Nach dem Brand wurde mir klar, wieso diese Wirtin so gemocht wird
Diese Geschichten, Reportagen, Porträts, Geschehnisse und Schicksale haben unsere Redaktorinnen und Redaktoren in diesem Jahr nachhaltig geprägt. Heute: Die Heldin hinter dem Tresen.
Miroslava Bracher ist eine der Personen, die mich dieses Jahr auf verschiedene Arten beschäftigt hatte. Ich berichtete, wie sie mit ihrer Royal Bar vom Bahnhof Effretikon wegziehen musste, denn das Gebäude wird irgendwann für die Zentrumsentwicklung abgerissen. Die Suche nach einem neuen Lokal gestaltete sich jedoch äusserst schwierig, und es schien, als würden ihr von verschiedenen Seiten her Steine in den Weg gelegt werden. Ein Umstand, den die Wirtin gelassen akzeptierte.
Auch als sie dann endlich in Lindau ein Lokal fand, war der Prozess bis zur Eröffnung des Royal Landhus in Tagelswangen ein steiniger Weg durch den Bürokratie-Dschungel. Das Datum für eine Eröffnung musste sie mehrmals verschieben.
Jedes Mal, wenn ich mit der Wirtin zu tun hatte, erstaunte mich ihre Zuversicht und ihr Urvertrauen. Sie war stets geduldig und gewissenhaft. Sie zeigte aber auch Temperament, Härte, genauso wie Humor und Fröhlichkeit. Bracher ist eine Frau, die offensichtlich weiss, was es bedeutet, kämpfen zu müssen. Und immer wieder betonte sie: «Ich habe die besten Stammgäste, ans Aufgeben kann ich gar nicht denken.»
Doch als das Royal Landhus endlich für die Eröffnung bereit war, brannte das Bauernhaus nebenan ab und zerstörte Teile ihrer Terrasse. Erneut musste sie das Eröffnungsdatum verschieben, auf unbestimmte Zeit. Ich suchte sie auf und sah sie zum ersten Mal erschüttert. Und müde. Sie hätte gleich das Handtuch werfen können. Das tat sie aber nicht.
Stattdessen kümmerte sie sich um die alleinerziehende Mutter, die vor dem Brand mit ihrem Kind nebenan gewohnt hatte, und organisierte Spendenaktionen, an denen sich viele Lindauerinnen beteiligten. Brachers Selbstlosigkeit imponierte mir sehr.
Gleichzeitig setzten sich auch einige der Stammgäste ein, um die Wirtin zu unterstützen – auch wenn es sich «nur» um aufmunternde Worte handelte. Das rührte mich zutiefst. Denn «die besten Stammgäste» war eben nicht einfach eine Floskel. Es waren auch nicht Betrunkene, die einfach wieder in ihre Beiz sitzen wollten. Es waren tatsächlich Menschen, die Miroslava Bracher extrem mochten und ihr zum Erfolg verhelfen wollten. Glücklicherweise war der Schaden am Royal Landhus nicht so gross, sodass es zehn Tage nach dem Brand die Türen für Gäste öffnete.
Ich hatte schon viele Gerüchte zur Royal Bar und ihrem «speziellen» Klientel gehört. Gerüchte, die mich nicht abschreckten, denn auch ich habe jahrelang in einer Bar gearbeitet, die «chli komischi Stammgäscht hät». Oft Menschen, die zur regulären Gesellschaft keinen Anschluss finden, oder auch einfach aus verschiedenen Gründen ausgeschlossen werden.
Bei der Eröffnung setzte ich mich zu den Gästen, die mich an meine ehemaligen Stammgäste erinnerten. Sie alle widmeten ihrer Lieblingswirtin Lobeshymnen. Bracher habe ihnen ein Ort gegeben, wo sie sich zugehörig fühlten. Sozusagen ein Zuhause. Doch das wusste ich ja bereits, denn ich hatte miterlebt, wie Miroslava Bracher ihr Umfeld stets zu beschützen versuchte.
