GZO Spital Wetzikon: «Das Beispiel darf keinesfalls Schule machen»
Interview mit Andreas Mika und Hansjörg Herren
In den nächsten Wochen entscheidet sich das Schicksal der GZO AG und damit des Spitals Wetzikon. Verwaltungsratspräsident Andreas Mika und Spitaldirektor Hansjörg Herren nehmen Stellung zu den drängendsten Fragen.
Herr Mika, Herr Herren, Sie werden von verschiedenen Gläubigern kritisiert, dass Sie das Infracore-Angebot zur Sanierung der GZO AG nicht weiterverfolgt haben. Stattdessen setzen Sie ausschliesslich auf den Sanierungsplan gemeinsam mit der Thurmed-Gruppe.
Andreas Mika, Verwaltungsratspräsident GZO AG: Weil Thurmed das beste und vor allem rechtsverbindliche Angebot gemacht hat. Es ist die Lösung, die das Maximum für die Gläubiger herausholt und gleichzeitig einen nachhaltigen Weiterbetrieb des GZO Spitals Wetzikon gewährleistet.
Moment: Die Thurmed AG erhält für 35 Millionen Franken 51 Prozent an der GZO AG, kontrolliert danach also die Immobilien und den Betrieb. Die Infracore SA hätte 55 Millionen bezahlt und dafür nur die Immobilien erhalten.
Mika: Diese 55 Millionen reichen nicht aus. Das wusste Infracore. Bei dieser Variante hätten die elf Aktionärsgemeinden ihre Kapitalerhöhung von 50 Millionen Franken nicht sprechen können. Sie hätten ihr Aktienkapital gar nicht erhöhen dürfen.
Wieso nicht?
Mika: Weil in den Abstimmungsunterlagen nicht von einem Verkauf der Spitalimmobilien ausgegangen wurde. Darüber hat die Bevölkerung nicht abgestimmt.
Über den Thurmed-Deal auch nicht.
Mika: Hier bleiben die Gemeinden als Aktionäre an Bord. Sollte die Thurmed-Gruppe darauf verzichten, bis am 31. Dezember 2027 eine Mehrheitsbeteiligung an der GZO AG zu erwerben, würden die Gemeinden weiterhin alleinige Aktionärinnen bleiben.
Die Gläubiger verzichten mit dem vorliegenden Sanierungsplan auf mehr als die Hälfte ihres investierten Gelds. Es steht der Vorwurf im Raum, Sie würden sie über den Tisch ziehen.
Hansjörg Herren, Spitaldirektor: Wir befinden uns seit über zwei Jahren in der Nachlassstundung und haben in dieser Zeit den Sanierungsplan mehrfach nachgeschärft. Die Gläubiger gaben uns Rückmeldungen, und diese haben wir, wo immer es ging, berücksichtigt. Auf diesem Weg haben wir das Angebot mit den verfügbaren Mitteln gegenüber dem ursprünglichen Plan vom Oktober 2024 um 32 Millionen Franken verbessert. Mehr geht beim besten Willen nicht.
Das sagen Sie.
Herren: Das ist das Ergebnis einer wiederholten Prüfung und Abschätzung auch durch anerkannte Beratungsunternehmen. Zudem haben die Sachwalter den Prozess überwacht und uns immer wieder angehalten, mögliche Verbesserungen zu prüfen.
Mika: Die relevanten Unterlagen und sämtliche Berechnungen werden in der Aktenauflage vor der Gläubigerversammlung einsehbar sein. Jeder Gläubiger kann sich sein eigenes Bild machen.

Das Infracore-Angebot bestand im Wesentlichen darin, Ihnen 55 Millionen für die Immobilien zu zahlen und diese der GZO AG anschliessend für rund 4 Millionen Franken zu vermieten. Sie hätten mit diesen 55 Millionen und der Liquidität der GZO AG von rund 90 Millionen Franken einiges mehr an die Gläubiger ausschütten können als mit der jetzigen Lösung.
Herren: Das ist ein Fehlschluss. Der Betrieb wäre mit dieser Lösung ohne Liquidität, sprich zahlungsunfähig, am Start gestanden. Aus diesem Grund kam am 16. September das ergänzte Angebot von Infracore. Die Ergänzungen hätten das Angebot kurzfristig verbessern können, wenn sie sich überhaupt zeitgerecht hätten realisieren lassen. Gleichzeitig war das Angebot mit erheblichen Unsicherheiten verbunden, da es in wesentlichen Punkten vage blieb und nicht rechtsverbindlich war.
Mika: Um es auf den Punkt zu bringen: Wir wären höchstwahrscheinlich in spätestens zwei Jahren wieder gleich weit gewesen wie heute. Die 4 Millionen Miete pro Jahr hätten den Businessplan bis ans Äusserste belastet. Weitere zwingende Investitionen, wie die Erneuerung betriebskritischer Anlagen, hätten weitere Kosten zur Folge gehabt.
Was gibt Ihnen die Zuversicht, dass mit dem Zusammengehen mit der Thurmed-Gruppe alles gut wird?
