Ein Feuer nimmt alles – nur nicht die Menschlichkeit
Der Brand des Bauernhauses in Tagelswangen zerstörte das Zuhause einer alleinerziehenden Mutter, die Andenken des Besitzers und die Träume der Pächterin nebenan. Sie sind aber nicht allein.
Miroslava Bracher steht vor dem Absperrband «Feuerwehr-Sperrzone» mitten in der Industrie in Tagelswangen. Die Sonne brennt vom Himmel, auf ihrer linken Seite ist die Terrasse ihrer Beiz, weit hinter ihr liegen die verkohlten Trümmer des Bauernhauses nebenan, das am letzten Montagabend Feuer gefangen hatte.
Obwohl die Feuerwehr Illnau-Effretikon/Lindau innert Minuten vor Ort war, brannte das Gebäude lichterloh und letztlich ab. Das Feuer zerstörte das Zuhause einer alleinerziehenden Mutter und die persönlichen Andenken des Hausbesitzers – zu ihnen werden wir später zu sprechen kommen.

Der Brand riss auch noch etwas anderes mit sich: Brachers lang ersehnte Eröffnung ihrer neuen Beiz «Royal Landhus».
Das lange Warten auf den Anfang
Viele Jahre betrieb Bracher die Royal Bar gleich beim Bahnhof Effretikon. Ende Januar zog sie nach Tagelswangen in das denkmalgeschützte Landhus an der Zürcherstrasse. Denn das ehemalige Jelmoli-Gebäude, das die Bar in Effretikon beherbergte, muss für die Zentrumsentwicklung weichen – dort soll der Bushof und ein Hochhaus gebaut werden. Die Suche nach einem neuen Lokal in Effretikon war jedoch erfolglos, weshalb Bracher in besagtem Haus in Tagelswangen ihren neuen Standort fand.
Dies zog lange bürokratische Prozesse und grosse Investitionen mit sich. Beispielsweise mussten die Türen gerichtet werden, was aufgrund des Denkmalschutzes komplex ist. Eigentlich wollte sie im März das «Royal Landhus» eröffnen, doch die Prozesse dauerten eben.
Zwischendurch stolperte sie und brach sich das Wadenbein. «Stell dir vor, wir hatten eine Baustelle im Haus und mir passierte nichts, aber ein Fehltritt, und ich muss ins Spital.» Dann sollte die Eröffnung endlich in der ersten Juliwoche stattfinden, doch der Brand des Bauernhauses setzte alles wieder zurück.
Flammen und Tränen
An jenem Abend erhielt die Pächterin plötzlich etliche Anrufe und dachte, dass das «Landhus» in Flammen stünde. Sie stürmte hin und war zwar erleichtert, gleichzeitig aber schockiert. «Ich habe nur geweint», erinnert sich Bracher. «Zum Glück ist niemand verletzt worden, die Feuerwehr hatte gute Arbeit geleistet, aber der Brand war einfach schrecklich.»
Im Tageslicht sah sie dann, dass auch ihre Terrasse dem Feuer zum Opfer gefallen war. Die Bäume um das Gelände sind abgebrannt, das kleine Hüttchen, das sie für die Eröffnungsfeier bauen liess, verlor das Dach, auf dem ganzen Aussenbereich lagen Kohlestücke und Scherben von zerbrochenen Fenstern, die Lüftung zum Haus ist geschmolzen. Die Hintertüre musste die Feuerwehr aufbrechen, um sicherzugehen, dass niemand drin war, während die Vordertüre Spuren von der Löschaktion davontrug.



