Wie die Stadt Kleinkindern Deutsch beibringen will
Eine Umfrage zeigt, dass fast die Hälfte der Dübendorfer Kleinkinder nicht gut oder gar nicht Deutsch spricht. Die Stadt will das ändern – mit neuen Massnahmen.
Der Eintritt in den Kindergarten ist für Kinder ein wichtiger Schritt für ihre Sozialisation und ihre Bildung. Auch wenn es von aussen so aussehen mag, als würden sie nur mit Klötzchen spielen und mit den Fingern malen, passiert in dieser Bildungsstufe extrem viel: Die Kinder lernen, mit Gleichaltrigen umzugehen, sich auszudrücken, Probleme zu lösen und sich an Regeln zu halten. Sie entwickeln sich emotional, kognitiv und motorisch weiter.
Spricht ein Kind kein oder nur wenig Deutsch, gehen ihm viele dieser Vorteile verloren. Gina Sessa, Leiterin des Familienbereichs und Integrationsbeauftragte der Stadt Dübendorf, sagt: «Das Kind fühlt sich einsam, wenn es sich nicht mitteilen oder am Unterricht teilnehmen kann. Die Kommunikation mit den Lehrpersonen und den Gleichaltrigen wird erschwert.»
Und das habe für die Kinder einschneidende Konsequenzen: «Sie beginnen ihren Bildungsweg mit einem Abstand zu ihren Kollegen und benötigen sonderpädagogische Förderung. Dieser Abstand kann oft nicht aufgeholt werden und wird mit der Zeit grösser.»
2 bis 8 Franken für die Gesellschaft
Dübendorf will diesem Bildungsdefizit entgegenwirken und hat im vergangenen Sommer das Pilotprojekt «Sprachstanderhebung und Sprachförderung» lanciert. Es folgt auf die Motion der Gemeinderätin Angelika Murer Mikolásek (GEU/GLP) und läuft noch bis 2028.
Im Januar dieses Jahrs hat die Stadt nun eine Sprachstanderhebung bei allen Kindern im Alter von zweieinhalb bis vier Jahren durchgeführt. Das Ziel war, Förderbedarf beim Erlernen der deutschen Sprache frühzeitig zu erkennen und etwaige Defizite zu beheben.
«Wenn kleine Kinder in den ersten vier Lebensjahren Anregung und Förderung erhalten, haben sie es später leichter in der Schule», so Sessa. «Davon profitieren auch nicht fremdsprachige Kinder, weil die Lehrpersonen entlastet werden und sie mehr Zeit für die ganze Klasse haben.»
Früh geförderte Kinder würden zudem weniger Sonderförderung benötigen und höhere Schulabschlüsse erlangen. «Studien belegen: Für jeden Franken, der in die frühe Förderung investiert wird, fliessen 2 bis 8 Franken an die Gesellschaft zurück.»
Für die Erhebung wurde ein von der Universität Basel entwickelter Elternfragebogen in 14 Sprachen verwendet. Die Rücklaufquote von 97 Prozent Ende Mai war ein Spitzenwert. Die Stadt hat sich dafür ordentlich ins Zeug gelegt. «Wir haben zwei Erinnerungsbriefe verschickt und wo nötig die Familien auch telefonisch kontaktiert», sagt Sessa.
Flickenteppich Schweiz
Dass Kinder mit Migrationshintergrund möglichst früh sprachlich gefördert werden sollten, ist unumstritten. Über die Massnahmen, mit denen dies erreicht werden soll, und die Finanzierung besteht jedoch keine Einigkeit.
Basel-Stadt ist Vorreiter bei der frühen Sprachförderung. Der Kanton hat bereits im Jahr 2012 eine Verpflichtung eingeführt: Kinder, die nicht gut genug Deutsch sprechen, müssen mindestens drei Halbtage pro Woche eine deutschsprachige Spielgruppe, Kita oder Tagesfamilie besuchen. Der Förderbedarf wird mit einem Fragebogen eruiert – demselben, der jetzt auch in Dübendorf eingesetzt wurde.
Unterstützt wird das Basler Modell von einer Langzeitstudie der Universität Basel aus dem Jahr 2017. In dieser heisst es: «Je früher Kinder mit Migrationshintergrund von Betreuungsangeboten ausserhalb der Familie profitieren, desto schneller lernen sie Deutsch – und desto kleiner sind später ihre Defizite in der Schule.»
Im Kanton Zürich gab es Vorstösse für eine flächendeckende Einführung dieses Modells. Aber Obligatorien für Kinder im Vorschulalter sind ein kritisches Thema. Die Initiative wurde 2019 vom Kantonsparlament abgelehnt. Man wollte die finanziellen Mittel nicht aufwenden und hinterfragte die Wirksamkeit. Eine Motion mit dem gleichen Ziel wurde vom Kantonsrat zwar angenommen, sie ist aber noch immer hängig.
