Abo

Gesellschaft

Baustelle in Russikon

Wegen Strassensperrung in Russikon: Anwohner klagen über Lärm und Abgase

Seit Juli 2025 ist die Hauptstrasse in Russikon wegen Bauarbeiten gesperrt – sehr zum Unmut der Anwohner. Denn statt die Umfahrung über Fehraltorf zu nutzen, brettern viele Lenker mitten durchs Wohngebiet.

Heinrich Reutimann aus Russikon ist mit der aktuellen Verkehrsführung in Russikon unzufrieden.

Foto: Letizia Vecchio

Wegen Strassensperrung in Russikon: Anwohner klagen über Lärm und Abgase

Seit Juli 2025 ist die Hauptstrasse in Russikon wegen Bauarbeiten gesperrt – sehr zum Unmut der Anwohner. Denn statt die Umfahrung über Fehraltorf zu nutzen, brettern viele Lenker mitten durchs Wohngebiet.

Heinrich Reutimann hat die Nase voll: Seit Monaten steht der Verkehr in der Wettsteinstrasse in Russikon nicht mehr still. Etliche Autofahrer nutzen die Strasse seit den Bauarbeiten im Zentrum als Durchfahrt, und auch Dutzende Linienbusse werden jeden Tag durch das beschauliche Strässchen umgeleitet, in dem eigentlich Tempo 30 gilt. «Daran hält sich aber leider niemand», klagt der 72-Jährige, der seit 30 Jahren dort in einem Einfamilienhaus lebt. «Genauso wenig wie an das Durchfahrtsverbot, das für Nichtanwohner gilt.»

Hunderte Autos würden jeden Tag durchs Wohngebiet brettern, von der üblichen Ruhe, die in der Strasse geherrscht habe, sei nichts mehr übrig geblieben. «Besonders schlimm war es im Sommer, als meine Frau und ich noch öfter im Garten gesessen haben.» Dieser liegt zur Strasse hin – dem Verkehrslärm konnte man dort also nicht mehr entfliehen.

Seit Juli 2025 wird in Russikon gebaut

Grund für das plötzlich hohe Verkehrsaufkommen sind Bauarbeiten im Ortskern, genauer an der Kirchgasse, an der Strasse Im Berg und an der Russikerstrasse, die im Juli 2025 begonnen haben. Etappenweise wird dort die Strasse erneuert, denn die Kehrichtschlacke, die in den 1970er Jahren als Grundschicht genutzt wurde, hatte im Lauf der Zeit zu Strassenschäden geführt.

Alle drei Strassen wurden in verschiedenen Bauphasen gesperrt und eine Umleitung über das benachbarte Fehraltorf eingerichtet. Die zwei Buslinien fahren seither über die Wettsteinstrasse – also dort, wo auch Heinrich Reutimann wohnt.

«Die Busse sind eine Sache, die Autos, die die Umfahrung einfach ignorieren, eine andere», findet der pensionierte Betriebswirtschafter. «Niemand hält sich an das Verbot, und weder Gemeinde noch Kantonspolizei kontrollieren die Durchfahrt.» Und tatsächlich: Trotz dem grossen Verbotsschild, das die Zufahrt zur Wettsteinstrasse säumt, nutzen etliche Autofahrer die schmale Strasse, um von dort wieder zurück auf die Russikerstrasse zu gelangen.

Bauarbeiten Russikerstrasse
Der Plan zeigt die etappenweise Sanierung der Strasse.

Anwohner reichen Petition ein

Reutimann ist nicht der einzige Bewohner, der sich über den Verkehrslärm nervt: Während unseres Gesprächs kommt sein Nachbar Nico Vettiger die Strasse entlang. Auf die Situation angesprochen, entgegnet er: «Wegen des Verkehrs wache ich jeden Morgen viel früher auf als üblich und kann dann nicht mehr schlafen.» Der 18-Jährige macht eine Lehre in der Gastronomie und arbeitet manchmal bis spät in die Nacht. Dementsprechend spät würde er auch am nächsten Tag aufstehen – wenn denn die vielen Autos nicht wären. Auch eine ältere Dame aus der Strasse könne wegen des Lärms seit Monaten nicht mehr schlafen.

Gefühlt immer mehr und nervigere Baustellen: Stimmt das?