Kurz gesagt, all ihre Investitionen gingen verloren. «Eigentlich wollte ich aufgeben, vielleicht sollte es für mich einfach nicht in diesem Haus sein», sagt Bracher. Doch ihr Umfeld hat ihr Mut gemacht, sie dürfe jetzt erst recht nicht aufgeben. Für Selbstmitleid hatte die Pächterin sowieso keine Zeit, sie war mit einer anderen Aufgabe beschäftigt.
Mehr als nur Nachbarinnen
Denn im abgebrannten Haus wohnte die alleinerziehende Mutter Géraldine T*, die ihr Zuhause verloren hat. Ihr Kind war glücklicherweise nicht vor Ort, und sie konnte sich selbst retten. Ihr Besitz, bis auf die Kleider, die sie am Leib trug, verbrannte. «Alles, wirklich alles, war auf einen Schlag weg. Ich bin fassungslos», sagt die Mutter. Da wollte Miroslava Bracher nicht tatenlos zusehen.
Sie startete eine Spendenaktion, publizierte diese auf den sozialen Medien und eröffnete einen Chat. Babykleider, Alltagsgegenstände, Kleider für die Mutter wollte sie zusammenbringen. Vielleicht wisse jemand auch von einer Bleibe. Und in Windeseile zeigte sich die Bevölkerung solidarisch: 200 Personen traten dem Chat bei, um der Betroffenen zu helfen.
Die Frauen aus der Umgebung sind einfach unglaublich.
Miroslava Bracher, Pächterin «Royal Landhus»
Damit hätte Géraldine T. niemals gerechnet. «Ich bin so dankbar, für jede Person, die sich für mich eingesetzt hat. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl.» Im Flur des «Royal Landhus» stehen Papiertüten mit Spenden: Spielzeug für das Kind, eine Mikrowelle, Kleider, Geschirr und Blätter, die aussehen, als wären sie handgeschriebene Briefe.
Auch die Pächterin ist von dem Zusammenhalt in der Gemeinde gerührt. «Die Frauen aus der Umgebung sind einfach unglaublich. So etwas habe ich noch nie erlebt.» Dies hätten sie nicht nur von ihrem Leid abgelenkt, sondern ihr auch viel Kraft gegeben. «Der Zusammenhalt hier ist riesig.»

Géraldine T. hatte die Menschlichkeit von Lindau bereits erfahren, bevor das Unglück sie traf. Seit einem Jahr lebte sie im Bauernhaus, in dem sie herzlich aufgenommen wurde. «Der Besitzer hat mich günstig wohnen lassen, er wollte sich nie bereichern», sagt die alleinerziehende Mutter dankbar. «Er hat verstanden, dass ich ein Zuhause brauche, und kam mir entgegen.»
Jetzt, da so viele Frauen an ihrer Seite stehen, fühlt sie sich überwältigt und getragen. Dabei kannte sie vorher kaum jemanden in der Gemeinde. «Ich bin froh, hat Miroslava die Aktion gestartet.»
«Als wäre jemand gestorben»
Nichtsdestotrotz haben die Betroffenen mit grossen Verlusten zu kämpfen, so auch Urs Weber, einer der Besitzer des Hauses. Er sammelte Erinnerungsstücke seiner Vorfahren im Haus. Kein Plunder, sondern ausgewählte Gegenstände, die ihn an seinen Vater, seinen Grossvater oder seinen Urgrossvater erinnerten. «Die Werkzeuge zum Beispiel trugen die Brandzeichen meines Urgrossvaters. Das hat mir viel bedeutet», sagt Weber traurig. So verlor auch er alles, was er so sorgfältig über all die Jahre aufbewahrt hat.
«Für mich fühlt es sich an, als wäre jemand gestorben. Alles ist weg, und das muss ich erst verarbeiten.» Die Augen des Besitzers füllen sich mit Tränen. Doch auch er weiss mit seinem Verlust umzugehen. Er half Géraldine T., wo er nur konnte, und engagiert sich so gut es geht, was ihm bei der Verarbeitung der Trauer helfe. «Jeden Tag komme ich hierher. Es schmerzt zwar jedes Mal, aber ich bin nicht allein. Schon darüber zu sprechen, hilft mir enorm.»


Jetzt können die Betroffenen nur abwarten, denn die Ermittlungen sind noch in vollem Gange. Der Pächterin sind die Hände ebenfalls gebunden. Sie darf weder putzen noch aufräumen und muss erneut ausharren, bis sie sich wieder den Investitionen stellen kann.
Und auch sie muss mit den Tränen kämpfen. Der Eröffnungstermin des «Royal Landhus» steht in den Sternen. Nun stehen vor allem noch mehr Dinge an als zuvor. Die vielen Flyer, Plakate und Banner muss sie jetzt wegschmeissen, was bleibt ist die Angst nach der Existenz. «Ich fürchtete mich davor, dass meine Stammgäste sich eine andere Beiz suchen», sagt Bracher.
Doch verlassen wurde die Pächterin nicht. Im Gegenteil, ihre künftigen Gäste versprachen ihr, die Zeit auszuharren. «Aufgeben kann ich so auf keinen Fall.»
* Der Name wurde von der Redaktion geändert, um die Privatsphäre der Mutter zu schützen.