Wie es zur grossen Wende im Tägernauer Holz kam
Jahrzehntelang wurde um eine Abfallschlackendeponie im Tägernauer Holz mit allen Mitteln gerungen, nun will der Regierungsrat den Wald in Grüningen und Gossau zum Ersatzstandort herunterstufen. Ein Entscheid, der alles auf den Kopf stellt.
20 Jahre lang hat Susanna Jenny für den Erhalt des Tägernauer Holz gekämpft. Zuerst als Gemeindepräsidentin von Grüningen, danach als Sprecherin der «IG DepoNie». Man darf es ihr also nachsehen, dass sie die Medienmitteilung, die der Kanton Zürich Ende November verschickte, zweimal lesen musste.
«Ich glaube, ich spinne», habe sie ihrem Mann in einer ersten Reaktion zugerufen – so überrascht sei sie gewesen. Und jetzt? «Da bin ich einfach nur glücklich, dass unser Wald auf absehbare Zeit, wenn nicht sogar für immer verschont bleibt», sagt sie und lacht.
Tatsächlich hat der Regierungsrat nach der Vernehmlassung zur Richtplan-Teilrevision 2024 beschlossen, den seit 2009 eingetragenen Standort für Abfallschlacke (Typ D, siehe Box) zu einem Ersatzstandort herunterzustufen. Für diese Deponie, darauf hatten die Gegner stets pointiert hingewiesen, müssten sechs Hektaren Wald gerodet werden. Das entspricht 8,5 Fussballfeldern.
Die fünf Deponietypen
Typ A: unverschmutzter Aushub von Baustellen
Typ B: schwach belasteter Aushub und Abfälle wie Isolationen von Baustellen
Typ C: restmetallhaltige, schwer lösliche Reststoffe (zum Beispiel Schleifmittel) aus der Industrie
Typ D: Schlacken und Aschen aus der Abfallverwertung
Typ E: stark belastete Rückstände von Baustellen oder aus der Industrie
Verantwortlich für das Projekt ist die ZAV Recycling AG – eine Firma, die sieben öffentlichen Körperschaften gehört, wobei der grösste Aktionär der Zweckverband Kehrichtverwertung Zürcher Oberland (Kezo) in Hinwil ist. Sie hat bereits im April 2023 den Gestaltungsplan beim Amt für Raumplanung zur Vorprüfung eingereicht und ihn darauf der Öffentlichkeit präsentiert.
Plötzlich ist die Leerüti Trumpf
Stattdessen will der Kanton jetzt die nur zwei Kilometer entfernt liegende Leerüti prioritär behandeln. Dieser Standort war ebenfalls 2009 im Richtplan verankert worden – mit der Prämisse, dass dort wegen der geologischen Gegebenheiten nur wenig belastete mineralische Abfälle (Typ B) vergraben werden können.
Nun, 15 Jahre später kommt er zum Schluss, dass die Leerüti für fast die ganze Bandreite von Abfällen (Typen B, C, D und sogar E) geeignet ist. Mehr noch: Das geplante Volumen soll von 1,3 auf 2,1 Millionen Kubikmeter erhöht werden. Der Gestaltungsplan ist bereits in Arbeit.
Zwei Vorbehalte gibt es allerdings noch: Auf Anfrage schreibt Isabelle Rüegg, Sprecherin der Baudirektion, dass im Rahmen des Gestaltungsplanverfahrens noch eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt wird. Man gehe aber davon aus, dass die Deponie wie vorgesehen mit den entsprechenden Typen realisierbar ist.
Zudem muss der Kantonsrat die Teilrevision im Richtplan noch festsetzen. Angesichts der noch anstehenden Kommissionsberatungen dürfte das erfahrungsgemäss nicht vor Ende 2026 geschehen.
Schonfrist bis 2046 …
Weiter will die Kantonsexekutive das bestehende Kreismodell verschärfen. Bislang durften in Kreisen, in denen sich mehrere Standorte auf wenig Raum konzentrierten, mehrere Deponien betrieben werden – allerdings nur je eine pro Abfalltyp. Neu darf auch unabhängig vom Abfalltyp nur noch eine offen sein.
Aktuell sind im Kreis rund um Egg, Gossau, Mönchaltorf und Oetwil am See die Deponien Chrüzlen und Wissenbüel in Betrieb. Beide dürften in den nächsten fünf Jahren fertig befüllt und geschlossen werden. Bis dann müssten die nötigen Vorbereitungen für die privat betriebene Deponie Leerüti – Eignungsabklärungen, Erschliessung, Gestaltungsplan – abgeschlossen sein.