Was bleibt, ist ein Flickenteppich aus Massnahmen. Der Fragebogen wird in 354 Gemeinden in 15 Kantonen eingesetzt. Auch in der Stadt Zürich. Diese subventioniert freiwillige Sprachförderung für bis zu drei Tage in Kindertagesstätten, Kloten bietet Vorschulgruppen an, Wallisellen einen Informationsabend.
Auch in Dübendorf sind die Massnahmen freiwillig. Mit diesem Projekt ist die Stadt eine der Vorreiterinnen in der Region. Wetzikon, Egg und Wangen-Brüttisellen wenden den Fragebogen ebenfalls an. Speziell an Dübendorf ist aber das kostenintensive nachgelagerte Programm. Alle Spielgruppenleiterinnen sowie das Personal der am Projekt beteiligten Kitas werden bezüglich Sprachförderung kontinuierlich weitergebildet.
Damit die Fortschritte der Kinder auch gemessen werden können, konnten sich die Eltern bei der Sprachstanderhebung für eine Wirksamkeitsstudie der Universität Basel anmelden. Diese wird in den Schuljahren 2026/2027 und 2027/2028 durchgeführt.
Das Ergebnis der Umfrage war aber ernüchternd: 45 Prozent der Kinder sprechen nicht gut genug Deutsch, um sich im Kindergarten richtig verständigen zu können. Die meisten dieser Kinder, rund 80 Prozent, besuchen aber bereits eine Einrichtung, in der Deutsch gesprochen wird, wie eine Kita, Privatschule, Spielgruppe oder Tagesfamilie.
Dankbarkeit und ein bisschen Skepsis
Nach Abschluss der Erhebung hat sich die Stadt im Frühling darangemacht, die Familien der 63 förderbedürftigen Kinder, die noch keine Einrichtung besuchen, telefonisch zu kontaktieren.
So machte Dübendorf die Eltern auf die Angebote der Stadt aufmerksam. Dazu gehören: der Eltern-Kind-Deutschkurs, Kindertagesstätten, Spielgruppen, die Krabbelgruppen, das Café im Familienzentrum oder die Sprach- und Leseförderung in der Bibliothek.
Das Fazit der Bemühungen: 36 Kinder werden nach den Sommerferien eine Kita oder eine Spielgruppe besuchen. 16 Familien wurden über die Angebote informiert, es kam bis zu den Sommerferien noch zu keiner definitiven Anmeldung. Die restlichen Familien konnten nicht erreicht werden.
Sessa sagt: «Die Mehrheit der Familien war dankbar, dass wir uns gemeldet haben. Nur wenige Familien zeigten Skepsis.» Es sei ein grosser Erfolg, dass man so viele Eltern habe dazu bewegen können, ihre Kinder in die Kita oder die Spielgruppe zu schicken.
Sie fügt hinzu: «Es ist ein grosser Vorteil der Sprachstanderhebung, dass die Eltern sich schon sehr früh mit dem Sprachstand und der Entwicklung ihres Kinds beschäftigen und so noch genügend Zeit haben zu handeln, bevor das Kind in den Kindergarten eintritt.»
Freiwillige bauen Brücken
Die Eltern der förderbedürftigen Kinder sprechen zahlreiche Sprachen wie Albanisch, Arabisch, Italienisch, Polnisch, Russisch oder Portugiesisch. Da die Mitarbeiter der Stadt für die Kontaktaufnahme nicht alle diese Sprachen beherrschen, werden sie von interkulturellen Vermittlerinnen, sogenannten Brückenbauerinnen, unterstützt.
Diese 13 Dübendorferinnen mit unterschiedlichen sprachlichen Hintergründen stellen sich freiwillig in den Dienst der Stadt. Sie informieren fremdsprachige Familien über Kulturtreffs, Deutschkurse oder Freizeitangebote.
Im Rahmen der Sprachstanderhebung halfen sie gegen eine finanzielle Entschädigung bei der Kontaktaufnahme und Beratung. Sessa erklärt: «Sie haben die Haltung der Eltern abgeholt und ihnen bei Bedarf erklärt, was unter einer Spielgruppe oder einer Kita zu verstehen ist. Wichtig war, sicherzustellen, dass die Eltern die Bedeutung der Sprachförderung verstehen und sich ernst genommen fühlen.»
Eine dieser Brückenbauerinnen ist Lorena Viazzi. Die Norditalienerin und zweifache Mutter wohnt seit zehn Jahren in Dübendorf und arbeitet als Krabbelgruppe-Leiterin im Familienzentrum an der Wallisellenstrasse. Nebenbei organisiert sie viermal im Jahr einen Treff für italienisch sprechende Familien.
Sie sagt: «Ich mache diese Arbeit, weil ich selbst schon in der Situation der fremdsprachigen Familien war. Integration ist nicht einfach – viele Einwanderer fühlen sich ausgeschlossen und allein.»
