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Schliessung angekündigt – Fragen offen

Greifensee muss bald ohne Diakonenhaus auskommen

Das Diakonenhaus in Greifensee, ein Wohn- und Arbeitsort für Menschen mit Beeinträchtigungen, macht nächsten Frühling zu. Die Zukunft der Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Angestellten ist ungewiss.

Seit 88 Jahren bietet das Diakonenhaus Greifensee ein Zuhause für Menschen mit psychischen und/oder kognitiven Beeinträchtigungen – mit absehbarem Ende. (Archivbild)

Foto: Christoph Kaminski

Greifensee muss bald ohne Diakonenhaus auskommen

Schliessung angekündigt – Fragen offen

Das Diakonenhaus in Greifensee, ein Wohn- und Arbeitsort für Menschen mit Beeinträchtigungen, macht nächsten Frühling zu. Die Zukunft der Bewohnerinnen und Bewohner sowie der Angestellten ist ungewiss.

«Das Diakonenhaus ist ein Bindeglied zwischen Menschen mit besonderen Bedürfnissen und der Dorfgemeinschaft», sagt Philippe Sturzenegger, Gemeindeschreiber von Greifensee.

Doch dieses Bindeglied wird es bald nicht mehr geben. Die Einrichtung, die gemäss dem Jahresbericht 2024 über 31 Wohnplätze, 27 Tagesstrukturplätze und 7 Werkstattplätze für psychisch und/oder kognitiv beeinträchtigte Erwachsene verfügt, schliesst im April 2026. Damit verschwinden auch 25 Vollzeitstellen.

Unvermeidliches Aus

Die Möglichkeit einer Schliessung des Diakonenhauses zeichnete sich diesen Herbst erstmals ab. Anfangs Oktober informierte die Stiftung die Bevölkerung über die Wochenzeitung «Nachrichten aus Greifensee» (NaG), dass sie am 24. September ein Konsultationsverfahren eingeleitet hatte.

Bei einem solchen Verfahren können Mitarbeitende oder ihre Vertretung bei geplanten Massenentlassungen Vorschläge machen, um Kündigungen zu verhindern oder deren Folgen zu mildern.

Ende Oktober berichteten die NaG erneut: «Der Stiftungsrat ist zu dem Schluss gekommen, dass eine Schliessung des Betriebs Ende April 2026 unvermeidbar ist.» Laut dem Bericht wurden das Team und die Bewohnenden eine Woche vorher über die bevorstehende Entscheidung informiert.

Trotz der eingereichten Vorschläge im Konsultationsverfahren konnten die bestehenden Probleme der Institution nicht gelöst werden.

Der Hauptgrund sei, dass die Infrastruktur veraltet und der Investitionsbedarf somit zu hoch sei. Ausserdem ist die Anlage für Menschen mit Beeinträchtigungen nicht geeignet, da sie ursprünglich als Schule und nicht als Wohnheim gebaut wurde. «Die Kombination dieser und weiterer Faktoren führten zum Entschluss, den operativen Betrieb des Diakonenhauses einzustellen», so Franziska Romanin, Geschäftsleiterin des Diakonenhauses.

Des Weiteren würden gesetzliche Vorgaben, wie das Selbstbestimmungsgesetz von 2024, einen Neubau erforderlich machen. Diesen kann sich das Diakonenhaus jedoch nicht leisten, da es über viele Jahre zu wenig in die Immobilie und die Infrastruktur investiert hat.

Perspektiven für Menschen und Areal

Mit der angekündigten Schliessung des Diakonenhauses auf Ende April 2026 steht für die Bewohnenden und Mitarbeitenden eine herausfordernde Zeit bevor. Die Stiftung betont auf ihrer Website und in den «Nachrichten aus Greifensee», dass alle Betroffenen während dieses Übergangs intensiv unterstützt werden.

Für die Bewohnenden bedeutet dies, dass sie bei der Suche nach neuen Wohn- und Arbeitsplätzen individuell begleitet werden. Für die Mitarbeitenden wurde ein freiwilliger Sozialplan ins Leben gerufen. Dieser regelt, welche Unterstützung Beschäftigte bekommen, wenn ihr Arbeitsplatz wegfällt.