Geht man davon aus, dass diese wie vom Kanton veranschlagt 15 bis 25 Jahre geöffnet sein wird, könnte das Tägernauer Holz also frühestens 2046 wieder aufs Parkett kommen – wenn überhaupt. «Welcher Standort nach der Leerüti in Betrieb geht, hängt davon ab, für welchen Deponietyp Bedarf vorhanden ist», schreibt Baudirektionssprecherin Rüegg.
… oder sogar für immer?
Fragt man Susanna Jenny und die «IG DepoNie», dürfte sich das Thema mit diesem Entscheid gar definitiv erledigt haben. Dies, weil der Kanton mit dem Büelholz in Egg (Typ B) eine weitere Deponie im gleichen Kreis prioritär behandelt und zugleich damit rechnet, dass die Menge an Deponieabfällen dank intensivierter Kreislaufwirtschaft deutlich gesenkt wird.
«Ich gehe davon aus, dass sowohl ich als auch meine Kinder keine Deponie im Tägernauer Holz erleben werden. Konsequenterweise könnte man sie also gleich ganz aus dem Richtplan streichen», sagt die 65-Jährige.

Bei den beiden betroffenen Gemeinden Gossau und Grüningen will man sich offiziell noch nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Gossaus langjähriger Gemeindepräsident Jörg Kündig (seit 2002, FDP) hat mit seinem Gremium wie Jenny die Deponie im Tägernauer Holz von Beginn weg bekämpft. Er sagt: «Wir sind von diesem Entscheid natürlich positiv überrascht. Jetzt schon zu feiern, wäre allerdings verfrüht. Wir haben ja eben gesehen, wie schnell es gehen kann.»
Kündig spielt damit auf die bemerkenswerte Wende an, die der Regierungsrat vollzogen hat. Noch im Dezember 2023 hatte die Kantonsregierung die Leerüti als Deponie für Abfallschlacke als ungeeignet bezeichnet: In der Antwort auf eine Anfrage, die Kündig in seiner Funktion als Kantonsrat gemeinsam mit Elisabeth Pflugshaupt und Daniel Wäfler (beide SVP Gossau) eingereicht hatte, argumentierte sie, dass die Anforderung einer homogenen geologischen Barriere nicht gegeben sei. Dabei berief sie sich auf Untersuchungen aus den Jahren 1994 und 1995.
Noch 2023 war alles anders
Dieser Umstand irritiert sowohl den Gemeindepräsidenten als auch die IG-Sprecherin Susanna Jenny. Jahrelang habe man gefordert, dass die Bedingungen in der Leerüti neu geprüft werden. «Für mich ist es unerklärlich, dass diese Abklärungen nicht bereits vor dem Richtplaneintrag 2009 vorgenommen wurden», sagt Jörg Kündig. Jenny findet gar, man sei «brandschwarz angelogen» worden.
>> Lesen Sie hier, wie sich der Konflikt um das Tägernauer Holz über die Jahre entwickelt hat.
Die Baudirektion erklärt dagegen, dass solche aufwendigen Untersuchungen üblicherweise nicht auf der Stufe Richtplan, sondern erst auf der Stufe Gestaltungsplan vorgenommen werden. So fanden sie in diesem Fall im Jahr 2024 statt – im Zuge der Gestaltungsplanarbeiten für die Leerüti (noch als Typ-B-Deponie).
Dass sie in der Antwort auf die entsprechende Anfrage aus dem Kantonsrat nicht erwähnt wurden, hänge damit zusammen, dass «das positive Ergebnis» zu jenem Zeitpunkt so nicht erwartet worden sei.
Und wie kann es sein, dass sie plötzlich zu einem fundamental anderen Ergebnis führten? «Die zusätzlichen Sondierungen haben ein detailliertes und besseres Bild des Untergrunds gegeben als jene aus den 1990er Jahren», lässt die Baudirektion verlauten. Damals seien nur wenige Bohrungen in die Tiefe vorgenommen worden. Ausserdem sei es heute möglich, einen grösseren Voraushub zu tätigen und damit «bessere Schichten» zu erreichen.
«Wenig Verständnis» bei der Betreiberin
Während man sich bei der «IG DepoNie» und den Gemeinden über diese neuesten Entwicklungen freut, ist die Stimmungslage bei der Betreiberin der zurückgestuften Deponie Tägernauer Holz weniger heiter. «Wir haben für diesen Entscheid wenig Verständnis», sagt Horst Meier, Verwaltungsratspräsident der ZAV Recycling AG.
Das Projekt sei deswegen aber noch nicht vom Tisch: «Dass die Deponie im Tägernauer Holz nur noch zweite Priorität hat, heisst nicht, dass sie nicht realisiert wird.» Darüber hinaus betont Meier, dass die Eignung der Leerüti als Schlackendeponie noch definitiv geklärt werden muss.