Mika: Mit der Thurmed AG würden wir verschiedene Synergien nutzen können: Beispielsweise könnten wir unsere IT auf eine gemeinsame Basis stellen. Auch die Zusammenlegung weiterer Services bietet erhebliches Potenzial. Unsere Kosten würden im Verbund mit der Thurmed AG signifikant sinken. Im Prinzip haben die Thurgauer Spitäler ein sehr ähnliches Angebot wie die GZO AG. Daher sehen wir ja auch ein sehr grosses Synergiepotenzial.
Wetzikons Stadtpräsident Pascal Bassu (SP) hat in einem Interview gesagt, er könne nicht ausschliessen, dass einzelne Behandlungen nicht mehr in Wetzikon angeboten, sondern in den Kanton Thurgau ausgelagert würden.
Mika: Eine Verschiebung von Patientenströmen ist nicht vorgesehen. Die Patientenströme blieben wie bisher im Kanton Zürich. Für uns war auch wichtig, dass wir uns für weitere Gespräche über einen Spitalverbund nichts verbauen. Wir glauben nach wie vor daran, dass im Zürcher Oberland grosses Potenzial für eine erweiterte Zusammenarbeit besteht.
Vor zwei Wochen wurde ein Schreiben von verschiedenen Grossgläubigern an die GZO AG publik, wonach sie dem vorliegenden Sanierungsplan nicht zustimmen werden.
Herren: Die Formulierung war differenzierter: «… nach heutigem Stand, gestützt auf die derzeit vorliegenden Informationen …» Die Informationen und Berechnungen zum Infracore-Angebot standen diesen Gläubigern zu diesem Zeitpunkt noch nicht zur Verfügung. Mit der Aktenauflage, 20 Tage vor der Gläubigerversammlung, sind diese für alle Gläubiger einsehbar. Wir haben verstanden, dass sie die Berechnungen, die der Entscheidung zugrunde liegen, einsehen und überprüfen wollen. Wir lesen aus dem Schreiben aber auch eine grundsätzliche Sorge heraus.
Welche?
Herren: Die Sorge, dass das Beispiel GZO in der Schweiz Schule machen könnte und weitere Spitäler den Weg des Schuldenschnitts beschreiten könnten. Ich glaube jedoch nicht, dass ein ablehnender, von einer objektiven Analyse losgelöster Entscheid der Gläubiger ein solches Zeichen setzen und damit weitere Krisen in der Spitallandschaft verhindern würde. Die Konsolidierung von Spitälern ist politisch gewollt, und damit ist die Krise im ganzen Gesundheitswesen nicht ausgestanden – egal, wie der Fall GZO gelöst wird. Gleichzeitig werden wir den Weg der Nachlassstundung mit einem Schuldenschnitt sicherlich nicht zur Nachahmung empfehlen. Eine Nachlassstundung können Sie am ehesten mit einer Chemotherapie vergleichen, mit ungewissem Ausgang; das macht keiner freiwillig. Sollte uns das Unterfangen gelingen, werden wir einfach dankbar sein.
Mika: Das sehe ich auch so. Eine Nachlassstundung ist im Voraus nicht berechenbar. Dass unsere Patientenzahlen stabil geblieben sind und das Personal in grosser Zahl zum Spital gehalten hat, ist für uns nicht selbstverständlich. Das hätte auch ganz anders kommen können.

Zurück zu den Grossgläubigern – darunter die Postfinance, Helsana, Visana und verschiedene Pensionskassen: Diese vertreten rund 118 Millionen Franken an ausstehenden Obligationenanleihen von 170 Millionen und verfügen damit über einen Hebel, die GZO AG in den Konkurs zu schicken. Haben Sie mit diesen nicht über den Sanierungsplan gesprochen?
Mika: Selbstverständlich stehen wir und die Sachwalter in ständigem Kontakt mit den Gläubigern. Lassen Sie es mich so sagen: Wir als Verwaltungsrat können nicht emotional entscheiden, sondern treffen unsere Entscheidungen rational aufgrund von Fakten. Wir sind überzeugt, dass auch die grossen institutionellen Gläubiger aufgrund von Opportunitäten und Fakten entscheiden. Die Nachlassdividende unter unserem Sanierungskonzept hat einen deutlichen Abstand zum Konkurs. Insofern haben wir begründete Hoffnung, dass nach Sichtung aller Unterlagen auch die grossen Gläubiger zu dieser Einschätzung kommen.
Mit anderen Worten, Sie sind zuversichtlich, dass die Gläubiger den Nachlassvertrag abnicken werden?
Herren: Zuversicht zu behaupten, wäre anmassend. Die Gläubiger entscheiden, nicht wir. Unsere Aufgabe ist es, sie mit Zahlen und Offenheit zu überzeugen, dass der Nachlassvertrag den Gläubigern mehr bringt als der Konkurs.
Mika: Die ganze Sanierung muss verschiedene Zielkonflikte aushalten: Auf der einen Seite sind die Gemeinden beziehungsweise die Steuerzahler, deren Aktienkapital auf null abgeschrieben wurde und die jetzt frisches Kapital einschiessen. Auf der anderen Seite stehen die Gläubiger, die eine maximale Nachlassdividende anstreben und auch verdienen. Und als drittes Ziel gilt es, das Spital nachhaltig für die Zukunft zu sanieren. Am Ende gibt es auf keiner Seite «reine Gewinner», sondern es ist ein Kompromiss mit Einschnitten auf allen Seiten und nach intensiver Arbeit, das ist unsere Überzeugung, das bestmögliche Ergebnis.