Der Alltag in der Stiftung soll bis zur Schliessung so normal wie möglich weiterlaufen. «Das hilft den Menschen im Diakonenhaus, bestmöglich mit dieser herausfordernden Situation umzugehen», so die Geschäftsleiterin.

Parallel dazu laufen Gespräche über die Zukunft des Areals und der Gebäude. Fest steht bereits, dass auch künftig ein sozialer Zweck auf dem Gelände verfolgt werden soll.

Geschäftsleitung und Stiftungsrat schweigen

Franziska Romanin und der Stiftungspräsident Markus Haltiner wollen sich gegenüber dieser Redaktion nicht weiter zur Schliessung äussern und verweisen auf die Berichterstattung in den «Nachrichten aus Greifensee».

Geschäftsleiterin Romanin begründete dies in einem kurzen Telefonat folgendermassen: «Die Bewohnerinnen und Bewohner des Diakonenhauses durchleben momentan eine schwierige Zeit und sollen nicht zusätzlich durch Medienberichte belastet werden.»

Damit bleiben viele Fragen vorerst offen. Unklar bleibt etwa, ob die finanziellen und infrastrukturellen Probleme schon länger bekannt waren.

Baupläne sind im Sand verlaufen

Verschiedene Hinweise legen nahe, dass diese der Leitung schon länger bewusst waren: Bereits 2015 beschloss der Stiftungsrat eine umfassende Renovation der Immobilie, doch das Projekt wurde nie umgesetzt.

Im Jahresbericht 2021 wurde ein Umbau erneut erwähnt, und ein Jahr später hielt die Stiftung fest, dass das ursprünglich geplante Bauvorhaben aus Kostengründen nicht realisiert werden konnte.

Parallel dazu liess das Diakonenhaus eine Studie erstellen, die aufzeigte, dass eine Umnutzung und Erweiterung des bestehenden Gebäudes sowie ein Neubau grundsätzlich möglich wären.

Darauf aufbauend erhielt die heutige Geschäftsleitung 2023 den Auftrag, das Diakonenhaus im Rahmen einer Vorwärtsstrategie «fachlich und infrastrukturell zukunftsfähig weiterzuentwickeln», wie im Jahresbericht 2023 dokumentiert ist.

Im Jahresbericht 2024 wird schliesslich festgehalten, dass ein weiteres geplantes Umbauprojekt vorerst auf Eis gelegt wurde.

Ungewissheit für Bewohnende

Weitere Unklarheiten bestehen zudem hinsichtlich der Zukunft der Bewohnenden. Zwar nennt die NaG «eine individuelle Begleitung beim Finden neuer Wohn- und Arbeitsplätze» für die Bewohnerinnen und Bewohner, dennoch bleiben zentrale Fragen offen. So beispielsweise, wie mit den Bewohnenden, die bis zur geplanten Schliessung im April 2026 keine geeignete Anschlusslösung finden, umgegangen wird.

Laut Wohnanzeiger vom Juni 2023 existieren in der Region Zürcher Oberland und rechtes Zürichseeufer rund 24 Institutionen mit Wohnangeboten für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. In diesen Einrichtungen stehen jedoch nicht überall freie Plätze zur Verfügung, und vielerorts bestehen zudem lange Wartelisten.

Es bleibt also offen, ob, wann und wie für alle Betroffenen eine passende Wohnform mit Betreuung gefunden wird – und ob diese anschliessend noch in ihrem gewohnten Umfeld untergebracht sind.

Auch die Gemeinde hat keine weiteren Informationen rund um die Schliessung des Betriebs. «Aktuell ist das Diakonenhaus im Lead», sagt Gemeindeschreiber Sturzenegger. Aber sobald es seitens Gemeinde etwas zu informieren gäbe, werden sie dies wie üblich über die NaG und/oder eine Medienmitteilung bekannt geben.

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