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Was, wenn Illnau-Effretikon den Effi-Märt kaufen würde?

Vor kurzem musste die Royal Bar von ihrer zentralen Lage am Bahnhof Effretikon nach Tagelswangen ziehen. Das Parlament ist alarmiert.

Das ehemalige Jelmoli-Gebäude soll demnächst abgerissen werden. Das führte im Parlament zu einer kritischen Wortmeldung.

Foto: Mel Giese Pérez

Was, wenn Illnau-Effretikon den Effi-Märt kaufen würde?

Zwischen Leerstand und Zukunftsvision

Vor Kurzem musste die Royal Bar von ihrer zentralen Lage am Bahnhof Effretikon nach Tagelswangen ziehen. Ein Anliegen, das vor dem Parlament lamentiert wurde – und zu einem Vorstoss führte.

Willkommen in Effretikon – der Stadt der Kräne, Bauzäune und Visionen. Wer mit dem Zug einfährt, merkt schnell: Hier wird gebaut, als gäbe es kein Morgen. Und wenn gebaut wird, dann passiert auch etwas. Doch nicht jeder ist über den Wandel begeistert.

Das ehemalige Jelmoli-Gebäude auf dem sogenannten Baufeld C, gleich am Bahnhof Effretikon, soll demnächst abgerissen werden. Dort waren bis vor Kurzem noch die Royal Bar, der Ada Market oder die Drogerie untergebracht. Denn darauf werden ein Hochhaus und der Bushof gebaut. Deshalb ist die Royal Bar Ende Januar umgezogen. Nach Tagelswangen.

Die Royal Bar am Bahnhof Effretikon ist mit Holzbrettern verschlossen.
Vor allem, dass die Royal Bar nicht in Effretikon bleiben konnte, wurde lamentiert.

Der Umzug der Royal Bar ist nicht unbemerkt geblieben. Weder in den sozialen Medien noch im Parlament. An der ersten Sitzung des Jahrs diente Maxim Morskoi (SP) als Sprachrohr für diejenigen aus der Bevölkerung, die kein Verständnis für den Abriss haben.

Vorwurf: Leerstand

In einer persönlichen Erklärung drückte Morskoi seine Besorgnis über das Zentrum Effretikons aus. Mit der Royal Bar sei ein wichtiges Gewerbe aus der Stadt verschwunden, in der es sowieso an solchem mangelt. «Ich kannte bisher drei Bars in Effretikon. Und jetzt sind es noch zwei.»

Der Präsident der SP Illnau-Effretikon/Lindau ging sogar einen Schritt weiter und prangerte einen vermeintlichen Leerstand in der Stadt an. Es hätte für die Royal Bar genug Alternativen gegeben, um in Effretikon zu bleiben. «Man hätte mehr Druck machen müssen», sagt Morskoi.

Da Gewerbeliegenschaften im Zentrum jedoch nicht der Stadt gehören, sondern grossen Unternehmen wie der Bereuter AG, der Siska Immobilien AG oder der SBB, steht es den Immobilienbesitzern frei, zu wählen, wer sich in die Gewerbeflächen einmieten darf. Viel Handlungsspielraum hat die Stadt da nicht. Ein Zustand, der Morskoi mit einem Vorstoss ändern will, wie er an der Parlamentssitzung ankündigte.

Royal Bar sei ein Einzelfall

Aber stimmt das? Gibt es in Illnau-Effretikon einen grossen Leerstand? Nein. Laut der Stadt bestehe dieser nicht. Statistiken würde man darüber zwar keine führen, aber man verfolge die Veränderungen im Gewerbe sehr genau. Bekannt sei aktuell eine leerstehende Fläche im Effi-Märt, gleich am Kreisel. Und als Alternative für die Royal Bar habe sich diese offenbar nicht geeignet.

«Wir haben Gespräche mit der Siska Immobilien AG geführt. Doch der benannte Raum weise Asbest auf, und der Effi-Märt soll in den kommenden Jahren sowieso umgebaut und saniert werden», sagt Beat Stampanoni, Wirtschaftsförderer der Stadt Illnau-Effretikon.

Im Allgemeinen spricht Stampanoni von der Royal Bar als Einzelfall. Betrachtet man die Anzahl der Gastronomiebetriebe in Illnau-Effretikon der letzten zehn Jahre, so hat sich diese relativ konstant gehalten. Rund 30 Gastrolokale im Durchschnitt zählt die Stadt zwischen 2012 und 2022, wie aus dem kantonalen Gemeindeporträt herauszulesen ist.

Doch Stampanoni kann den Eindruck, dass vieles aus Effretikon verschwindet, nachvollziehen. «Jetzt steht gerade eine intensive Entwicklungsphase an. Das empfindet die Bevölkerung natürlich anders, als wenn die Veränderung über Jahrzehnte geschehen wäre», sagt der Wirtschaftsförderer.

Gentrifizierung in Effretikon

Mit den neuen Bauten und der modernen Infrastruktur werden Personen mit einer entsprechenden Kaufkraft angezogen: Die, die es sich leisten können. Dass die Mietzinsen in Wohnliegenschaften in den Zentren steigen werden, hat Marco Nuzzi (FDP), Stadtpräsident von Illnau-Effretikon, im letzten Herbst im Interview bestätigt.

