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«Leue-Ruedi» und seine Beiz in Saland: Ein Original vor dem Abschied

Das Gasthaus zum Löwen steht auf Homegate für eine knappe Million Franken zum Verkauf. Der Ort erzählt die Geschichte eines halben Jahrhunderts.

Ruedi Schiesser ist seit 1978 Pächter des «Löwen». Die Kasse sei da schon 30 Jahre alt gewesen.

Foto: Eleanor Rutman

«Leue-Ruedi» und seine Beiz in Saland: Ein Original vor dem Abschied

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Das Gasthaus zum Löwen steht auf Homegate für eine knappe Million Franken zum Verkauf. Der Ort erzählt die Geschichte eines halben Jahrhunderts.

Hansruedi Schiesser steht hinter der alten Ladenkasse aus den 1940er Jahren, die er immer noch benutzt. «Ich bin ja erst seit 47 Jahren Pächter hier», sagt der Wirt des Gasthauses zum Löwen in Saland. Er schmunzelt. Alle nennen ihn hier Ruedi. Hier bezahlt man noch in bar. «Elektronisch bin ich noch nicht so durchtrainiert.»

Je länger man sich in der Gaststube umschaut, desto klarer wird, wie die Geschichte eines halben Jahrhunderts den ganzen Raum prägt. «Es ist wie in einem Museum hier drin», sagt einer der Gäste, die diesen Morgen am Stammtisch einen Kaffee trinken.

Überall hängen verblichene Urkunden oder einigermassen witzige Sprüche an der Wand: Ruedi Schiesser feierte sein 35-Jahr-Jubiläum hier, dann 40 Jahre Gasthaus zum Löwen. An der Decke in der Gaststube ist ein Gedicht angebracht, das ihm sein Freund Alex Sommer zum 80. Geburtstag gewidmet hat. Auch er sitzt am Stammtisch an diesem Morgen.

«Wännd de Ruedi würsch beschriebe, dänkd jede Fremd, tägsch übertriebe» und «Im Leue wärs nöd halb so nett, wenn de Ruedi no all Egge hett», so das Gedicht. Selbst in seinem Auto sind Schilder platziert, die ihn als «Leue-Ruedi» betiteln: Ruedi Schiesser ist ein Baumer Original.

Er serviert Kaffee mit und ohne Schuss, verschwindet zwischendurch immer mal wieder in die Küche, weil sich drei Gäste für das Mittagessen angekündigt haben. «Heute gibt es panierte Koteletts mit Spaghetti an Tomatensauce», sagt der 85-Jährige. Kochen tue er jedoch nur noch auf Vorbestellung. «Ich muss schon auf meine Gesundheit schauen.»

Seit einigen Jahren schmeisst Schiesser den Betrieb ganz allein. «Manchmal habe ich eine Aushilfe.» Seine Augen füllen sich mit Tränen auf die Frage, was mit dem Gasthaus passiere, wenn es verkauft werde.

Denkmalschutz als Hindernis

Der Wirt schneuzt in sein Taschentuch und sagt: «Das kann sich noch etwas hinziehen, wer weiss, was mit mir bis dahin noch alles passiert.» Er habe mit dem Verkauf jedenfalls nichts zu tun. Seit Ende 2025 steht das Objekt auf Homegate ausgeschrieben, für 898’000 Franken. Es sei ein Haus «zum Umbauen», heisst es im Inserat.

Nur: Es gibt zwei Haken. Erstens: Das Gasthaus steht unter Denkmalschutz. Das kostet. Zweitens: Das Gebäude ist sichtlich in die Jahre gekommen. Das Dach müsste dringend neu gedeckt werden. Auch die anderen Räume haben eine Sanierung nötig.

Übernachten kann man im Gasthaus schon lange nicht mehr. An der Hauswand erinnert eine alte Inschrift an Zeiten, als fliessendes Wasser noch Luxus war: «Gasthof Löwen – Zimmer mit fliessend Wasser». «Neulich hatte ich auch fliessend Wasser», sagt der Hausherr und lacht. Er meint damit nicht die Dusche, sondern ein Leck im Dach.

