Die Olympia-Enttäuschung sitzt tief: «Als sei mein Herz gebrochen»
Für die Wernetshauserin Natalie Maag fühlen sich die Läufe an den Winterspielen in Cortina wie ein Albtraum an. Ihre Diplomhoffnungen platzen früh.
Es hätte ihr Karrierehöhepunkt sein sollen. «Ein Diplom ist das Mindestziel. Alles weiter vorne ist Zugabe», meldete Natalie Maag vor ihren zweiten Olympischen Spielen Ambitionen an.
Und dann das: Die Wernetshauserin ist in Cortina als Zehnte schon nach dem ersten Lauf über vier Zehntel von der Spitze entfernt, ihre Träume sind nach einem Viertel des Wettkampfs geplatzt. Letztlich fehlen ihr zwei Zehntel aufs olympische Diplom. «Das ist extrem bitter», sagt Maag.
Wie bei ihrer Olympia-Premiere 2022 beendet sie das Einzel-Rennen auf Rang 9. Was sie damals freute, ist jetzt frustrierend. Der einzigen Schweizer Weltklasserodlerin ist anzusehen, wie sie sich fühlt, als sie nach dem letzten Lauf kurz ins Publikum winkt und sich dann beeilt, die Bahn zu verlassen.
In Maags Gesicht ist die enorme Enttäuschung ablesbar, in diesem Augenblick gar die Erleichterung darüber, dass es vorbei ist. «Die Last, die von mir abfiel, war gross», sagt sie zum letzten Moment auf der Olympiabahn.
Die Tränen fliessen
Nicht einmal 24 Stunden später meldet sich Maag aus Italien. Die EM-Dritte vom Januar hat nicht nur schlecht geschlafen, sondern auch wenig. Wem wäre es an ihrer Stelle nicht ebenfalls so ergangen? Maag sagt zudem: «Ich wusste gar nicht, dass man so viel weinen kann.»
Noch ist das Erlebte so frisch, dass sie im Gespräch immer wieder kurz innehalten muss, ergriffen von den Emotionen. Als sie etwa vom warmen Empfang der fürs Rennen nach Cortina gereisten Freunde und der Familie im Schweizer Haus spricht. Und sagt, ihre Unterstützer hätten ein besseres Resultat verdient.
«Schön, aber emotional anstrengend» ist das Zusammensein mit den Fans für Maag in den schwierigen Stunden. Bald einmal zieht sie sich zurück. Müde und mit dem Gefühl, «als sei mein Herz gebrochen».
Fans, Trainer und Konkurrentinnen gratulieren Maag zum 9. Platz. Annehmen kann die WM-Silbermedaille-Gewinnerin im Sprint von 2024 die Glückwünsche nicht. «Noch nicht», wie sie sagt. Für sie fühlen sich die über zwei Tage verteilten vier Läufe wie ein Albtraum an. Sie habe in den letzten Jahren immer wieder harte Momente erlebt, erinnert sich die Rodlerin. «Aber diese zwei Tage waren noch einmal etwas anderes.»
Nach gelungenen Trainingsfahrten steigt Maag mit einem guten Gefühl ins Rennen. Das aber verfliegt bereits im ersten Lauf – und mit ihm die Lockerheit und der Spass, zwei ihrer wichtigsten Erfolgsbausteine.
Maags Timing und damit ihr Bogen in Kurve 3 stimmen nicht. Auch in den folgenden drei Fahrten gelingt ihr diese Stelle nie optimal. «Wenn man da quer fährt, kann man gleich aufsitzen», sagt sie plakativ. Maag hadert nach dem ersten Tag. Sie tauscht sich intensiv mit Athletiktrainerin Daniela Mühlebach aus, ihrer engen Vertrauten, und telefoniert mit ihrem Sportpsychologen.
«Ich probierte, am zweiten Tag bei null anzufangen.» Sie scheitert daran. Der 3. Lauf geht aus ihrer Sicht «komplett in die Hose». Danach fehlt ihr die Energie. Der vierte Lauf verkommt zur Pflichtaufgabe.
Besser zu fahren, hätte kaum viel bewirkt
Um Maags grossen Frust besser verstehen zu können, lohnt sich ein Blick auf den Weg, der sie zu einer der besten Rodlerinnen der Welt machte. Schon als junge Fahrerin zieht die heute 28-Jährige ins Nachbarland, um mit dem deutschen Team zu trainieren, ehe sie vor vier Jahren in die Heimat zurückkehrt. Hierzulande ist Rodeln ein Randsport, auch innerhalb von Swiss Sliding. Ausgerechnet in der Olympia-Saison muss der Verband sein Budget kürzen, Maag entledigt sich erst dank einem erfolgreichen Crowdfunding der finanziellen Sorgen. Zuvor hat sie sich gar überlegt, den Bettel hinzuschmeissen.
Die vielen Jahre als Einzelkämpferin haben ihren Tribut gefordert. Und bringen Nachteile mit sich, die von aussen nicht sichtbar sind. «An Olympia packt jeder materialmässig noch einmal etwas aus», sagt Maag. Sie selbst hat diese Möglichkeit nicht. Das führt sie nach ihrem 9. Platz in Cortina zur Erkenntnis: «Auch wenn ich hier viel besser gefahren wäre, bei den Besten wäre ich nicht gewesen. Das tut extrem weh.»
Maag braucht Zeit, um das alles sacken zu lassen. Noch ist die Saison nicht zu Ende. Am 28. Februar geht es im Weltcup in St. Moritz weiter – Maag hofft, bis dahin ihre Motivation wiedergefunden zu haben.