Das betrifft wohl auch das Gewerbe. Zwar subventionieren Gebäudeeigentümer die Erdgeschosse heute oft quer, doch ein modernes Zentrum wird die Mieten steigen lassen. Damit sich die höheren Kosten lohnen, braucht es genügend Kundschaft, die die Wirtschaft am Laufen hält.

Die neu hinzuziehenden Personen sollen beispielsweise nicht nur in Effretikon wohnen, sondern möglichst auch im Zentrum konsumieren, sei es in einem Restaurant oder einem Ladengeschäft, wie Stampanoni erklärt.

Es liegt also auf der Hand, dass das Zentrum in Effretikon gentrifiziert wird. «Effretikon hat sich im Gegensatz zu anderen Städten in den letzten Jahrzehnten kaum entwickelt. Eine Aufwertung ist für die Stadt deshalb sicher eine Chance», sagt der Wirtschaftsförderer.

Die Regierung und der freie Markt

Stampanoni erklärt, dass der Gewerbeanteil der neu entstehenden Gebäude festgesetzt ist. Im Westen des Bahnhofs sind 35 Prozent für Gewerbe-, Büro- und Praxisflächen reserviert. Auf der Ostseite sind es 30 Prozent.

Die Erdgeschosse sind ausschliesslich für das publikumsorientierte Gewerbe vorgesehen. «Es ist wichtig, dass wir den Gewerbeanteil vorgeben, damit nicht nur Wohnungen entstehen. Dies würde einer Belebung des Zentrums entgegenlaufen.» Welche Geschäfte jedoch einziehen, bleibt den Eigentümern überlassen.

«Die Stadt hat keine Möglichkeit, diesbezüglich Vorgaben zu machen. Zudem wäre dies ein Eingriff in den freien Markt», erklärt Stampanoni. Eine direkte Einflussnahme wäre ausschliesslich über einen Erwerb von Liegenschaften durch die Stadt möglich. Dies würde aber entsprechende Investitionen und eine gewisse Risikobereitschaft voraussetzen.

Trotzdem habe die Stadt letztes Jahr einen Entwicklungsplan für das publikumsorientierte Gewerbe erarbeitet. Dieser beinhalte eine Wunschvorstellung, welches Angebot im Zentrum von Effretikon vorhanden sein soll. Im Rahmen von laufenden Gesprächen mit den Gebäudeeigentümern soll die Schnittmenge ausgelotet und möglichst Einfluss auf die künftige Entwicklung genommen werden.

Dass sich die Regierung in den Markt mischt, ist nun wirklich nicht üblich. Hierbei handelt es sich nicht nur um eine politische Frage, sondern auch eine philosophische. Eine Frage, vor der sich Maxim Morskoi nicht scheut.

Stadtrat soll Teile des Effi-Märt kaufen

Denn mit einer Interpellation, die er am Mittwochabend eingereicht hat, will Morskoi genau dieser Frage nachgehen. Wäre es möglich, Teile des Effi-Märt zu kaufen?

Damit könnte der Stadtrat bedingt über das Gewerbe in Effretikon Einfluss nehmen. «Denn bisher müssen wir jedes Mal einfach darauf hoffen, dass der Bereuter gnädig ist und ‹etwas Lässiges› macht», sagt der SP-Politiker.

Dem «nicht vorhandenen Leerstand» widerspricht Morskoi. Oder besser gesagt: Er konkretisiert den Zustand. «Vielleicht gibt es wirklich kaum leer stehende Räume. Aber das heisst nicht, dass etwas daraus gemacht wird.»

Er nennt den Zwischenraum im ehemaligen EWP-Gebäude an der Rikonerstrasse als Beispiel. Dort dürfen Kunstschaffende den Raum mit Ausstellungen, Vorträgen oder Konzerten bespielen. Etwa einmal im Monat findet eine Veranstaltung statt. «Somit steht der Raum zwar nicht leer, doch wie fest belebt er die Stadt? Nicht wirklich, oder?»

«12 Franken für ein Glas Wein»

Der Ausrichtung, die die Stadt für das Zentrum geplant hat, steht Morskoi skeptisch gegenüber. Im schlimmsten Fall wird Effretikon ein modernes leeres Zentrum haben, so der Politiker, weil sich weder das Gewerbe die Mieten leisten kann noch die Anwohnenden den Konsum.

Konkret findet die linke Partei, dass Effretikon in der Zentrumsentwicklung nur noch als Beifahrer fungiert, die Politik genauso wie die Gesellschaft. Die Regeln würden die Immobilienfirmen bestimmen.

Und der SP gehe es nicht nur um die, die kommen sollen, sondern vor allem um die, die schon immer in Effretikon lebten. «Ich bezweifle, dass diese es künftig fair finden, 12 Franken für ein Glas Wein zu bezahlen, nur weil Effretikon aufgewertet wurde.»

Doch sieht der Politiker auch Potenzial in der Entwicklung? Im besten Falle würde alles so funktionieren, wie es sich der Stadtrat gedacht hat, und 2030 gäbe es in Effretikon eine Rooftop Bar auf einem der Hochhäuser, ein mexikanisches Restaurant im Zentrum, vielleicht einen Musikklub. «Es könnte ja sein, dass alles perfekt nach Plan läuft. Aber wie wahrscheinlich ist das schon?», sagt Morskoi.

Nun bleibt abzuwarten, was der Stadtrat von der Interpellation hält. Vielleicht stösst die Idee, Teile des Gewerbes zu kaufen, auf taube Ohren. Vielleicht ist an diesem Anliegen doch etwas dran.

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