Über 130 Anwohner fesseln sich an Bäume
Es regnet. Dicke Tropfen fallen am Samstagmorgen kurz vor zehn Uhr auf die Velofahrer und Fussgänger, die aus allen Himmelsrichtungen auf die Waldlichtung zuströmen. Das Tägernauer Holz zwischen Grüningen und Gossau ist an diesem Tag ein Treffpunkt. Für eine Anti-Deponie-Aktion.
Die Menschen, die jetzt mit ihren Hunden und Kindern und Leiterwagen hier eintrudeln, werden sich in einer halben Stunde an Bäume fesseln lassen.
Kantonsrat befindet über Richtplanänderung
Der Aufruf dazu stammt von der ehemaligen Grüninger Gemeindepräsidentin Susanna Jenny (parteilos). Zusammen mit dem Gossauer Gemeindepräsident Jörg Kündig (FDP) setzt sie sich gegen die geplante Deponie im Tägernauer Holz ein (wir berichteten).
Der Standort steht schon seit 2009 fest. Wenn es nach dem Regierungsrat geht, wird die Deponie nun aber auf die doppelte Grösse als ursprünglich vorgesehen anwachsen: Von 750‘000 auf 1,5 Millionen Kubikmeter Volumen, von 6 Hektaren auf 10 Hektaren. Der Kantonsrat befindet nach den Sommerferien über die entsprechende Richtplanänderung.
«Mich schmerzt der Gedanke.»
Jakob Bodmer, ehemaliger Förster
Um 9.57 Uhr stehen rund 25 Gossauer und Grüninger in Pelerinen und unter Schirmen auf der Lichtung. Einige haben sich dicke Seile um den Hals gelegt. Der pensionierte Förster Jakob Bodmer trägt drei grosse Holzkreuze auf der Schulter. «Sie symbolisieren den Tod dieses Waldes», sagt er finster. Bodmer hat dieses Waldstück während Jahrzehnten betreut. «Mich schmerzt der Gedanke», sagt er leise.
Wenn man eine Deponie im Kulturland mache, könne man dort humusieren und nach ein paar Jahren bereits wieder säen und ernten. Bodmer spricht jetzt lauter. Beim Wald sei es anders: «Das dauert mindestens hundert Jahre bis sich der Boden erholt hat.»
Den Wald Wald sein lassen
Dazu komme, dass der Standort mitten im Wald liege. «Wenn man einen Zipfel opfern müsste, wäre es etwas. Aber die Deponie ist im Herzen des Waldes geplant», so Bodmer. Auf einer Hektare Wald stünden rund 350 Bäume. Die vorgesehenen 10 Hektaren beherbergten also 3500 Bäume.
Rode man mitten im Wald, sei der verbleibende Rand der Witterung wehrlos ausgesetzt und sterbe ebenfalls. Man wisse von verschiedenen Schadenfällen aufgrund von Borkenkäfern oder nach Stürmen, dass sich die Fläche jeweils verdopple. «Deswegen würden rund 7000 Bäume für die Deponie geopfert.»
Ihm sei es ein Rätsel, wie man in der heutigen Zeit, in der sich gewisse Leute für einzelne Bäume einsetzten, ohne mit der Wimper zu zucken, 7000 Bäume fällen könne. «Ich weiss zwar nicht so genau, was ich mir von dieser Aktion hier verspreche», sagt Bodmer. Aber all diese Menschen seien gekommen, um zu bekunden, dass sie sich für den Wald einsetzen wollten. «Das ist doch ein markantes Zeichen – das sollte für die verantwortlichen Politiker eine deutliche Botschaft sein: Lassen Sie den Wald Wald sein.»
«Einen Wald zu zerstören – das ist eine Katastrophe.»
Esther Stähli aus Grüningen
Um 10.08 Uhr haben sich 136 Personen auf der Kreuzung eingefunden. Noch immer fallen fette Tropfen vom Himmel. Gesprächsthemen gibt es zwei: Die Tatsache, dass es mitten in dieser Trockenheitsperiode genau an diesem Tag regnet. Und die Deponie.
«Ich bin Umweltschützerin», sagt die Grüningerin Esther Stähli. Deswegen fahre sie auch mit dem Velo nach Gossau, um einzukaufen. «Ich habe keine Lust neben so vielen Lastwagen herzutrampeln», sagt sie und deutet auf den Waldweg. «Einen Wald zu zerstören – das ist eine Katastrophe.» Die Menschen bräuchten ihn und im Kanton Zürich habe es davon nicht besonders viel.
Fast heilig
Ehemann Christian Rohrbach schüttelt energisch den Zeigfinger in der Luft. Die Deponie sei nur hier geplant, weil es sich um einen Staatswald handle und man mit keinem Eigentümer verhandeln müsse, sagt er. «Für den Kantonsrat ist es der einfachste Weg.» Er sei in diesem Wald aufgewachsen, habe als Kind hier verstecken und Schiitli-Verbannis gespielt. «Für uns ist es fast ein heiliger Wald.»
Er hoffe, die Aktion bewirke etwas und bringe den Kantonsrat zur Vernunft. «Ich finde, was immer man tut, ist besser als nichts oder die Faust im Sack zu machen», pflichtet ihm Stähli bei.
Einen Baum aussuchen
Susanna Jenny und ihr Nachfolger, der Grüninger Gemeindepräsident Carlo Wiedmer (SVP), klatschen plötzlich laut in die Hände. Es kehrt Ruhe ein. «Ich glaube, wir haben fast zu wenige Bäume», sagt Jenny und blickt in die Runde.
