Abo

Lifestyle

«Das ist wie ein Sechser im Lotto»

Im Sauriermuseum Aathal sorgt ein seltener Dinosaurierfund für Aufsehen. Direktorin Yolanda Schicker-Siber weiss wieso – und zeigt auf, wie genaues Arbeiten und Glück in der Paläontologie zusammenspielen.

Yolanda Schicker-Siber, Direktorin des Sauriermuseums Aathal, war Grabungsleiterin, als «Lucy» gefunden wurde.

Foto: Talina Steinmetz

«Das ist wie ein Sechser im Lotto»

Spezieller Fund im Sauriermuseum Aathal

Im Sauriermuseum Aathal sorgt ein seltener Dinosaurierfund für Aufsehen. Direktorin Yolanda Schicker-Siber weiss, wieso – und zeigt auf, wie genaues Arbeiten und Glück in der Paläontologie zusammenspielen.

Yolanda Schicker-Siber ist so einiges gewohnt, wenn es um alte Knochen geht. Schon als Kind war sie mit ihrem Vater Köbi Siber auf Ausgrabungen in den USA und erlebte, wie hart die Arbeit im Feld sein kann. Heute leitet sie das Sauriermuseum Aathal, das ihr Vater einst gegründet hat – und lebt wie er für die Urgiganten.

«Trinity» als erster fast komplett erhaltener T‑Rex und «Willard», der weltweit grösste je gefundene Triceratops, waren oder sind im Sauriermuseum zu sehen. Und doch gibt es immer noch Funde, die Schicker-Siber sprachlos zurücklassen – so auch die Knochen von Dinosaurier «Lucy».

«Lucy» folgt auf «Lenny»

Der Name des Sauriers ist keine wissenschaftliche Klassifikation, sondern ein persönlicher Moment im Feldalltag. Benannt wurde «Lucy» nach der Tochter der Grabungsleiterin Yolanda Schicker-Siber. Solche Namen entstehen in der Paläontologie immer wieder informell – oft als Ausdruck der emotionalen Nähe zu einem Fund, der über Jahre hinweg begleitet wird.

Im selben Grabungsgebiet war zuvor bereits ein kleiner Sauropode entdeckt worden, der den Namen «Little Lenny» erhielt, benannt nach dem Sohn von Schicker-Siber. «Der neue Fund war quasi dann die grosse Schwester, weshalb ich sie ‹Lucy› genannt habe.» (tas)

«Das ist wie ein Sechser im Lotto», sagt Schicker-Siber mit Blick in «Lucys» Vitrine. «Lucy» ist ein junger Sauropode, konkret ein Camarasaurus. Diese lebten vor ungefähr 155 Millionen Jahren, waren Pflanzenfresser und einer der am häufigsten vorkommenden Dinosaurier ihrer Zeit.

Und doch ist der Fund eines fast komplett erhaltenen Schädels eine Seltenheit, erst recht von einem Jungtier. Denn: Der Kopf und der Hals bestehen aus sehr vielen sehr feinen, dünnen Knochen. Sie zerfallen nach dem Tod sehr schnell, sodass oft nur einzelne Fragmente übrig bleiben.

Man sieht den Schädel eines Dinosauriers in einem Gesteinsblock.
Der Schädel von «Lucy» ist fast vollständig – eine Seltenheit bei Sauropoden, weil ihre Knochen sehr fein und dünn sind.

Entdeckt wurde «Lucy» bereits 2023 im Grabungsgebiet im US-Bundesstaat Wyoming. Das Team rund um Grabungsleiterin Yolanda Schicker-Siber war vor Ort, um die Grabungsflächen zu erweitern. Dabei stiessen einige Mitarbeitende auf auffällige Fragmente, die sie schliesslich als Zähne und Teile eines Schädels einordneten. «Die Zähne waren sehr charakteristisch für einen Camarasaurus und deuteten auch darauf hin, dass es sich um ein Jungtier handeln musste. Das weckte die Hoffnung, dass es sich um einen bedeutenden Fund handeln könnte.»

Schicker-Siber entschied, die Knochen in die Schweiz bringen zu lassen. Wegen der Fragilität wurde der Fund nicht direkt freigelegt, sondern samt dem ihn umgebenden Gestein geborgen, verpackt und abtransportiert. Ein übliches Vorgehen, wie die Grabungsleiterin sagt. «Das Risiko, die Knochen zu beschädigen, wäre sonst zu gross.»

