Hochwasser, Schulraum, Digitalisierung: Auf den Gemeinderat Zell wartet viel Arbeit
Komplexe Dossiers und neu verteilte Ressorts versprechen Spannung in der wachsenden Gemeinde. Mehrere Sitze werden frei, und spontan kommt es gar zur Kampfwahl.
Panta rhei – alles fliesst. Was mehr nach Kalenderspruch klingt als nach Politbetrieb, könnte man durchaus auf das Führungsorgan der Gemeinde Zell anwenden. Denn seit den letzten Wahlen blieb sie stets in Bewegung.
Emil Ott (BGV), der auf Patricia Heuberger (SP, Planung und Bau) folgte, und Ralf Weiss (SVP), der Stefan Deinböck (FDP, Finanzen) ersetzte, sind beide erst seit 2024 im Gremium.
Von der «alten Garde» bleiben damit nur noch Regula Ehrismann (EVP) und ihr 2022 dazugestossener Parteikollege Stefan Hochreutener.
«Eigentlich wollte ich aufhören», sagt Ehrismann, angesprochen auf ihre erneute Kandidatur. Als sie gehört habe, dass mehrere langjährige Gemeinderäte nicht mehr antreten würden, habe sie es sich anders überlegt. «Sonst geht zu viel Fachwissen auf einen Schlag verloren.»
Ehrismann, die den Gemeinderat seit 2018 präsidiert und seit 2014 dabei ist, betont aber: «Es wird sicherlich meine letzte Amtsperiode sein.» Trotzdem bereite ihr das Amt noch immer Freude.
Mit Susanne Stahl (SP), Markus Kernen (BGV, Liegenschaften) und Schulpräsident Andreas Vetsch (BGV) treten drei erfahrene Mitglieder nicht mehr an. Stahl war seit 2014, Kernen seit 2018 und Vetsch seit 2010 im Amt.
Im Werke-Ressort von Susanne Stahl dominiert der Hochwasserschutz. Unter ihrer Ägide schafften es zwei Generationenprojekte in die Projektphase. Doch damit sind noch nicht alle Bäche genügend sicher.
Dauerbrenner im Ressort Liegenschaften ist die Schulraumplanung. Obwohl erst kürzlich das aufgestockte Oberstufenschulhaus eröffnete, dürfte wegen des Wachstums bald wieder Handlungsbedarf bestehen. Weil die Gemeinde kaum eigene Landreserven besitzt, hat sie in der neuen Gemeindeordnung einen Passus eingeführt, mit dem sie ohne Abstimmung teurere Grundstücke kaufen kann.
Diese sieht zudem Änderungen bei den Ressorts vor, weshalb die Karten neu gemischt werden. Das Ressort Liegenschaften wird mit den Finanzen zusammengelegt, neu gibt es ein Ressort Gesellschaft. Dieses wird sich etwa mit dem Sozial- und Migrationsbereich befassen.
Und auch im Präsidialbereich wartet viel Arbeit, wie Ehrismann betont: «Der Kanton erwartet Fortschritte bei der Digitalisierung, das wird uns sicher viel Zeit und viele Ressourcen kosten.»
Volksparteien schwächeln
Waren bis vor acht Jahren noch jeweils zwei SP- und zwei FDP-Politiker im Gemeinderat vertreten, sind bald beide Parteien gänzlich aus dem Rat verschwunden. Während Letztere immerhin in der RPK gut vertreten ist, ist die SP mit Ausnahme von Schulpfleger Michael Krützen künftig in keinen Gremien mehr vertreten.
Dafür ist die SVP nach einer Durststrecke zurück. Seit dem Rücktritt von Ruedi Gähler 2018 war sie nicht mehr vertreten, mit Ralf Weiss ist sie seit 2024 wieder mit dabei.
Stärkste Partei ist die EVP. Und auch der Bürgerliche Gemeindeverein (BGV) rekrutiert erfolgreicher als SP und FDP, indem er mit Martin Haussener wenigstens einen Ersatz für Markus Kernen und Schulpräsident Andreas Vetsch ins Rennen schickt. Über alle Gremien hinweg ist er, abgesehen von den Parteilosen, das erfolgreichste politische Lager.
Für die freien Sitze im Gemeinderat stellen sich Martin Haussener (BGV) und Annina Bauert (parteilos) zur Wahl. Mit Sidam Hussein (parteilos), der seine Kandidatur kurzfristig lanciert hat, kommt es doch noch zur Kampfwahl.
Kein Vorort von Winterthur
Alle haben Berührungspunkte zur Politik. Pensionär Haussener war in mehreren Kommissionen aktiv. Der Ex-Feuerwehrkommandant könnte sich fürs Ressort Sicherheit begeistern. «Mir ist es wichtig, gleich, welches Ressort ich betreue, dass meine Entscheidungen transparent und nachvollziehbar für die Bürgerinnen und Bürger sind», sagt er.
Bauert arbeitete in der Kommunikationsabteilung der Zürcher Stadtverwaltung. Sie will sich für «transparente Kommunikation und eine bürgernahe, effiziente Digitalisierung der Verwaltung» einsetzen. Mit ihr soll Zell weniger Schlafgemeinde und Vorort von Winterthur sein.
«Dafür braucht es attraktive Angebote für alle Altersgruppen, eine gezielte Förderung der Vereine und ein vielfältiges lokales Gewerbe.» Ebenso wichtig sei es, die aktive Mitwirkung der Bevölkerung zu fördern.
Hussein ist stellvertretender Stadtammann in Winterthur-Wülflingen und hat sich mit einem Flyer bei den Haushalten «beworben». Er will den Fokus unter anderem auf die Infrastruktur legen. «Wir müssen langfristig denken und Investitionen so tätigen, dass sie kommenden Generationen dienen», schreibt er. Zudem setzt sich Hussein für eine verantwortungsvolle Finanzpolitik und Transparenz in der Kommunikation ein.
Spannung verspricht nicht zuletzt die Wahl der Schulpflege. Den Sitz von Andreas Vetsch wollen sich zwei Politikerinnen schnappen – Léa Biffi und Dagmar Müller. Das Präsidentenamt traut sich nur Müller zu, die bereits von 2010 bis 2022 in der Schulpflege sass, zeitweise als Vizepräsidentin.
Das Feld der Anwärterinnen und Anwärter zeigt: An Schlagworten, Slogans und Adjektiven mangelt es nicht. Doch die richtige Bewährungsprobe steht erst noch an – am 8. März und vor allem danach.
Die Kandidaten für den Gemeinderat Zell
Annina Bauert (parteilos, neu)
Regula Ehrismann (EVP/BGV, bisher), auch als Präsidentin (bisher)
Martin Haussener (BGV, neu)
Stefan «Host» Hochreutener (EVP, bisher)
Sidam Hussein (parteilos, neu)
Emil Ott (BGV, bisher)
Ralf «Jimmy» Weiss (SVP, bisher)