Sie fordert die Anwesenden auf, sich nun an die Bäume zu fesseln. «Ich weiss nicht genau, wie das geht. Ich habe es noch nie gemacht.» Wiedmer zuckt die Schultern: «Ich auch nicht.» Fotograf Daniel Sabater sagt: «Es soll sich jeder einfach einen Baum aussuchen und dort hin stehen.» Die Leute verlassen die Kreuzung, stolpern einen kleinen Abhang entlang, klettern über Brombeersträucher und stellen sich dann in kleinen Gruppen vor je einen Baum.
Bodmer rammt seine drei Holzkreuze neben einander in den Boden. Fotograf Sabater weist die Leute an, traurig zu blicken. Die Szene soll düster aussehen. Gespenstisch. Sie soll Eindruck machen. Männer gehen umher und wickeln die Anti-Deponie-Protestler mit Seilen an den Stamm.
«Der Himmel hat geweint, das musste wohl so sein.»
Carlo Wiedmer, Grüninger Gemeindepräsident
Auch Jenny lässt sich an einen Baum fesseln. Sie hoffe, diese Aktion zeige, was ein solcher Wald bedeute, sagt sie. «Das ist ein so wichtiger Naherholungsraum.» Ein Wald dürfe nicht für eine Deponie geopfert werden, vor allem nicht für eine, die ihrer Ansicht nach gar nicht nötig sei. «Es ist total schön, dass so viele Leute unserem Aufruf gefolgt sind – Familien mit Kindern, Ältere, Jüngere.» Das zeige einmal mehr, dass es richtig sei, sich für den Wald zu wehren.
Aufmerksamkeit generieren und Druck aufbauen
Gemeindepräsident Wiedmer hat sich mit Förster Bodmer an einen Baum binden lassen. Er sagt, bei der Aktion gehe es auch darum, noch einmal Aufmerksamkeit zu generieren. «Wir wollen die Leute aufrütteln.» Sie müssten den Kantonsrat überzeugen, dass die Deponie falsch sei.
Dazu sei auch der Druck der Bevölkerung nötig, das Volk wähle schliesslich den Kantonsrat. «Je mehr Druck wir aufbauen können, desto mehr Chancen haben wir, dass die Deponie nicht zustande kommt.» Er sei überrascht, dass so viele Leute gekommen seien – trotz des Wetters. «Der Himmel hat geweint, das musste wohl so sein.»
Sabater lässt eine Drohne aufsteigen, die die gefesselten Menschen von oben filmt. Dann bringt ein Mann eine Kettensäge und posiert hinter den Kreuzen mit Helm und Handschuhen. Schliesslich sind die Bilder geschossen. Jenny lädt zum Würste-Essen ein. «Auch wenn wir halt kein Feuer machen können.» Alle klatschen, dann werden die Seile gelöst und die Bäume wieder verlassen.
So protestieren Grüningen und Gossauer gegen die Deponie im Tägernauer Holz. (Video: Daniel Sabater)
Der ehemalige Grüninger Gemeinderat Leonardi Benazzi (parteilos) trägt seinen Sohn auf den Schultern und versucht ihm gerade mit der rechten Hand eine Brombeere in den Mund zu stecken. Der Junge hat bereits einen ziemlich grossen blauen Fleck an der Wange. Schliesslich gelingt es ihm aber die kleine Beere aus den Fingern seines Vaters zu knabbern.
«Lueg Papi», sagt sein anderer Sohn und zieht an Benazzis Jackenärmel. Auf seiner ausgestreckten Hand präsentiert er ein Mäuseskelett. «Das kommt jetzt in seinen Setzkasten», sagt Benazzi und grinst. Die beiden Jungen hätten kurz nach Eintreffen auf der Lichtung schon mit dem Hüttenbauen begonnen. «Das zeigt doch einfach, wie wichtig und toll dieser Wald ist.»
Er sei überzeugt davon, dass dieser Anlass eine Kettenreaktion auslösen werde. «Ich hoffe, dass bei der nächsten Aktion doppelt oder dreimal so viele Leute kommen und dann irgendwann das ganze Dorf kommt.» Er könne sich nicht vorstellen, dass irgendjemand diese Deponie gut finde. «Wir werden jedenfalls weitere Anlässe organisieren und dazu alle Kanäle nutzen.»
«Ich wehre mich dagegen – mit allem, was ich habe.»
Elisabeth Pflugshaupt (SVP), Zürcher Kantonsrätin
Die Kantonsrätin Elisabeth Pflugshaupt (SVP, Gossau) steht etwas abseits und beobachtet die Menschen mit ernster Miene. «Mein Herz schlägt für den Wald», sagt sie. Sie sehe nicht ein, weshalb ihre Gemeinde Gossau zwei Deponien haben soll: eine in der Leerüti und die andere im Tägernauer Holz. «Das ist eine nicht standortgebundene Deponie, also wehre ich mich dagegen – mit allem, was ich habe.»
Der Anlass sei auf jeden Fall ein grosser Erfolg. Vor allem wenn man bedenke, dass man die Aktion ursprünglich im kleinen Rahmen nur mit den Gemeinderäten und einigen wenigen Anwohnern habe durchführen wollen. Ob es reicht für ein Umdenken, wisse sie nicht, so die Gossauerin. «Aber alles, was man tut, hat schliesslich einen gewissen Einfluss.» Die Aktion sei ein kleines Mosaiksteinchen im Ganzen. «Und jedes Steinchen zählt.»
Kurz nach 11 Uhr ziehen die Leute langsam ab. Mit Hund und Kind und Leiterwagen. Der Regen ist versiegt, die Sonne bricht durch die Wolken.