Darum wurde für sie das Crowdfunding zum Wendepunkt
Vor zwei Monaten stellte sich Natalie Maag aus finanziellen Gründen die Sinnfrage. Jetzt ist die Wernetshauserin die Sorgen los und ihre Freude auf den Olympia-Winter gross.
Die Olympischen Spiele in Italien rücken schnell näher. Weniger als 70 Tage dauert es bis zu diesen. «Die Zeit läuft», sagt Natalie Maag und lacht. Die am vergangenen Samstag 28 Jahre alt gewordene Wernetshauserin ist bester Laune, als sie sich von der Olympia-Bahn in Cortina d’Ampezzo meldet. Die Rodlerin ist voller Energie und streicht heraus, mit wie viel Spass sie an der Arbeit ist. Es ist ein zentraler Faktor, um erfolgreich zu sein, wie sie findet: «Fahre ich mit Freude, läuft es mir auch.»
Dabei ist es kaum zwei Monate her, seit Maag am «Tiefpunkt» war. Die wohl aussichtsreichste Olympia-Medaillenhoffnung von Swiss Sliding verwendet das Wort bewusst. Und keineswegs, um die Situation zu dramatisieren.
Schliesslich überlegte sich die Oberländerin Ende August, einen Schlussstrich zu ziehen. Notabene nach ihrer bisher besten Saison, die sie im Gesamtweltcup auf Rang 5 beendete. Und mit der Aussicht auf Winterspiele im Nachbarland. «Es ist schlimm, wenn man sich vor einer Olympia-Saison solche Gedanken macht», blickt sie auf die zermürbende Phase zurück.
Es ging um ihre Existenz
Warum aber kam Maag überhaupt an den Punkt, die Sinnfrage zu stellen? Ende August fehlte ihr ein fünfstelliger Betrag im 31’000 Franken grossen Saisonbudget. Zur Lücke kam es, weil Maags Kosten gestiegen sind, da sie die Zusammenarbeit mit Athletiktrainerin Daniela Mühlebach intensivierte. Zugleich muss der Verband sparen. Die angekündigten Beitragskürzungen nahm er bei der Rodlerin, die seit Jahren dem deutschen Team angeschlossen ist, nach einigem Hin und Her zwar wieder zurück. Der Knackpunkt aber war: Er zahlte ihr die Beiträge nicht wie bis anhin ab Frühjahr aus, sondern erst erheblich später.
Das brachte Maag in finanzielle Not. Oder wie sie damals sagte: «Ich musste alles selbst zahlen, das ging an meine Existenz.» Maag entschied sich daraufhin für ein Crowdfunding. In der Hoffnung, die fehlenden 13’000 Franken auftreiben zu können. Allzu optimistisch war sie beim Start des Projekts nicht, wie sie im Nachgang zugibt. Zu Unrecht.
Rund 5000 Franken hatte Maag nach der ersten Woche zusammen. Dann machte ZO Online ihre missliche Lage bekannt, was der Sammelaktion überraschend schnell über die Ziellinie verhalf. Innerhalb von zwei Tagen war der restliche Betrag zusammen.
64 Spenderinnen und Spender sorgen dafür, dass die Wernetshauserin den angestrebten Betrag sogar übertraf. 15’435 Franken kamen zusammen. Das heisst: Maag ist für diese Saison nicht nur ihre finanziellen Sorgen los, sondern auch um eine positive Erfahrung reicher. «Mit dieser Unterstützung hatte ich nicht gerechnet», ist sie über den Zuspruch ergriffen. «Es war in jener schweren Zeit ein Megaaufsteller.»
Die Turbulenzen sind gefühlsmässig weit weg, Maag hat sie erfolgreich weggesperrt. Auch dank einer Charaktereigenschaft, die sie so beschreibt: «Ich bin eine Meisterin darin, Dinge auf die Seite zu schieben.»
Seit einigen Wochen kann sich die zweifache WM-Medaillengewinnerin wieder aufs Sportliche konzentrieren. Sie spricht von Licht und Schatten in der Vorbereitung, in einem Trainingslauf stürzte sie gar. Wo Maag im Vergleich zur Konkurrenz steht, ist für sie schwierig zu beurteilen.
Ihre Ansprüche sind gestiegen. Im Weltcup, der am Freitag beginnt, will sie «sicher ein paarmal aufs Podest fahren». In der Gesamtwertung peilt sie eine weitere Verbesserung an.
Die Qualifikationshürden für Olympia bereiten ihr derweil keine schlaflosen Nächte. Im Einzelrennen gibt es 25 Startplätze, 10 weniger als in Peking 2022. Der Stand im Gesamtweltcup vom 12. Januar ist für die Vergabe der Quotenplätze massgebend.
Fünf Rennen kommen in die Wertung, der Testevent vom Samstag in Cortina d’Ampezzo machte den Auftakt. Fünfte wurde Maag. Es ist ein erster Richtwert für sie. Zahltag ist erst Anfang Februar auf der neuen Olympia-Bahn, von der Maag sagt: «Am Schluss jeder Fahrt trage ich hier ein Lächeln im Gesicht.»