Laut Sascha Rhyner vom Tiefbauamt gibt es im Kanton Zürich rund 1546 Kilometer an Staatsstrassen. Der Strassenbelag hält je nach Belastung «nur» 20 bis 30 Jahre, dann muss er ersetzt werden. Daraus ergibt sich eine Strecke von 50 bis 75 Kilometer pro Jahr, die saniert werden muss. Zusätzlich kommen jedes Jahr rund 10’000 Fahrzeuge dazu, die auf dem Zürcher Strassennetz verkehren. Dementsprechend erhöht sich der Druck auf die Strassen und deren Sanierungsbedürftigkeit. Da allerdings keine Statistik geführt wird, kann man nicht eindeutig sagen, ob es heute mehr Baustellen gibt als noch vor 20 Jahren.

Was das Tiefbauamt aber festhält: Die Planung, die Projektierung und die Realisierung von Strassenbauprojekten werden immer anspruchsvoller: «Die Verkehrsteilnehmenden wollen, dass es möglichst schnell geht. Die Anwohnenden wollen nicht in ihrer Nachtruhe gestört werden. Die Gewerbetreibenden wollen, dass ihre Geschäfte weiter zugänglich sind. Die umliegenden Gemeinden wollen keinen Umleitungsverkehr. Die Steuerzahler wollen, dass es möglichst wenig kostet. Und alle wollen während der Bauzeit weiter Wasser, Gas, Strom, TV, Internet und freien Zugang zum Haus und zur Garage haben», so Rhyner. Und er fügt hinzu: «Alle Ansprüche unter einen Hut zu bringen, ist unmöglich.» (eve)

Um sein Anliegen mit Nachdruck bei der Gemeinde zu platzieren, hat Reutimann bereits im vergangenen September deswegen in der Wettsteinstrasse um die 100 Unterschriften gesammelt. In der Petition fordern die Anwohner unter anderem regelmässige Durchfahrtskontrollen, einen Blitzer und eine bessere Schaltung der temporären Ampel, die an der Ecke Wettsteinstrasse/Plattenstrasse platziert wurde.

Die Gemeinde kündigte daraufhin Verbesserungen an. Passiert sei aber seither recht wenig, so Reutimann. Auf den Blitzer warte er bis heute, genauso wie auf die angekündigten Kontrollen der Kantonspolizei. «Das ist einfach lächerlich.»

Das sagt die Gemeinde …

Bei der Gemeinde Russikon schätzt man die Situation anders ein. Auf Anfrage heisst es, der Einsatz von stationären oder semistationären Blitzern sei zu keinem Zeitpunkt vorgesehen gewesen. «Die Polizei hat in der Vergangenheit mobile sowie verdeckte Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt. Die signalisierten Geschwindigkeiten wurden – mit wenigen Ausnahmen – eingehalten.» Weitere Kontrollen seien deswegen nicht nötig.

Auch bei den Durchfahrtskontrollen sieht die Gemeinde keinen Handlungsbedarf. «Verkehrstechnische Messungen im Wettstein-Quartier haben gezeigt, dass der Verkehr dort merklich zurückgegangen ist.» Insgesamt habe sich die Lage beruhigt.

… und das das Tiefbauamt

Auch das Tiefbauamt beschwichtigt: Die Vollsperrung der unterschiedlichen Strasse sei aus baulichen Gründen nötig gewesen, eine einspurige Durchfahrt hätte keinen Sinn gemacht. «Sie hätte die Bauzeit massiv verlängert und wäre aufgrund der Platzverhältnisse stellenweise nicht realisierbar gewesen.»

Doch es gebe auch gute Nachrichten: Denn bis spätestens Ende März werde eine der beiden Spuren wieder befahrbar sein. «Ausserdem sind wir bei den Bauarbeiten gut vorangekommen, sodass wir voraussichtlich schon im Juni und nicht erst Ende Juli fertig sein werden.»

Insgesamt sei man sich der Einschränkungen für die Anwohner bewusst. «Ein Bauprojekt dieser Grössenordnung lässt sich leider nicht ohne spürbare Auswirkungen auf den Alltag realisieren.» Prioriät habe vor allem, die Erreichbarkeit der lokalen Gewerbebetriebe aufrechtzuerhalten.

Wenn das Bauprojekt tatsächlich bis zum Juni realisiert wird, könnten die Anwohner der Wettsteinstrasse wenigstens im kommenden Sommer wieder entspannt in ihren Gärten sitzen.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.