Naturschützer machen den Tobelbach in Rikon fischfreundlicher
Je stärker sich Gewässer erhitzen, desto wichtiger werden kühle Rückzugsorte für Fische. Nur: Sie sind oft mit Hindernissen durchsetzt. Naturschützer aus Winterthur kämpfen dagegen an – an einem Zufluss der Töss in Rikon.
Der Hitzesommer hat seine Spuren in den Zürcher Oberländer Gewässern hinterlassen. Für heimische Fische wie die Äsche und die Bachforelle bedeuten die konstant hohen Temperaturen Hitzestress – wenn sie nicht gar lebensbedrohlich sind.
Das gilt auch für die Fische in der Töss. Wenn sich die Flüsse erwärmen, ziehen sie sich in kältere Zuflüsse zurück. Ein solcher wäre der Tobelbach, der bei der Pfäffiker Aussenwacht Schür entspringt und in Rikon in die Töss mündet. Ein Bericht des WWF kam zum Schluss, dass sich der Bach als Rückzugsort und Laichgrund für Fische aus der Töss eignen würde. Doch es gibt ein Problem: 13 Schwellen versperren den Fischen den Weg zum wichtigsten Lebensraum des Bachs.



Dieser liegt etwa vier Kilometer bachaufwärts von der Mündung. «Mit steigenden Wassertemperaturen in der Töss werden Kaltwasserzuflüsse wie der Tobelbach für Bachforelle, Groppe, Elritze und Schmerle überlebenswichtig», sagt Yanik Fuchs von der Winterthurer Naturschutzorganisation Aqua Viva.
Fuchs ist Leiter des Projekts «Fluss frei!». Ziel davon ist, Hindernisse wie die erwähnten Schwellen zu entfernen – damit Fische in kältere Gefilde wandern können. Im Fachjargon heisst das Längsvernetzung. Ihr Fehlen ist mit ein Grund, weshalb Fischarten wie der Lachs hierzulande ausgestorben sind.

170’000 künstliche Hindernisse gibt es laut der NGO schweizweit. Viele davon befinden sich an Bächen oder kleineren Flüssen wie dem Tobelbach, die laut Aqua Viva von den Behörden nicht oder nur verzögert angegangen werden. Die Gemeinde hatte sich auf Grundlage einer Vorstudie zwar für punktuelle Hochwasserschutzmassnahmen am Tobelbach entschieden, die teilweise bereits geplant sind. Diese Eingriffe gewährleisten jedoch die Wanderung der Fische nicht.
Das Projekt am Tobelbach ist in vier Etappen aufgeteilt, die Umsetzung läuft seit dem 10. August. Neben dem Ausbau der Schwellen werden auch Uferverbauungen entfernt. So erhält der Bach, der aktuell stellenweise ausgetrocknet ist, mehr Dynamik und Platz in der Breite. Mit der Zeit entstehen Einbuchtungen, die wiederum Lebensräume für Vögel und Wasserlebewesen bieten. Eine festgelegte maximale Bachbreite stellt sicher, dass die Behörden bei Hochwasser rechtzeitig handeln können.
Der Bach im Unterricht
Mehr Lebensräume für Fische entstehen auch durch gezielt platzierte Steinhaufen und Holzbündel, sogenannte Faschinen – auch diese dienen als Rückzugsort für Fische. Die Faschinen haben Schülerinnen und Schülern der Sek Zell gemeinsam mit der Wasserbaufirma Würmli & Söhne AG aus Bäretswil gebunden.
Zusammen mit dem Umweltbildungsteam von Aqua Viva haben sie im Vorfeld den Bach begangen und halfen bei der Einschätzung mit. Im Herbst werden sie die Ufervegetation pflanzen, die ebenfalls dazu beiträgt, dass sich der Bach nicht übermässig erwärmt.
Die jetzt getroffenen Massnahmen sollen gerade bei Hitze und tiefen Wasserständen ihre Wirkung entfalten. Neu soll es nämlich eine sogenannte Niederwasserrinne geben, also eine Art Korridor, den Fische auch bei geringen Wassermengen durchschwimmen können.


Aqua Viva rechnet mit Kosten von rund 200’000 Franken für jeden der vier Abschnitte. Das Geld stammt grösstenteils von der öffentlichen Hand. Wie das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) auf Anfrage bestätigt, hat es bislang 450’000 Franken für die ersten beiden Abschnitte gesprochen.
Dies im Rahmen des Programms «Vielfältige Zürcher Gewässer», das Massnahmen zur Förderung der Biodiversität an kommunalen Gewässern mit Mitteln aus dem Natur- und Heimatschutzfonds unterstützt. Es geht auf einen Gegenvorschlag zur Initiative «Rettet die Zürcher Natur» aus dem Jahr 2018 zurück. Rund 15 Prozent der Gesamtkosten trägt ausserdem das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich über den Naturmade-Star-Fonds, der wiederum aus dem Stromprodukt «EWZ Pronatur» gespiesen wird.

Die Gemeinde ist Grundeigentümerin und tritt deshalb als Bauherrin auf, finanziert das Vorhaben aber nicht selbst. Mit Ausnahme eines gesperrten Kieswegs soll die Bevölkerung von den Bauarbeiten wenig bemerken. Die ersten zwei Etappen des Projekts werden bis Ende November fertiggestellt, 2027 folgen die beiden weiteren Etappen.

