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Keine Kirchenfusion im Tösstal

Katholiken aus Turbenthal verwerfen Fusion mit Zell – das müssen Sie wissen

Wegen eines Rekurses mussten die Katholiken in Zell und Turbenthal erneut über die Fusion ihrer Kirchgemeinden abstimmen. Doch das Nein aus Turbenthal hat Bestand. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Eine Gemeinde, zwei Kirchen: Daraus wird nichts.

Fotos: Noah Salvetti/Bettina Schnider

Katholiken aus Turbenthal verwerfen Fusion mit Zell – das müssen Sie wissen

Keine Kirchenfusion im Tösstal

Wegen eines Rekurses mussten die Katholiken in Zell und Turbenthal erneut über die Fusion ihrer Kirchgemeinden abstimmen. Doch das Nein aus Turbenthal hat Bestand. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Katholische Kirchgemeinde Mittleres Tösstal – diesen Namen hätten sich die beiden Kirchgemeinden Zell und Turbenthal nach geglückter Vereinigung gegeben. Doch nach der wiederholten Abstimmung in den beiden Gemeinden ist klar: Aus dem Zusammenschluss wird nichts.

Worum geht es?

Die Katholische Kirchgemeinde Zell kämpft schon länger mit Problemen. Seitdem die Kirchenpflege vor rund drei Jahren geschlossen zurückgetreten ist, hat die Kirchenbehörde zwar wieder Mitglieder gewonnen. Weil sie aber unterbesetzt und damit nicht beschlussfähig ist, wird sie fremdverwaltet. Und bereits vor diesem Exodus hatten sich die Probleme gehäuft.

Eine Fusion mit der Kirchgemeinde Herz Jesu Turbenthal sollte die Lösung sein – so lautete der Vorschlag der Kantonalkirche. Neben dem Ja aus Zell war auch eines aus Turbenthal nötig.

Im ersten Anlauf lehnten die Turbenthaler den Fusionsvertrag ab. Wegen eines gutgeheissenen Rekurses musste die Abstimmung in beiden Kirchgemeinden wiederholt werden. Während die Kirchenbürger in Zell am Mittwochabend erneut Ja sagten, sprachen sich die Turbenthaler zum zweiten Mal gegen die Fusion aus. Dieses Mal mit 43 Nein- zu 32 Ja-Stimmen. Die Fusion ist damit vom Tisch.

Kommt dieser Entscheid überraschend?

Nein. Und das nicht nur, weil bereits aus der ersten Abstimmung ein Nein hervorging. Auch mehrere Leserbriefe sowie ein anonymes Inserat im «Zürcher Oberländer» zeichneten das Bild einer, trotz anfänglichem Optimismus, fusionskritischen Stimmung.

So warnten einige Leser vor finanziellen Folgen für die neue Gemeinde, die durch Altlasten der Kirchgemeinde Zell entstehen könnten. Auch frühere Konflikte mit der Zeller Kirchgemeinde, drohende Anonymität und Sorgen um den Fortbestand der beiden Pfarreien bereiteten einigen Bauchschmerzen.

Demgegenüber stand die Kirchenpflege Turbenthal um Präsidentin Anna Maria Caldarulo, die im Vorfeld der Abstimmung nicht müde wurde, zu betonen, dass ein Zusammenschluss den Verwaltungsapparat, nicht aber den pastoralen Teil der Gemeinde betreffe. Auch nach einer Fusion hätten die Pfarreien demnach weiterhin auf eigene Rechnung operiert. Von einem grösseren Konstrukt versprachen sich die beiden Partner aber Synergien, etwa in der Jugend- und Seniorenarbeit.

Das sogenannte duale System ist eine Schweizer Eigenheit. In der Katholischen Kirche gibt es hierzulande zwei Partner, die sich die Aufgaben im kirchlichen Leben teilen: die pastorale Seite, organisiert als Pfarrei – und die staatskirchenrechtliche Seite, organisiert als Kirchgemeinde.

