Wie Greifensee die letzten 50 Jahre aufholen will
Sanierungen und kein Platz
In Greifensee geht die Tendenz im Gemeinderat von grün zu bürgerlich-liberal. Die Gemeinde muss sich Gedanken machen, wo sie investieren will.
Wohin soll es gehen mit Greifensee, die nächsten vier Jahre – und in welcher Zusammensetzung? Gemeindepräsidentin Monika Keller (FDP) bedauert es aufrichtig, dass die Exekutive an politischer Vielfalt – und damit auch an Balance verlieren wird. «Bisher hatte es immer Leute aus bürgerlichen und linken Parteien im Gremium. In der vergangenen Legislatur hatte Greifensee sogar den grünsten Gemeinderat des ganzen Kantons.»

Just zwei Grüne Gemeinderäte treten dieses Mal nicht wieder an: Thomas Honegger und Martina Alig haben sich nicht mehr auf die Liste setzen lassen. Spannend auch, dass in Greifensee seit 2022 die SP nicht mehr in der Exekutive oder sonst in einer Behörde vertreten ist. Dies als zweitstärkste Partei des Lands.
Zur Auswahl für die sechs Sitze stehen sieben Personen zur Verfügung. Zwei sind neu, nämlich Konrad Sägesser (FDP) und Marcel Erni (SVP). Sägesser zeigt sich in einem Wahlvideo von seiner sportlichen Seite; mit Rennvelo liess er sich am Greifensee filmen. Der Biotech-Ingenieur in einem KMU der Region und Familienvater zweier Teenager sagt: «Ich wohne seit eh und je in Greifensee und trete gerne näher in den Dialog ein.» Als weltoffener, zweisprachig aufgewachsener Mensch möchte er seine Erfahrung auch in die lokale Politik einbringen. «Ich bin ein guter Brückenbauer», sagt er.
Marcel Erni präsentiert sich auf der SVP-Website als Familienmensch und unternehmerischer Typ. Der Ökonom möchte seine Bodenständigkeit und seinen ausgeprägten Sinn für Verantwortung der lokalen Politik zur Verfügung stellen. «Ich bin überzeugt, dass es für eine gesunde und glaubwürdige Gemeindepolitik wichtig ist, dass auch die Werte und Anliegen der SVP-Wähler im Gemeinderat vertreten sind.» Es wäre der erste Sitz für die SVP im Greifenseer Gemeinderat.
Bleibt alles in Balance?
Weniger grün, mehr bürgerlich-liberal. Muss man sich Sorgen machen, dass Greifensee in Zukunft weniger ökologisch und sozial unterwegs sein wird? Monika Keller verneint: «Greifensee wird eine naturfreundliche Gemeinde bleiben.»
Gleichzeitig betont sie, dass die Gemeinde sowohl den Bedürfnissen junger als auch älterer Menschen gerecht werden müsse. Bei der Jugendproblematik hat Greifensee bereits reagiert: Mit vermehrter Polizeipräsenz und zusätzlichen Stellenprozenten der Mojuga wurde das Thema abgefedert. Im Herbst 2024 wurde ein Ausbau des Jugenddiensts inklusive Prävention beschlossen, weil Zunahmen bei Sachbeschädigungen und Belästigungen vermehrt registriert wurden.
Auch im Bereich Alter sieht Keller Handlungsbedarf. Ziel sei es, Strukturen zu schaffen, damit ältere Menschen möglichst lange zu Hause wohnen bleiben können.
Mit Bedauern sieht sie auf die bevorstehende Schliessung des Diakonenhauses. In Greifensee wird in Zukunft ein Wohn- und Arbeitsort für Menschen mit Beeinträchtigungen fehlen. Das Haus wird im April 2026 aus finanziellen Gründen geschlossen. «Wir müssen uns als Gemeinde Gedanken machen, wie wir mit den längerfristigen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und raumplanerischen Entwicklungen umgehen. Wir müssen das im Auge behalten und weiterdenken», sagt Keller dazu.
Eine weitere Thematik, die Keller immer wieder einmal einwirft: «Greifensee fehlt es an Landreserven, wir können nicht viel weiter bauen.» Eigene Flächen für neue Projekte stehen der Gemeinde kaum mehr zur Verfügung. Zwar wird auf dem Sagi-Areal gebaut, dies jedoch im Rahmen eines privaten Gestaltungsplans.
Steuerfuss angehoben
In der letzten Gemeinderatssitzung standen vor allem die Finanzen Greifensees im Vordergrund. Die Gemeinde musste den Steuerfuss um 5 Prozentpunkte anheben. Dies vor allem, weil die Steuereinnahmen der Mettler Toledo wegen einer Änderung bei den Forschungsbeiträgen zurückgegangen sind. Die Steuerfusserhöhung stand aber bereits davor im Raum.
Den grössten Ausgabeposten bilden Investitionen in den Schulraum und die Infrastruktur. Die Umsetzung, Finanzierung und Priorisierung dieser Projekte bleibt ein Thema. Zudem belastet auch die Sanierung des Schulhauses Breiti das Budget.
50 Jahre lang wenig gemacht
«Wir haben jahrelang nur wenig investiert – jetzt holen uns diese Entscheidungen ein», sagte Gemeindepräsidentin Monika Keller. Greifensee erlebte in den 1970er Jahren einen starken Bauboom, investierte danach jedoch über Jahrzehnte vergleichsweise wenig in Unterhalt und Erneuerung. Nun komme vieles gleichzeitig. «Neben dem Schulhaus Breiti sind vor allem die Wasserleitungen und Strassen dran, die neu gemacht werden müssen.» Die Zukunft wird zeigen, wie der neue Gemeinderat in Greifensee all diese Themen angehen wird.
Das sind die Gemeinderatskandidatinnen und -kandidaten
– Marcel Erni (SVP, neu)
– Franziska Graf Schläppi (Aktion G, bisher)
– Stefan Karl (Mitte, bisher)
– Monika Keller (FDP, bisher), auch als Präsidentin (bisher)
– Barbara Rodriguez (Aktion G, bisher)
– Konrad Sägesser (FDP, neu)
– Patrick Schoch (Aktion G, bisher)