Fünf italienischsprachige Familien hat Viazzi diesen Sommer betreut. «Die meisten Familien haben meine Hilfe akzeptiert.» Die erste Kontaktaufnahme passierte per E-Mail, anschliessend wurde über WhatsApp ein Telefon- oder ein persönliches Gespräch vereinbart.
«Während der persönlichen Treffen spiele ich mit dem Kind, um es kennenzulernen und Vertrauen zur Familie aufzubauen», sagt Viazzi, die seit zweieinhalb Jahren als Freiwillige aktiv ist. «Dann informiere ich über die Möglichkeiten der sprachlichen Integration, gehe auf die Sorgen der Eltern ein, gebe Empfehlungen ab und beantworte Fragen.»
Und davon gebe es jeweils genug. «Viele zugezogene Personen kennen die Schweizer Gesellschaft nicht und haben deshalb viele Fragen zur sozialen Integration und zum Erlernen der Sprache.» Bei Bedarf unterstützt die Brückenbauerin die Eltern auch dabei, eine Kita oder eine Spielgruppe zu finden.
Nachplappern hat pädagogischen Wert
Unter Sprachförderung versteht die Stadt nicht das klassische Sprachenlernen, das Erwachsene kennen. Ihr Ansatz sei alltagsorientiert. «Die Kinder lernen durch Zuhören und Nachsprechen Deutsch», sagt Sessa. «Die Sprache wird ihnen durch Interaktion beigebracht, nicht durch das Büffeln von Vokabeln.» Die Fachpersonen in den Dübendorfer Kitas und Spielgruppen wurden dafür von der Pädagogischen Hochschule St. Gallen weitergebildet.
Neben den Kitas und Spielgruppen, wo fremd- und deutschsprachige Kinder gemeinsam hingehen, bietet die Stadt auch das Eltern-Kind-Deutsch an. Das ist ausschliesslich für fremdsprachige Kinder und ihre Eltern.
Anders als der Name vermuten lässt, ist es aber kein typischer Deutschkurs. Wer das Familienzentrum an einem Mittwochvormittag betritt, fühlt sich vielmehr an einen Elterntreff oder eine Krabbelgruppe erinnert. Der Eingang ist vollgestellt mit Kinderwagen, die Eltern haben sich ungezwungen im Raum verteilt, und ihre Kinder beschäftigen sich mit Spielzeugen auf dem Boden.
Dann ruft sie die Leiterin Cansu Gökduman in einen Kreis. Fünf Mütter und ein Vater setzen sich mit ihren zweieinhalb- bis vierjährigen Kindern auf den Boden. Die Dreikäsehochs haben sie auf dem Schoss oder vor sich. Eine der Mütter hat auch ihren Säugling mitgebracht, der neben ihr im Bettchen schlummert.
Gökduman beginnt mit einem Begrüssungslied. «Grüezi, seid ihr denn alle da …», singt die Leiterin vor, die Kinder und die Eltern summen und murmeln leise mit. Danach greift sie in eine Kiste und holt ein Bilderbuch hervor, womit sie eine Geschichte über einen Eisbären erzählt, legt den Kindern Eiswürfel in die Hand oder macht mit ihnen ein Angelspiel.
Bei jeder Aktivität spricht sie langsam und deutlich vor und animiert die Kinder dazu, ihr Wörter nachzusprechen. Sie fragt: «Wie fühlt sich der Eiswürfel an?» oder «Was ist das Gegenteil von kalt?». Die Eltern hören derweil aufmerksam zu, unterstützen ihr Kind, übersetzen, interagieren.
«Die Kinder lernen und erfahren die Welt mit allen Sinnen», erklärt Sessa. «Wir stellen Handlungen nach, die die Kinder auch im echten Leben erleben, wie Hände waschen, eine Banane schneiden oder mit der Schere umgehen.» Jede Woche wird ein neues Thema behandelt – sie reichen von Bekleidung, Wetter und Tieren über Wald und Gefühle bis hin zu Nahrung und Abenteuer.
Die Leiterinnen begleiten diese Handlungen mit Sprache: Sie beschreiben, was sie tun, stellen den Kindern Fragen und erklären ihnen Wörter. «Das Ziel ist, dass auch die Eltern Deutsch lernen. Zudem sollen sie mitnehmen, dass sie möglichst viele solcher Momente im Familienalltag mit Sprache begleiten sollen.» Denn Kinder würden so am besten lernen.
Gökduman hat derweil Blätter verteilt, worauf die Kinder Gesichter zeichnen. «Das ist eine Nase, das hier sind die Augen.» Zusammen klatschen sie zu Wörtern wie «Eis-Bär» oder «Schnee». Auch die Mütter und der Vater machen brav mit. Zum Abschluss halten die Eltern gemeinsam ein Tuch über die Kinder, die in der Mitte des Kreises sitzen. Zusammen rufen sie laut: «Eins – zwei – drei – vier …», während sich das Tuch über den lachenden Kindergesichtern hebt und senkt.