Die Pfarrei ist gemäss kirchlichem Recht eine Gemeinschaft von Gläubigen. Sie wird von einem gewählten Pfarrer oder einem Pfarreibeauftragten geleitet und ist unter anderem verantwortlich für Seelsorge und Gottesdienste.

Die Kirchgemeinde hingegen übernimmt die Verantwortung für die staatskirchenrechtlichen Aufgaben, beispielsweise die Finanzen oder die Infrastruktur. (bes)

Wie reagiert die Kirchgemeinde Turbenthal?

Die Kirchenpflege Turbenthal zeigt sich nach der Versammlung enttäuscht über das erneute Nein. «Es ist ausserordentlich schade», sagt Präsidentin Anna Maria Caldarulo auf Anfrage. «Wir haben versucht, die Bedenken auszuräumen und die Chancen einer Fusion zu betonen, aber am Ende haben die Ängste überwogen.»

Caldarulo stellt denn auch fest, dass es den Gegnern «mit Aktivismus» gelungen sei, viele Stimmende zu mobilisieren. So hätten Bürger teilgenommen, die normalerweise nicht an Versammlungen anzutreffen seien. «Immerhin ist das Resultat dadurch repräsentativer», sagt die Präsidentin. Anders als die Gegner musste sich die Behörde im Vorfeld auf Information konzentrieren, statt aktiv für ein Ja zu werben. «Wir konnten und wollten uns nicht so weit aus dem Fenster lehnen wie das Nein-Lager», so Caldarulo.

Es tue ihr auch leid für die Kirchgemeinde Zell. Und selbst im Hinblick auf die Zukunft der eigenen Kirchgemeinde sieht sie Fragezeichen. «Es ist eine sehr kurzsichtige Entscheidung.» Nicht nur die Spaltung, die die Abstimmung mit sich brachte, bereitet ihr Sorgen. Sie befürchtet, dass die Gemeinde in Turbenthal künftig mit ähnlichen Problemen konfrontiert sein könnte wie jene in Zell. Besonders, wenn nach einer Fusion zwischen Wildberg und Pfäffikon die Grenzen bereinigt werden und somit Kirchenmitglieder wegfallen.

Was bedeutet der Entscheid für die Kirchgemeinde Zell?

In Zell reagiert man ebenfalls ernüchtert über das Nein aus Turbenthal. «Wir standen hinter der Fusion, weil sie aus finanzieller Sicht notwendig ist», sagt Peter Brunner, der als Sachwalter die Kirchenpflege führt. «Beide Gemeinden sind klein und finanziell nicht sehr gut für die Zukunft gerüstet.»

Als die Kirchgemeinde vom Entscheid der Nachbarn erfahren habe, habe sich aber keine Entrüstung breitgemacht. Vielmehr sei ein neues Selbstvertrauen spürbar gewesen. Um allein bestehen zu können, muss sie nun in eine neue Normalität finden.

Die Gemeinde habe sich bereits im Vorfeld mit Sparmassnahmen auf ein Nein vorbereitet. Etwa, indem sie das Pensum des Pfarrers reduziert und die Organistenstelle abgeschafft hat. Doch klar bleibt: «Allzu lange können wir die aktuelle finanzielle Situation nicht mehr tragen.»

Was die Verwaltung angeht, zeichnet sich zumindest eine vorübergehende Lösung ab. Laut Brunner kann die Gemeinde befristet auch mit drei statt fünf Kirchenpflegern selbständig operieren – vorausgesetzt, eine Person stellt das Präsidium. Ob dies gelingt, wird sich bei den Erneuerungswahlen im Sommer zeigen.

Weitere Fusionsverhandlungen, etwa mit benachbarten Kirchgemeinden, wird es vorerst nicht geben. Dafür brauche es entsprechende Signale, sagt Brunner. «Und aktuell sind wir sicher nicht die attraktivste Fusionspartnerin.»

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