GZO-Sanierung: Grossgläubiger drohen mit Veto, Infracore bessert nach
Glaubensfrage eskaliert
Ein Brief an die Führung des GZO Spitals Wetzikon und die Sachwalter löst eine neue Entwicklung im Streit um das finale Sanierungskonzept aus. Denn ein Unternehmen ergänzt sein Kaufangebot um mehrere Punkte.
Im Ringen um die Rettung des Spitals Wetzikon prallen die Welten frontal aufeinander. Während eine Allianz aus Grossgläubigern mit 118 Millionen Franken Forderungen offen mit einer Ablehnung des Sanierungsplans droht, lanciert Immobilieninvestor Infracore ein nachgebessertes Angebot. Für Gläubiger und Gemeinden wird das Verfahren immer mehr zum Glaubenskrieg um Gutachten, Mieten und Millionen.
Die Uhr für das Spital Wetzikon tickt unerbittlich: Am 19. Dezember läuft die Nachlassstundung definitiv ab. Steht bis dann kein von den Gläubigern abgesegneter Sanierungsplan, geht das Regionalspital in Konkurs.
Doch statt eines gemeinsamen Vorgehens herrscht wenige Wochen vor der entscheidenden Gläubigerversammlung maximale Konfrontation. Im Zentrum steht die fundamentale Frage: Welchen Zahlen und welchen Experten kann man noch trauen?
118-Millionen-Allianz torpediert Thurmed-Lösung
Den Stein ins Rollen brachte ein geharnischter Brief vom 9. September, über den das Finanzportal Inside Paradeplatz berichtete. Acht institutionelle Schwergewichte haben sich zusammengeschlossen. Sie werden angeführt von der staatlichen Postfinance und flankiert von Helsana, Visana, Helvetia, Syz Asset Management sowie den Pensionskassen von Bund (Publica), Post und Roche. Gemeinsam halten sie gemäss eigenen Angaben rund 118 Millionen Franken der offenen 170-Millionen-Obligationenanleihe. Genug Geld, um den Thurmed-Deal als vorgeschlagene, finale Sanierungsoption scheitern zu lassen.
Die Botschaft der Allianz an GZO-Verwaltungsratspräsident Andreas Mika und die Sachwalterkanzlei Wenger Plattner ist ein Ultimatum: Dem offiziellen Sanierungskonzept könne man «nach heutigem Stand nicht zustimmen». Die Gläubiger stören sich daran, dass die Thurgauer Spitalgruppe Thurmed für gerade einmal 7 Millionen Franken Wandeldarlehen die operative Kontrolle übernehmen soll. Die Aktionärsgemeinden schiessen 50 Millionen Franken frisches Eigenkapital ein – und die Anleiheinhaber sollen am meisten bluten. Sie fordern deshalb Nachbesserungen und verlangen bereits «werterhaltende Vorbereitungsmassnahmen für den Fall eines Konkurses».
Das GZO bestätigt, dass ein Schreiben verschiedener Gläubiger vorliegt. Es hält aber fest: «Zu einzelnen Gläubigerpositionen und laufenden Gesprächen äussern wir uns aus Vertraulichkeitsgründen nicht.» Es sei nachvollziehbar, dass Gläubiger angesichts ihrer Verluste jedes Angebot kritisch hinterfragen und sich eine möglichst hohe Rückzahlung wünschen. «Massgebend ist allerdings nicht die maximale, sondern die tragbare Dividende, das heisst, eine, die dem Schuldner eine nachhaltige wirtschaftliche Perspektive erhält», so die Verantwortlichen.
Infracore kontert: Mehr Liquidität und Zeit für Thurmed
Doch die Drohung der Grossgläubiger verfehlte ihre Wirkung nicht. Quasi zeitgleich trat die an der SIX kotierte Spitalimmobiliengesellschaft Infracore erneut auf den Plan. Am 15. September legte Infracore der GZO-Führung eine nachgebesserte Offerte vor. Auf Nachfrage beim Spital, ob das Schreiben der Auslöser für ein Treffen war, folgt keine konkrete Antwort. Man nehme die Rückmeldungen der Gläubiger ernst und stehe mit ihnen in einem intensiven Austausch. «In diesem Zusammenhang haben wir nochmals das klärende Gespräch mit Infracore gesucht.»
Das Grundgerüst des ergänzten Angebots bleibt derweil identisch: 55 Millionen Franken Barkaufpreis für die Spitalbauten, keine Steuergelder der Gemeinden nötig, der Spitalbetrieb verbleibt vollumfänglich bei der GZO AG, die den Aktionärsgemeinden gehört, ein Verbund ist möglich.