An diesem Freitagvormittag setzt sich der Stammtisch immer wieder neu zusammen. Sind es um zehn Uhr nur zwei Männer, kommen gegen elf drei neue dazu. Alles Männer.

«Betreutes Trinken»

Als kurz vor Mittag noch zwei jüngere Männer für den Lunch aufkreuzen, scherzt Wirt Schiesser: «Diese zwei sind für das betreute Wohnen hier.» Vom Stammtisch tönt es: «Es müsste wohl eher heissen: betreutes Trinken.» Alle lachen. «Man könnte das hier auch ein Weiterbildungsseminar nennen», ergänzt Schiesser.

In der Tat mutet die Gaststube gerade wie ein erweitertes Wohnzimmer eines Männerklubs an. «Wir kommen her für die Schnupfsprüche – und um uns auszutauschen», bestätigt Sommer. Schiesser bekräftigt, es kämen aber auch Frauen und Jassfreunde vorbei, die abends noch einen Schieber hinlegen wollten. Oder der Frauen- und der Männerchor nach den Proben.

Schlechte Zeiten für Gastrobetriebe

Wo sollen diese Leute hin, wenn es den «Löwen» nicht mehr gibt? «Für unser Feierabendbier wechseln wir ab zwischen ‹Löwen›, ‹Chelleland› und dem Restaurant Freihof in Bauma», sagt Werner Stutz, der in der Nachbarschaft arbeitet. So sei es gerecht aufgeteilt. Auch er ist einer der regelmässigen Stammgäste im «Löwen».

Sommer trauert den alten Zeiten nach, als es noch viel mehr Gaststuben in Bauma gegeben hat. Oftmals sei bis zum Umfallen getrunken worden. Heute sei das anders. «Die Leute trinken keinen Alkohol mehr, und viele gehen gar nicht mehr ins Restaurant – auch nicht zum Essen.»

Ein paar Schritte neben dem Gasthaus zum Löwen sollen demnächst 300 neue Wohnungen entstehen. Diese werden Platz für mehrere hundert Einwohner bieten. Ist das nicht auch eine Chance für die Beizen in der Region?

Dem sei nicht so, glaubt Sommer: «Die Menschen, die aus der Stadt hierherziehen, kommen nur wegen der Natur, sie gehen kaum auswärts essen.» Oftmals würden sie sich auch nicht in Vereinen und am Gemeinschaftsleben beteiligen.

Wie könnte die Zukunft des «Löwen» bestenfalls aussehen? «Ich würde mir wünschen, dass dieses Haus sanft renoviert wird, sodass die Atmosphäre und die Patina weiterleben können», sagt Schiesser – und ein bisschen Wehmut blitzt in seinen Augen auf.

Der Wirt ist unschlüssig, ob sich ein Gastrobetrieb hier noch lohnt. Er selbst werde ja vom Bund finanziert. «Ja, halt über meine Rente.»

Keine Geister – nur echtes Leben

Vielleicht auch wichtig zu wissen, falls jemand das Haus kaufen und hier wohnen will: Spukt es im Gasthaus zum Löwen? Schiesser lacht: «Der Spuk hat eigentlich immer nur dann stattgefunden, wenn wir Halligalli gemacht haben.»

Unzählige Feste seien gefeiert worden: Tanz- und Jassabende und zahlreiche Choraufführungen auf der Bühne im angrenzenden Saal. Auch Vereine nutzten den alten Bühnenraum, der heute so wirkt, als könnte man dort direkt einen Film in den 1950er Jahren drehen, ohne überhaupt etwas umgestalten zu müssen.

Wann Wirt Schiesser tatsächlich in den Ruhestand tritt, ist also offen. Er will dann wohl das tun, was er bereits heute an seinen freien Tagen macht: mit dem Töff über die Pässe heizen. «Solange ich noch kann, werde ich das einfach häufiger tun.»

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