Die «Royal Bar» wird in Tagelswangen zum «Royal Landhus»
Neues Bistro in Lindau
Die schummrige Bar gleich beim Bahnhof Effretikon ist umgezogen. Der neue Standort erfordert ein neues Konzept. Die Suche nach einem Lokal war jedoch ernüchternd.
Im charmanten «Landhus» sitzt Miroslava Bracher in ihrem neuen Lokal. In kürzester Zeit hat sie ihren ehemaligen Betrieb vom Effretiker Zentrum in die Lindauer Industrie gezügelt. Das Buffet ist schon eingerichtet, am Boden liegen vereinzelt Kabel oder Werkzeuge.
«Eigentlich bin ich bereit. Auch meine ehemaligen Stammgäste wollen schon kommen. Einzig das Okay des Denkmalschutzes fehlt», sagt Bracher, die neue Pächterin des «Landhus» in Tagelswangen – doch dazu später mehr.
Zuvor betrieb sie die «Royal Bar». Wer in Effretikon kannte das Lokal nicht, wenn auch nur vom Vorbeilaufen: eine Raucherbar, gleich an den Gleisen, im ehemaligen Jelmoli-Gebäude.
Ende Januar musste die «Royal Bar» schliessen. Der Grund: Das Gebäude wird abgerissen. Der Platz wird für die Zentrumsentwicklung gebraucht, denn dort sollen der Bushof und ein Hochhaus gebaut werden. So wurde die «Royal Bar» aus Effretikon zum «Royal Landhus» in Tagelswangen.
Mit dem Standortwechsel hat sich auch Brachers Gastrokonzept verändert. Früher führte sie eine Bar mit Discoraum, ein Partylokal. Doch statt geraucht soll nun gegessen werden. Bracher will ein Bistro betreiben, das von 8 Uhr früh geöffnet ist, ohne Zimmerstunde, immer mit einer offenen Tür für ihre Gäste.
Die Gastronomin stellt sich ein Quartierbistro vor. Mit Kaffee, Bierchen, Sandwiches, Chicken Wings und sonstigen Snacks. Hier sollen ihre Gäste gemütlich verweilen können, über Politik diskutieren oder sich einfach nur Gesellschaft leisten.
Verzögerung wegen Denkmalschutz
Doch obwohl die Wirtin bereit ist, steht der Eröffnungstermin noch in den Sternen. Denn das «Landhus» ist denkmalgeschützt. Bevor Bracher also das Lokal in Betrieb nehmen darf, müssten zwei Dinge gemacht werden.
Zum einen muss die Richtung der Notausgang-Tür verändert werden – diese öffnet sich bislang nach innen statt nach aussen. Zum anderen muss der Ausgang breiter gemacht werden. Momentan ist er sieben Zentimeter zu schmal.
Eigentlich keine grosse Sache. Doch erst müsse abgeklärt werden, ob die Türen auch denkmalgeschützt seien – wenn ja, wäre das noch ein grösserer Aufwand. Und eine solche Abklärung braucht eben Zeit. Bracher ist mit dieser Arbeit jedoch nicht allein.
Mit im «Landhus» sitzen zwei Helfer, die sich als ehemalige Stammgäste entpuppen. Jörg Klossner und Uwe Einhauser kennen die Wirtin schon seit vielen Jahren. Und so auch die «Royal Bar». «Wir haben uns dort immer sehr willkommen gefühlt. Dass sie jetzt schliessen musste, ist ein Verlust», sagt Klossner. Deshalb packen die beiden gerne mit an.
Dass Miroslava Bracher das «Royal Landhus» irgendwann eröffnen wird, ist gewiss. «Ich habe schon viel zu viel Geld investiert, um mich zurückzuziehen», sagt sie. Doch Zeitdruck spielt eine grosse Rolle. Am liebsten hätte sie im Februar gestartet, aus finanziellen Gründen müsse es aber im März passieren.
Denn die Pächterin hat ihre drei Serviceangestellten aus der «Royal Bar» gleich mitgenommen. Sie hat ihnen eine Stelle im «Royal Landhus» angeboten und ihnen den Lohn in der Zwischenzeit normal weiter ausbezahlt. «Ich habe fantastische Mitarbeiterinnen, die wollte ich auf keinen Fall verlieren.» Andere Betriebe hätten die drei sogar schon abwerben wollen.
