Wie Jörg Kündig seine vielen Hüte unter einen Hut bringt
Polit-Schwergewicht aus Gossau
Der Gossauer Gemeindepräsident Jörg Kündig gehört zu den umtriebigsten und einflussreichsten Politikern im Kanton. Jeder kennt ihn irgendwie – und irgendwie doch nicht. Eine Annäherung.
Es gibt auf jeder Redaktion ein paar Tipps, die man als Neuling ziemlich schnell mit auf den Weg bekommt. In dieser lautet einer davon: «Ruf doch rasch den Kündig an.»
Tatsächlich begegnet man Jörg Kündig vor allem in der Zürcher Politik immer wieder. Gibt man seinen Namen in die Suchmaske der Schweizer Mediendatenbank ein, finden sich fast 3800 Treffer. Gefühlt 99 Prozent davon beziehen sich auf ihn.
Wer ist dieser Mann aus Gossau, der so omnipräsent ist und den man doch nur als Amtsträger wahrnimmt?
Um diese Frage zu beantworten, beginnt man am besten humorlos mit einer Aufzählung seiner Ämter. Der 63-Jährige ist unter anderem FDP-Kantonsrat, Gemeindepräsident von Gossau, Präsident des Verbands der Gemeindepräsidien des Kantons Zürich (GPV), Verwaltungsratspräsident des GZO-Spitals Wetzikon, Verwaltungsrat bei der Gebäudeversicherung des Kantons Zürich (GVZ). Einer der bestvernetzten Politiker im Kanton.
Ich bin eigentlich immer in irgendeiner Funktion unterwegs.
Jörg Kündig
Überdies führt der Vater zweier erwachsener Kinder gemeinsam mit seiner Ehefrau ein kleines Treuhandbüro mit diversen Mandaten, ist Verwaltungsrat einer Chemie- und Kosmektikhandelsfirma und Genossenschaftspräsident des Regionalen Skispringerzentrums Zürcher Oberland in Steg. Die Liste ist unvollständig, doch gemein ist fast allen Positionen eines: die Führungsverantwortung.
Sein Wort hat Gewicht
«Es ist schon so, ich bin eigentlich immer in irgendeiner Funktion unterwegs», sagt er. Und folgert wenig überraschend: «Man muss sich gut organisieren.» Für jemanden, der so viele Interessen vertritt, ist Zeit ein wertvolles Gut.
Auch im persönlichen Umgang gewinnt man schnell den Eindruck, dass man es mit einem Profi zu tun hat. Kündig gibt sich zuvorkommend, wählt seine Worte bedacht. Keine Anglizismen, keine saloppen Sprüche, keine emotionalen Ausschläge, keine Aussagen, die man ihm im Mund umdrehen könnte.
Böse Zungen würden das «trocken», wohlwollende «souverän» nennen.




Als «angenehmen» Typ, der oft «freundlich lächelt», beschreibt ihn Brigitte Röösli. Die SP-Kantonsrätin aus Illnau-Effretikon nimmt mit ihm in der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit Einsitz.
Gleichzeitig spüre sie deutlich: «Hinter seinen Worten steht das Kollektiv der Gemeindepräsidien im Kanton – und das hat massives Gewicht. Die Grenzen zwischen diesem Verband und ihm als seinem Präsidenten sind fliessend.»
Verantwortung und Macht
Obschon Jörg Kündig gemäss eigener Aussage derzeit vor allem die grossen Herausforderungen des Spitals Wetzikon und des Gesundheitswesens umtreiben, scheint klar: Das GPV-Präsidium ist die Rolle, die ihn von all seinen Ämtern am stärksten definiert.
In ihr setzt er sich nicht nur für die 160 Zürcher Kommunalregierungen ein, er verhandelt auch für sie mit derjenigen des Kantons. Das Themenspektrum ist umfassend, es geht um Bildung, das Asylwesen und die Strukturen im Gesundheitswesen oder die Sozialwerke. Und in der Essenz, wie immer in der Politik, um Zuständigkeiten, Ressourcen und Geld.
Dazu muss man wissen: Im Kanton Zürich können bereits eine Allianz ab zwölf Gemeinden oder die Städte Zürich oder Winterthur das Gemeindereferendum gegen eine Vorlage ergreifen. Dementsprechend essenziell ist es für den Regierungsrat, die Bedürfnisse der Gemeinden rechtzeitig abzuholen – und das verleiht Jörg Kündig Verantwortung und Macht.