Zwei Jahre später

Der Gesteinsblock wurde ins Sauriermuseum gebracht, rückte dort jedoch zunächst in den Hintergrund. Zwei andere spektakuläre Entdeckungen verlangten die volle Aufmerksamkeit des Teams: Der Stegosaurus «Cheyenne» sowie die Funde rund um den Allosaurus «Bruce» waren damals aktueller.

Bei der Präparation 2026 wurde deutlich, dass «Lucys» Schädel weit vollständiger erhalten ist als zunächst angenommen – ein seltener Glücksfall bei einem Jungtier eines Sauropoden. «Ich war zu Hause, es war spätabends. Unser Paläontologe Nils schickte mir zuerst im Minuten-, dann im Sekundentakt Fotos und Videos der Knochen. Meine Begeisterung wuchs in derselben Geschwindigkeit», erinnert sich Schicker-Siber.

Die vorläufige Präparation von «Lucy» dauerte drei Monate, bevor sie im Sauriermuseum ausgestellt werden konnte. Seit Ostern wird sie von Gross und Klein bestaunt. «Seither rennen uns auch die Wissenschaftler die Türen ein», sagt die Museumsdirektorin.

Ein vergleichbarer Fund liegt rund 100 Jahre zurück; vollständige Schädel sind extrem aufschlussreich für die Verhaltensforschung von Dinosauriern.

Man sieht den Schädel eines Dinosauriers in einem Gesteinsblock.
Bis Ende September liegt der Gesteinsblock mit dem Schädel noch in der Vitrine. Danach kommt er in die offene Präparation, wo Besuchende den weiteren Arbeitsverlauf daran mitverfolgen können.

Forschende können anhand der Struktur des Schädels Rückschlüsse auf die Entwicklung des Gehirns und der Sinnesorgane ziehen. Auch die Zähne liefern Hinweise auf Ernährung und Lebensweise, während mikroskopische Analysen im Zahnschmelz sogar Informationen über Umweltbedingungen und mögliche Wanderbewegungen der Tiere erlauben. «‹Lucy› wird damit zu einem Puzzleteil, das nicht nur ein Individuum beschreibt, sondern ein ganzes Ökosystem der späten Jurazeit verständlicher macht», so Schicker-Siber.

Zeitlich kaum fassbare Dimensionen

Garantie auf einen solchen Jahrhundertfund habe man natürlich nie. Paläontologische Ausgrabungen seien ein Zusammenspiel aus Erfahrung, Systematik und einem erheblichen Anteil Zufall. «Unsere Teams arbeiten mit klar strukturierten Rastermethoden und dokumentieren jede Schicht präzise, doch der erste Hinweis ist oft nur ein unscheinbares Fragment im Gestein», erzählt die Museumsdirektorin.

Entscheidend sei, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Wird eine Fundstelle zu früh untersucht, bleibt der Knochen im Gestein verborgen; ist man zu spät, hat Erosion ihn bereits zerstört. Viele Fundorte werden deshalb über Jahre hinweg immer wieder aufgesucht – in der Hoffnung, dass sich neue Hinweise zeigen.

Zeitlich gesehen bewegt sich diese Arbeit in einer kaum fassbaren Dimension: Die Dinosaurier, die von Schicker-Siber und ihrem Team freigelegt werden, lebten vor rund 150 Millionen Jahren in der Jurazeit. Der T-Rex, oft Inbegriff des Dinosauriers, ist hingegen deutlich «jünger» – er lebte in der Kreidezeit und damit näher an unserem Zeitalter als an der Welt von «Lucy».

Für Yolanda Schicker-Siber sind solche Zeitdimensionen Alltag: zwischen Grabungsstaub in Wyoming und Museumsräumen im Zürcher Oberland, zwischen Forschung und Staunen über eine Millionen Jahre entfernte Welt. Und doch liegt sie im richtigen Moment nur einen Gesteinsblock von unserer Gegenwart entfernt.

Saurier auf dem Spielplatz und in der Schaupräparation

In den letzten Wochen wurde der Spielplatz des Sauriermuseums umgebaut und renoviert. Ab Donnerstag, 30. April, ist dieser wieder offen – samt neuen Dinosauriern und Spielgeräten. Der Schädel des Camarasaurus «Lucy» kann noch bis Ende September in der Ausstellung angeschaut werden. Danach geht der Block wieder in die Schaupräparation, wo man das weitere Freilegen des Schädels mitverfolgen kann. (tas)

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.