Doch würde sich die Eröffnung des neuen Restaurants weiter verzögern, würde das auch das Aus für die Angestellten bedeuten. «Wenn ich im März noch immer nicht öffnen kann, dann kann ich mir die drei Löhne nicht mehr leisten.»
Effretikon hatte keinen Platz
Der neue Standort in Tagelswangen ist eigentlich eine Notlösung, denn Bracher wäre gerne in Effretikon geblieben. Doch die Suche nach einem neuen Lokal gestaltete sich äusserst schwierig. Sie wusste schon lange im Voraus, dass die Tage am Effretiker Bahnhof gezählt sind. Also suchte sie nach Lösungen. Ohne Erfolg.
Die Stadt Illnau-Effretikon hätte sie bei der Suche eines neuen Lokals unterstützt. Doch die Vermieter machten nicht mit. Sie fragte bezüglich leer stehender Flächen in Effretikon an, doch niemand wollte die «Royal Bar» haben.
Sie erweiterte ihre Suche in die Nachbargemeinden. Auch dort ohne Erfolg. «Ein Vermieter verlangte drei Monatsmieten im Voraus und 100’000 Franken Depot. Aber das konnte ich mir natürlich nicht leisten.»
Die Wirtin hat einen Verdacht, wieso es für sie schwierig wurde. «Mein Lokal passt nicht in das schicke, moderne Bild, das die Gesellschaft will.» Denn Miroslava Bracher bediente ein durchmischtes Publikum. Arbeiter, Nachbarn, Personen, die auf den Zug warteten. «Wenn einer mal ausfiel, war die Bar immer rappelvoll», erzählt sie.
Treue Stammgäste
Doch vor allem hatte sie viele treue Stammgäste, die in der Gesellschaft etwas anecken konnten. «Bei mir sind alle willkommen, egal, ob Ausländer, reich oder arm, krank oder gesund.» Sie erzählt, wie die «Royal Bar» ein Treffpunkt war für die, die es manchmal nicht so gut im Leben hatten.
«Ich habe viele Stammgäste, die niemanden mehr haben. Ich bin sogar der Notfallkontakt von einigen.» Menschen, die von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden, nimmt Miroslava Bracher gerne auf. Das war ihr schon wichtig, als sie 2006 als Angestellte in der «Royal Bar» angefangen hatte. Daran hielt sie auch fest, als sie 2010 Geschäftsführerin und 2021 schliesslich Pächterin der Bar wurde. Und so gedenkt sie, auch künftig weiterzumachen.
Die treuen Stammgäste revanchierten sich nun für diese Offenheit. Schon als die Bar Ende Januar zügelte, tummelten sich viele Privatpersonen in der Bar und schleppten Möbel und Einrichtung in einen Lkw.
Unterstützung erhält Bracher aber nicht nur von ihren treuen Stammgästen, sondern auch aus der Politik. So war es der SP-Parlamentarier Maxim Morskoi, der den Umzug der «Royal Bar» bedauerte. «Schon wieder verschwindet ein Gewerbe aus dem Zentrum», sagte er an der Sitzung Ende Januar. Gleichzeitig lamentierte er, dass ein wichtiger Treffpunkt für die Stadt fortmusste.
Das sehen auch die ehemaligen Stammgäste und Helfer Uwe Einhauser und Jörg Klossner so. «Das Zentrum wird immer moderner und teurer. Dann hat es für einfache Leute wie uns keinen Platz mehr», sagt Einhauser.
Zuversicht in Tagelswangen
Doch in Lindau hat die Wirtin endlich einen Platz gefunden. Hier fühlt sie sich auch wohl: «Die Gemeinde ist sehr nett und hat mich in allem unterstützt.» Gedanken darüber, ob das «Royal Landhus» schlecht laufen wird, hat Bracher keine. «Klar wird es nicht so viel Umsatz haben wie ein Lokal gleich am Bahnhof. Doch meine Gäste werden auch nach Tagelswangen kommen. Und ich glaube, dass ich etwas Gutes und Schönes aufbauen werde.»
Für die, die den Weg nach Lindau aus gesundheitlichen Gründen nicht machen können, hat Miroslava Bracher eine Vision: «Vielleicht kann ich mit Taxifahrern einen Deal aushandeln, oder vielleicht kann ich mir künftig sogar einen Shuttlebus leisten.» Doch erst muss das «Royal Landhus» öffnen.