So will die Organisation den Gestaltungsplan für das Tägernauer Holz denn auch nicht einfach beiseitelegen, sondern den Prozess vorderhand fortführen. Den ersten Vorprüfungsbericht habe man vom Amt für Raumplanung im April dieses Jahrs erhalten. Aktuell sei man daran, die gewünschten Anpassungen vorzunehmen, ehe man den überarbeiteten Gestaltungsplan im ersten Quartal 2026 zur zweiten Vorprüfung einreichen möchte.
Von der Baudirektion heisst es dazu: «Es ist der ZAV Recycling AG freigestellt, ob sie am Gestaltungsplan weiterarbeiten will. Es wird aber vorderhand keine öffentliche Auflage und keine Festsetzung geben.»
Steigen jetzt die Gebühren?
Die Neupriorisierung des Kantons hat aus der Sicht Meiers weitreichende Konsequenzen – und zwar in zeitlicher und finanzieller Hinsicht. Er sagt: «Wir sind im Gestaltungsplanverfahren weiter als die Deponie Leerüti. Dieser Entscheid führt zu weiteren Verzögerungen, und das ist bei nach wie knappem Deponievolumen für Schlacke problematisch.»
Das wiederum habe einen Einfluss auf die Preise. Klar ist: Da die Deponie Leerüti von der privaten Wiedag Recycling und Deponie AG betrieben wird, werden hier Marktpreise fällig. Im Tägernauer Holz, das dem Kanton gehört, würde die Deponie hingegen von der ZAV Recycling AG zu Selbstkosten betrieben.
Man müsse sich grundsätzlich fragen, ob man das Deponiewesen gänzlich den Privaten überlassen wolle, findet Horst Meier. Denn: «In den letzten Jahren haben sich die Preise verdoppelt. Diese hohen Kosten müssen die Bürgerinnen und Bürger via Abfallgebühren bezahlen.» Die Deponie im Tägernauer Holz, so rechnet er vor, würde dagegen allein für die neue Kezo mit dem geplanten Verbrennungsvolumen von 120’000 Tonnen jährliche Minderkosten von rund 2,5 Millionen Franken bedeuten.
Lachendes und weinendes Auge
Die Menschen in Grüningen und Gossau dürften sich zumindest zum aktuellen Zeitpunkt nicht mit solchen Fragen plagen. Der Kampf um das Tägernauer Holz hat die Anwohner lange beschäftigt, umso schöner muss sich nun diese unerwartete Wende anfühlen.

Gleichzeitig müssen sie sich aber auch mit dem Gedanken an eine Deponie Leerüti anfreunden, die alle möglichen Abfälle aufnehmen kann und weitaus grösser werden soll als ursprünglich angedacht. Eine Deponie notabene, die man einst ganz ablehnte und deren Erweiterung man später zu verhindern suchte.
«Wir sehen das mit einem lachenden und einem weinenden Auge», sagte Gossaus Gemeindepräsident Jörg Kündig. Um gleich anzufügen, dass das lachende Auge in der aktuellen Ausgangslage grösser sei, da ein Grossteil der Forderungen der Gemeinde jetzt Eingang in die Planung fänden.
Die Gemeindebehörden wollten nun den Weg der Deponie Leerüti im Gestaltungsplanverfahren kritisch weiterbegleiten und sich auf kantonaler Ebene für die definitive Streichung des Standorts Tägernauer Holz aus dem Richtplan einsetzen. Auch die lokale SVP, die sich in der Sache insbesondere mit ihren Kantonsräten Elisabeth Pflugshaupt und Daniel Wäfler hartnäckig beschäftigt hatte, richtet in einer Mitteilung aus, dass sie das Thema weiterhin verfolgen will.
Jenny: «Ziviler Widerstand lohnt sich»
Bei der «IG DepoNie» stellt man sich dagegen darauf ein, loszulassen. «Es war nicht einfach, über so eine lange Zeit das Thema immer präsent zu halten», sagt Susanna Jenny. Auf sehr intensive Phasen – etwa bei den öffentlichkeitswirksamen Demonstrationen im Sommer 2018 und Winter 2019 – folgten immer wieder lange Perioden, in denen das Thema aus dem Fokus verschwand.
«Wir waren eine lose Ansammlung von Leuten, die fanden, dass man einfach nicht aufgeben darf», sagt Jenny. Zum Schluss sei das Grüppchen nicht mehr sonderlich gross gewesen, dafür hätten alle gleich viel beigetragen.
Obschon das vorliegende Ergebnis aus ihrer Sicht einer sehr guten Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure geschuldet ist, habe die IG ein Zeichen gesetzt. Sie sagt: «Ziviler Widerstand lohnt sich. Aber er beinhaltet mehr als nur einmal aufzuschreien und an eine Demo zu gehen. Man muss wirklich an seine Sache glauben – und wenn nötig über Jahrzehnte hinweg dranbleiben.»