielen schon eine Rolle, auch wenn am Ende natürlich alles etwas überschattet wurde. Im Grossen und Ganzen war es gut. Im Skiathlon (25. Rang – die Red.) zeigte ich nicht das, was ich wollte, was aber nicht weiter tragisch war. Mit dem Sprint (Viertelfinal-Out, 18. Rang – die Red.) konnte ich zufrieden sein, da war ich beste Schweizerin, und es war auch etwas Pech dabei bezüglich Material. In der Staffel (7. Rang) lief es mir auch gut. Wir hatten uns als Team etwas mehr erhofft – aber da muss bekanntlich immer vieles zusammenpassen.
Sie haben es schon angesprochen, die Saison ist noch nicht zu Ende. Wie geht es nun für Sie weiter?
Ich reise für einige Tage nach Alicante, dort ist mein Freund (ein französischer Triathlet – die Red.) im Trainingslager. Ich habe das letzten Winter schon vor der WM getan, die Luftveränderung wird mir guttun. Da habe ich etwas Abstand, kann gut auf dem Velo trainieren und werde sicher bereit sein für die verbleibenden Weltcuprennen.
Ob sich Ihr sportlicher Fokus in Zukunft vom Langlauf wieder vermehrt zum Triathlon verschiebt, haben Sie bewusst offen gelassen bis nach dieser Saison. Haben die Ereignisse dieser Woche einen Einfluss auf diesen Entscheid?
Ich denke nicht, nein. Das ist weiterhin offen. Ich werde mich davon leiten lassen, was mir Freude macht. Und bisher habe ich mein Leben mit diesen beiden Disziplinen ja immer genossen.