Der bürgerliche Dübendorfer Stadtrat diskutierte in linker Umgebung
Erstes und einziges Podium in der Stadt
Eine lebhafte Gesprächsrunde, die wichtigen Dübendorf-Themen und ein kleines bisschen Krawall: Das war das – genossenschaftlich organisierte – Wahlpodium zu den bevorstehenden Stadtratswahlen.
Liegt die Zukunft Dübendorfs im Hochbord? Fast könnte man es meinen an diesem Freitagabend im Mehrzweckraum der Überbauung Westhof. Denn hier, im Neubauquartier an der Grenze zu Zürich, findet das einzige Podium vor den Wahlen statt, veranstaltet von den Bewohnern der Genossenschaftssiedlung.
Das Publikum: Menschen aus dem Quartier, aktive Politiker, Politiker im Ruhestand, auch ein paar erstaunlich konzentrierte Kinder; unter dem Strich nicht gerade die Leute, die man an einem Puurezmorge der SVP antrifft. Insgesamt gut 60 Köpfe sind es.
Der Moderator: Corsin Manser, Westhof-Bewohner, «Watson»-Redaktor und ein ziemlich gewiefter Podiumsleiter, der die Führung nie aus den Händen gibt und die Diskussion am Laufen hält.
Und schliesslich das Podium: Sechs Stadträte, die am 12. April gerne wiedergewählt werden möchten, in alphabethischer Reihenfolge: Susanne Hänni (GLP), Ivo Hasler (SP), Adrian Ineichen (FDP), Stadtpräsident André Ingold (SVP), Dominic Müller (Die Mitte), Hanspeter Schmid (Die Mitte). Und drei Herausforderer, die den Bisherigen den Job streitig machen wollen – oder zumindest den Sitz des zurücktretenden Martin Bäumle (GLP) wollen: Stefanie Huber (GLP), Roger Gallati (FDP), Tanja Lips (SVP).
Erste Frage erfolgreich überstanden
Sie alle müssen erst einmal einen Initiationsritus durchlaufen und in einem Halbsatz ihre Haltung zur geforderten Tempo-30-Zone im Hochbord kundtun. Die Tatsache, dass niemand des Saals verwiesen wird, zeigt, dass sie es zur Zufriedenheit der Anwesenden – oder zumindest diplomatisch genug – gemacht haben.
Doch dann wird es ernst, denn es geht an diesem Abend um die grosse Frage: Wie will man in Dübendorf zusammenleben? In einer rasant wachsenden Stadt, in der sich viele Menschen die Miete nicht mehr leisten können, ein Mangel an Pflegeplätzen herrscht – und ein Thema wie Tempo 30 dennoch seit Jahren die politische Diskussion beherrscht (wie Sozialvorstand Hasler später monieren sollte).
Von der Frage, wie es die Stadt mit den vielen fremdsprachigen Kindern bei der Einschulung hält (eine optimistische Bildungsvorsteherin Susanne Hänni zeigt die Angebote und Massnahmen auf), ist man schnell beim Thema Integration und Sicherheit (und damit bei Sicherheitsvorstand Schmid, der ein Manko bei niederschwelligen Treffpunkten für Jugendliche ausmacht, was man aber angehen werde).
Der Stadt sind die Hände gebunden
Zentrales Thema ist der Mangel an bezahlbaren Wohnungen, der sich mit jedem Neubau auf der Ruine eines Altbaus verschärft (und bei Hochbauvorstand Müller eine gewisse Ohnmacht auslöst). Denn, und das machen vor allem die aktuellen Amtsträger auf dem Podium klar: Bei den städtischen Grundstücken im Gumpisbüel und Leepünt kann die Stadt durch die Zusammenarbeit mit Genossenschaften Einfluss nehmen. Was hingegen Privateigentümer auf ihren Grundstücken machten, da seien der Stadt weitgehend die Hände gebunden.
Die Revision der Bau- und Zonenordnung, auch darüber ist man sich an diesem Abend mehrheitlich einig, wird das Problem nicht entschärfen, da sie in manchen Quartieren eine massive Verdichtung ermöglicht (wobei Stadtpräsident Ingold darauf hinweist, dass in bestimmten Gebieten bei Mehrausnützung ein Anteil günstiger Wohnungen vorgeschrieben ist).
Ein Anwesender ist gar nicht zufrieden mit den Antworten. Er moniert eine Umverteilung von arm zu reich und beklagt, dass junge Familien ausgeblutet würden (dabei zielt er vor allem auf Herausforderer Gallati, der sich zuvor für lockerere Bauvorschriften ausgesprochen und auf die zuziehenden, guten Steuerzahler hingewiesen hat). Wenig später verlässt er wutentbrannt den Raum.
Steuerfuss – für einmal nur eine Randnotiz
Deutlich weniger hitzig geht es zu und her, als aus dem Plenum der Wunsch nach mehr Begegnungsorten und Kunst im öffentlichen Raum kommt. Das Podium zeigt sich wohlwollend und gesprächsbereit (wobei Tiefbauvorstand Ineichen festhält, dass es neben dem Einsatz der Stadt auch das Engagement der Anwohner braucht).
Das Thema Steuerfuss ist – ganz im Gegensatz zu den Endlosdiskussionen im Parlament – nur eine Randnotiz; die städtischen Finanzen haben an diesem Abend generell nicht die höchste Priorität (Herausforderin Stefanie Huber merkt an, man müsse investieren, Luxuslösungen aber lehnt sie ab).
Während die amtierenden Stadträte an diesem Abend mehrheitlich als Teil einer Kollegialbehörde auftreten und den Eindruck zu erwecken versuchen, Probleme zu erkennen und entsprechend ihrer Möglichkeit zu handeln, positionieren sich die Herausforderer durchaus unterschiedlich.
Stefanie Huber tritt beinahe schon amtstragend auf und lobt den Stadtrat für dessen gute Finanzpolitik. Roger Gallati wiederum ist im Parlaments-Kampfmodus mit FDP-Siegel unterwegs. Und Tanja Lips zeigt sich den ganzen Abend recht zurückhaltend.
Wer sich im Raum bis dahin noch unsicher ist, wem er seine Stimme geben soll, dem hilft vielleicht die letzte Frage an die Runde: Was für ein Lokal soll anstelle des geplanten McDonald’s beim Bahnhof Stettbach hinkommen? Die Antworten (zusammengefasst): Ein Treffpunkt, wo Jung und Alt zusammenkommt, wo ein Kafi nicht 8 Franken kostet, nicht viel Müll produziert wird – und der von der Quartierbevölkerung auch besucht wird (Anm. d. Red.: am Schluss wird es dann aber wohl doch ein McDonald’s sein).