«Ich musste alles selbst bezahlen, das ging an meine Existenz»
Weltklasse-Rodlerin Natalie Maag aus Wernetshausen plagen vor dem Olympia-Winter finanzielle Sorgen. Auch darum, weil sie bis jetzt kein Geld vom Verband erhalten hat.
Sie versuchen seit Kurzem, per Crowdfunding 13’000 Franken zu sammeln. Mit der Begründung, die Unterstützung des Verbands reiche nicht aus. Was heisst das konkret?
Natalie Maag: Die Situation ist komplex. Im Verband gibt es verschiedene Sparmassnahmen, was auf einen Olympia-Winter hin der schlechteste Zeitpunkt ist. Schliesslich investiert man dafür in der Regel mehr.
Das heisst, Ihnen wurden die Beiträge gekürzt?
Nein, nach einigem Hin und Her nun doch nicht. Aber die Kosten für meine Athletiktrainerin sind gestiegen.
Weshalb?
Ich trainiere häufiger mit ihr. Sie kommt mit in ein Trainingslager und einmal an ein Weltcup-Wochenende. Es ist auch geplant, dass sie sich mit meinem Sportpsychologen auf Olympia vorbereitet, um an den Spielen in Italien die bestmögliche Unterstützung für mich sein zu können.
Wie hoch sind die Mehrkosten?
7000 Franken. In der letzten Saison beliefen sich die gesamten Kosten auf 6000 Franken. Da stiegen wir aber zwei Monate später mit dem Training ein.

Wie lief das mit der Finanzierung denn bisher konkret ab?
Einen Teil übernahm ich, den anderen der Verband. Es war immer im Frühling schon abgemacht, wie diese Kostenaufteilung aussieht. Dieses Jahr nicht. Bis zum Dienstag vor einer Woche und damit nach dem Start meines Crowdfunding-Projekts war dieser Betrag offen. Das ist aus meiner Sicht der grösste Fehler des Verbands, so spät eine Entscheidung zu treffen. Bisher flossen jeweils ab Frühjahr die Verbandsbeiträge. Die fehlten in den letzten Monaten. Ich musste alle Rechnungen selbst bezahlen, das ging an meine Existenz. Und bis vor Kurzem wusste ich ja auch nicht, ob Swiss Sliding überhaupt etwas zahlt.
Wie sind Sie mit dieser belastenden Situation umgegangen?
Es war extrem schwierig und kostete mich Energie, die ich gerne für anderes gebraucht hätte.
Wie finanzieren Sie Ihr Leben als Spitzensportlerin?
Für die Wintersaison von Mitte Oktober bis Mitte März habe ich 31’000 Franken budgetiert. Da werde ich vom Verband mit den zweckgebundenen Geldern von Swiss Olympic bezahlt. Dazu bin ich als Zeitsoldatin zu 100 Prozent bei der Armee angestellt, erhalte aber nur 50 Prozent Lohn. Wichtig sind die Sporthilfe und private Sponsoren.
Eine WM-Medaille, Podestplätze im Weltcup und zuletzt Fünfte im Gesamt-Weltcup: Haben Sie in finanzieller Hinsicht nicht von Ihrem Vorstoss in die Weltspitze profitiert?
Nein. In der Saison mit der WM-Medaille verdiente ich mit Rodeln 6500 Euro (zirka 6100 Franken – die Red.). Letzten Winter war ich bei 7500 Euro (zirka 7040 Franken). Unser Preisgeld ist also überschaubar.
Wurde mit zunehmendem Erfolg die finanzielle Unterstützung von Swiss Sliding grösser?
Nein, sie blieb immer gleich. Vor zwei Jahren fiel dann jemandem im Verband auf, dass ich noch nie eine Erfolgsbeteiligung erhalten hatte. Im Bob und Skeleton gibt es eine solche seit Jahren. In den beiden letzten Saisons erhielt ich nun etwas mehr als 3000 Franken.
Was sagt diese Episode aus über Ihren Status im Verband?
Ich bin halt eine Einzelkämpferin, bin dem deutschen Team angeschlossen und recht losgelöst vom Schweizer Verband. Dieses Jahr absolvierte ich aber wieder einmal ein Trainingslager mit den Bobteams. Obwohl man mich im Verband als grösste Medaillenhoffnung an Olympia sieht, laufe ich unter dem Radar.
Ihre Mutter sitzt im Vorstand von Swiss Sliding. Da nimmt man automatisch an, Sie hätten eine grosse Fürsprecherin.
Mein grösster Fürsprecher ist Rodel-Spartenchef Reto Gilly. Er setzte sich dafür ein, dass ich trotz Sparmassnahmen die volle Unterstützung erhalte. Mit meiner Mutter spreche ich nicht viel über ihre Vorstandstätigkeit. Ich will gar nicht hören, was da läuft, das wäre Vetterliwirtschaft.
Was passiert, wenn Sie die 13’000 Franken nicht zusammenkriegen?
Ich würde mich wohl durchwursteln, müsste aber Abstriche machen. Ich bleibe zuversichtlich. Das Crowdfunding ist gut gestartet. Mit Anna Berreiter und Cheyenne Rosenthal haben sogar zwei Konkurrentinnen gespendet. Damit hätte ich nie gerechnet.