Um jedoch den Hauptvorwurf von Spital und Finanzberaterin PwC – dem Spital fehle nach dem Deal die Betriebsliquidität und der Zugang zu Bankkrediten – zu entkräften, hat der Immobilieninvestor vier gezielte Hebel nachgelegt:
- Debitoren-Backstop: Da das Spital ohne eigene Immobilien keine Pfänder für klassische Bankkredite hat, springt Infracore ein. Findet das GZO bis Ende drittes Quartal 2027 keine Bank zur Vorfinanzierung offener Patientenrechnungen, finanziert Infracore bis zu 80 Prozent des Debitorenbestands, zu dem Krankenkassen, Versicherer und Patienten gehören, selbst.
- 10-Millionen-Notkredit: Gegen eine Liquiditätslücke am Tag eins nach dem Nachlassvertrag offeriert Infracore ein zusätzliches kurzfristiges Darlehen von bis zu 10 Millionen Franken.
- Tür für Thurmed bleibt offen: Infracore schlägt überraschend eine Kombi-Lösung vor. Der Immobiliendeal schliesse Thurmed nicht aus. Die Thurgauer könnten den operativen Betrieb führen, während Infracore die Gebäude besitzt. Für diesen Verbund gibt Infracore dem GZO Zeit bis Ende 2028.
- Fristverlängerung und Unterschriftsreife: Die Offerte gilt neu bis zum 31. Oktober. Laut Infracore sind die Verträge «innert Tagen unterschriftsreif» und müssten vor der Gläubigerversammlung nur noch unter die Bedingung des Nachlassvertrags gestellt werden.
Bestätigung statt Begeisterung beim GZO
Räumt dieser Vorstoss die Zweifel aus? Für die GZO-Führung keineswegs. In einer ersten Stellungnahme reagierte das Spital kühl: Dass Infracore nun massiv nachbessere, beweise lediglich, «dass das ursprüngliche Angebot nicht ausreichend war, um eine tragfähige Sanierung zu erfüllen». Ob das ergänzte Angebot die bisher festgestellten Defizite ausreichend behebe und insgesamt eine final umsetzbare, wirtschaftlich nachhaltige Perspektive eröffne, werde sich zeigen.
Die Prüfung ist bereits im Gange. Angesichts des engen Zeitrahmens führe man diese mit hoher Priorität durch und werde zeitnah über das Ergebnis informieren. Auf Anfrage präzisiert das GZO jedoch einen wesentlichen Punkt: Auch das ergänzte Infracore-Angebot umfasse keineswegs eine vertraglich ausgearbeitete Fassung, die rechtlich direkt zur Abstimmung vorgelegt werden könnte.
Unterschiedliche Expertisen
Das im Juli von Infracore vorgelegte Angebot hatten GZO und PwC als «nicht tragbar» eingestuft. Bei einer Jahresmiete von knapp 4 Millionen Franken (7,27 Prozent Anfangsverzinsung) im «Core & Shell»-Modell, bei dem die meisten Unterhaltskosten beim Spital blieben, schnüre der Mietvertrag dem Regionalspital mittelfristig die Luft ab. Die Zürcher Kantonalbank wiederum fand es «ungewöhnlich», dass die GZO AG das Angebot als nicht tragbar taxiert habe, ohne dass Annahmen und Berechnungen gegenüber dem Kapitalmarkt offengelegt worden seien.
Aktuell liegen weder die Berechnungen von PwC noch jene von Infracore öffentlich vor. Warum Erstere nicht publiziert werden, ist eine von mehreren Fragen, die das Spital auf einer eigenen FAQ-/Informationsseite beantwortet. Dort heisst es, den Gläubigern werden im Rahmen der Aktenauflage alle für ihre Beurteilung relevanten Informationen in geeigneter Form zur Verfügung gestellt. Dies entspreche dem üblichen Vorgehen. Offen bleibt hingegen, von welchen Experten sich Infracore finanztechnisch beraten lässt und ob diese Daten ebenfalls publik werden.
Gläubiger beurteilen und entscheiden
Nur: Wird Transparenz in diesem komplexen Verfahren überhaupt noch helfen? Vor der Gläubigerversammlung wird die GZO-Sanierung endgültig zur Glaubensfrage. Und diese müssen die Gläubiger beantworten.
Sie entscheiden allein über das Überleben des Regionalspitals – völlig unabhängig davon, wie geschlossen Spitalführung, Sachwalter und Gemeinden hinter dem Thurmed-Deal stehen. Und ungeachtet dessen, dass ein auf Kreditrisiko- inklusive Turnaround-Management spezialisierter Experte der ZHAW diesen Thurmed-Deal «als sinnvollste Lösung für die Gläubiger» einstufte.

