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Meinung

Analyse zur Nichtwiederwahl

Nun verliert Kündig nicht nur einen Hut, sondern seine wichtigste Rolle

Jörg Kündig, der «ewige Gemeindepräsident» von Gossau, hat die Wiederwahl nicht geschafft. Wie konnte es so weit kommen?

Als ehemaliger Verwaltungsratspräsident des GZO Spitals Wetzikon musste Jörg Kündig den Medien 2024 Rede und Antwort stehen.

Archivfoto: Till Burgherr

Nun verliert Kündig nicht nur einen Hut, sondern seine wichtigste Rolle

Jörg Kündig, der «ewige Gemeindepräsident» von Gossau, hat die Wiederwahl nicht geschafft. Wie konnte es so weit kommen?

Das Gossauer Stimmvolk hat dem Herausforderer von Jörg Kündig (FDP), Daniel Wäfler (SVP), den Vorzug gegeben. Wie konnte nach 24 Jahren als Gemeindepräsident einer der dienstältesten Amtsinhaber und bestvernetzten Politiker im Kanton Zürich nicht wiedergewählt werden?

Es ist ein politisches Erdbeben mit Ansage, das weit über die Gossauer Gemeindegrenzen hinaus zu spüren ist. Dass Daniel Wäfler das Unmögliche geschafft und den «ewigen Gemeindepräsidenten» aus dem Sattel gehoben hat, ist kein Zufallsprodukt. Es ist das Resultat einer schleichenden Entfremdung und einer Kumulation von Krisen, die selbst ein politisches Schwergewicht wie Jörg Kündig nicht mehr stemmen konnte.

Wenn die «vielen Hüte» zur Last werden

Jörg Kündig war nie nur der Gemeindepräsident von Gossau. Er war – und ist – FDP-Kantonsrat, Präsident des Verbands der Gemeindepräsidien (GPV) und damit der informelle «achte Regierungsrat». Er war der Mann für alle Fälle, der Netzwerker par excellence, der Militärstratege, der die Dossiers beherrschte wie kaum ein Zweiter, einer, der gerne Führungsverantwortung übernahm. Und sich zutraute, all diese Hüte unter einen einzigen zu bringen.

Nur, wer so viele Hüte trägt, bietet eine riesige Angriffsfläche. Während Kündig auf dem Zürcher Parkett die grossen Linien zog, punktete sein Herausforderer mit Fokus auf das Lokale, das Greifbare.

Der Dominoeffekt

Auch wenn die Schweizer Politik de facto keine Abwahl kennt, die Nichtwiederwahl hat den gestandenen Mittsechziger unvorbereitet und mitten ins Mark getroffen. Schon im Vorfeld der Wahlen konnte man bei einem Podiumsgespräch spüren und sehen, wie Kündig um seine Fassung rang.

Als GPV-Präsident verhandelte er auf Augenhöhe mit dem Regierungsrat, er war das Gesicht und die Stimme der 165 Zürcher Gemeinden. Doch die Nichtwiederwahl bringt Dominosteine ins Fallen: Ohne das Gemeindepräsidium ist diese Ära schlagartig beendet. Denn seine einflussreichste Rolle – das Präsidium des Verbands der Zürcher Gemeindepräsidien (GPV) – ist untrennbar an sein Amt in Gossau geknüpft.

Kündig ist nun nicht mehr der strategische Kopf der Zürcher Kommunalpolitik, sondern «nur» noch ein FDP-Kantonsrat unter vielen. Er verliert nicht nur den wichtigen Präsidentensessel im Gemeindehaus, sondern auch seine Einflussbasis auf kantonalem Parkett. Dass er dieses Risiko eingegangen ist, statt den geordneten Rückzug anzutreten, zeugt von einer fatalen Fehleinschätzung der eigenen Wirkung.

Die Schmach des verpassten Abgangs

Denn Politik ist auch die Kunst des richtigen Zeitpunkts. Kündig hätte als Staatsmann abtreten können – nach fast einem Vierteljahrhundert im Amt, mit Würdigungen und Applaus. Doch er wählte den Weg der erneuten Kandidatur, wohl in der festen Überzeugung, dass es ohne ihn nicht geht.

Dass er sich einen Sieg seines Herausforderers offensichtlich nicht vorstellen konnte, wird nun zur persönlichen Niederlage. Statt eines selbst bestimmten Abgangs folgte die Antwort durch das Stimmvolk. Es ist das bittere Ende einer Karriere, bei der der Instinkt für die Stimmung an der Basis am Ende vom Glanz der hohen kantonalen Ämter überstrahlt wurde.

Die GZO-Krise am Ursprung

Zu diesem Verlust an Bodenhaftung gesellte sich ein handfestes Krisendossier: das GZO Spital Wetzikon. Als langjähriger Verwaltungsratspräsident stand Kündig wie kein anderer für die Strategie des regionalen Spitals, das seit bald zwei Jahren in Nachlassstundung steckt.

Die finanzielle Schieflage des GZO und die daraus resultierende Nachlassstundung waren das Gift, das Kündigs Nimbus der Unbesiegbarkeit zersetzte.

Obwohl er das Präsidium im Spätherbst 2024 abgab – statt von Rücktritt sprach man von Handbietung für eine Nachfolgelösung –, blieb die Verantwortung in der öffentlichen Wahrnehmung an ihm haften. Für viele Stimmbürger war die Krise des Spitals als eines der emotionalsten Themen in der Region untrennbar mit dem Namen Kündig verbunden. Der «Profi», der für Stabilität und Dossierfestigkeit stand, musste zusehen, wie sein Flaggschiff in Seenot geriet. Das Vertrauen in seine Management-Qualitäten, die er in Gossau über zwei Jahrzehnte erfolgreich verkaufte, erhielt Risse, die nicht mehr zu kitten waren.

Das Ende einer Ära

Kündigs Karriere war eine «Schweizer Karriere aus dem letzten Jahrhundert»: Eine Symbiose aus Politik, Wirtschaft und Militär. In einer Zeit, in der das Misstrauen gegenüber «Filz» und «Multifunktionären» wächst, wirkte dieses Modell plötzlich aus der Zeit gefallen.

Mit Jörg Kündig verliert Gossau nicht nur einen erfahrenen Piloten, sondern auch seinen direkten Draht in die Machtzentralen des Kantons. Doch die Wählerinnen und Wähler haben entschieden, dass ihnen lokale Präsenz und ein unbelasteter Neuanfang wichtiger sind als kantonale Relevanz.

Auch die besten Netzwerke reissen, wenn die Basis das Gefühl hat, nur noch eine von vielen Stationen im Terminkalender eines Machtpolitikers zu sein. Jörg Kündig hat an diesem Sonntag seinen wichtigsten Hut verloren – den, der ihn überhaupt erst auf die grosse Bühne gebracht hat.

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