Er selbst sagt: «Der Präsident des GPV wird deshalb gerne mal als achter Regierungsrat bezeichnet.»
Wenn jemand mit der Herausforderung der vielen Hüte umgehen kann, dann er.
SP-Kantonsrätin Brigitte Röösli
Es ist nicht ganz frei von Ironie, dass ihn just der Posten als inoffizieller achter Regierungsrat wohl mit daran hinderte, in den Kreis der offiziellen sieben aufzusteigen. Denn als es 2018 darum ging, den Kandidaten aufzustellen, der den Sitz des zurücktretenden Thomas Heiniger in der FDP halten sollte, entschied sich diese für den Effretiker Thomas Vogel – und gegen ihn.
Weil er als GPV-Präsident die Interessen der Gemeinden vertritt, kommt es immer wieder einmal zu Situationen, in denen sein Handeln den Interessen seiner Partei zuwiderläuft – besonders wenn es um die Verteilung von Kosten geht. Er glaubt, dass ihm das in der Ausmarchung geschadet hat.
Die Frage, ob er den Regierungsratssitz, den Vogel damals klar verpasste, geholt hätte, gehört ins Reich der Spekulationen. Doch er lässt durchblicken, dass er sich durch sein überparteiliches Engagement gute Chancen ausgerechnet hätte. Entsprechende Rückmeldungen habe er zur Genüge bekommen.
Bald drei Jahrzehnte in der Politik
Die verhinderte Regierungsratskandidatur ist die grösste persönliche Niederlage, die Kündig in seiner bald 30-jährigen Polit-Karriere hinnehmen musste. Und eines von wenigen Malen, in denen ihm womöglich ein Interessenkonflikt im Weg gestanden ist.
Ansonsten ist er jedenfalls extrem gut darin, sie trotz ihrer grossen Zahl nicht eskalieren zu lassen. SP-Kantonsrätin Brigitte Röösli bestätigt denn auch anerkennend: «Wenn jemand mit der Herausforderung der vielen Hüte umgehen kann, dann er.»

Dass ihm all das derart gut gelingt, hat viel mit seiner Persönlichkeit zu tun. Kündig, in Wetzikon als ältester von drei Brüdern aufgewachsen und auf der Stadtverwaltung zum Kaufmann ausgebildet, ist ein Mann der Entwicklung. Ein Schritt, ein Mandat oder ein Amt kommt bei ihm nie aus dem Blauen. Es wächst immer aus dem Vorangegangenen heraus.
Bevor er 2002 Gemeindepräsident von Gossau wird, ist er acht Jahre Finanzvorstand und beruflich bei der UBS tätig. Bevor er 2006 das Präsidium des damals noch als Zweckverband organisierten GZO-Spitals Wetzikon übernimmt, vertritt er seine Gemeinde während vier Jahren in der entsprechenden Kommission. Bevor er 2016 sein Amt an der GPV-Spitze antritt, ist er sechs Jahre Verbandspräsident der Gemeindepräsidien im Bezirk Hinwil.
Das Muster lässt sich in all seinen Tätigkeiten erkennen. Und der Vorteil liegt auf der Hand: Das Feld liegt vor ihm, er kann es erkunden, analysieren und mögliches Konflikt- als auch Synergiepotenzial mit anderen Feldern erkennen. So lassen sich Sphären verschmelzen.
Eine Karriere aus dem letzten Jahrhundert
Als seine prägendste Lebensschule nennt Kündig die Armee. Bis zum Oberst im Generalstab hat er es dort gebracht, in jungen Jahren war sogar das Berufsmilitär zwischenzeitlich ein Thema. Organisation, Disziplin, Führung – die wertvollsten Werkzeuge hat er sich hier angeeignet.
Unter dem Strich hat sich daraus das ergeben, was man sich unter einer Schweizer Karriere aus dem letzten Jahrhundert vorstellt. Eine, in der sich Politik, Wirtschaft und Militär gegenseitig befruchten und ein Netzwerk erblühen lassen. Eine aber auch, bei der man heute auch Gefahr läuft, sich plötzlich in der Filz-Ecke wiederzufinden.
Jörg Kündig ist sich dessen bewusst. Er sagt: «Netzwerke sind extrem wertvoll. Aber sie dürfen auf keinen Fall zu geschlossenen Kreisen werden.» Er muss es wissen.