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Gewaltige Explosion

Viele Hintergründe rund um das Tätsch-Areal bei Illnau bleiben aktuell ungeklärt

Das Tätsch-Areal gilt als Schulungsort für Sprengtechnik. Die Detonation vom Mittwoch zeigt, wie wenig Informationen darüber öffentlich zugänglich sind. Eine dennoch aufschlussreiche Recherche.

Das Tätsch-Areal in Luckhausen war in den vergangenen Tagen Polizei-Sperrzone.

Foto: Letizia Vecchio

Viele Hintergründe rund um das Tätsch-Areal bei Illnau bleiben aktuell ungeklärt

Das Tätsch-Areal gilt als Schulungsort für Sprengtechnik. Die Detonation vom Mittwoch zeigt, wie wenig Informationen darüber öffentlich zugänglich sind. Eine dennoch aufschlussreiche Recherche.

In Luckhausen, einer Aussenwacht von Illnau-Effretikon, befindet sich die Versuchs- und Schulungsanlage Tätsch. Und das Areal eignet sich hervorragend für Wortspiele, denn tatsächlich «chlöpft» es dort ab und zu, denn im Fokus stehen bei den Versuchen und den Schulungen Spreng- und Explosivstoff.

Doch das Wortspiel wurde plötzlich zum Ernstfall. Denn am Mittwoch kam es zu einer Detonation, also zu einem grösseren Knall, als es die Anwohnenden bis anhin gewohnt waren.

Bei der Vernichtung von mehreren hundert Kilogramm Sprengmaterial war es wider Erwarten zu einer Detonation gekommen, die eine derartige Druckwelle auslöste, dass Scheiben, Dächer, Türen und Mauerwerk beschädigt wurden – es gingen über 70 Schadensmeldungen ein. Zwei Personen wurden leicht verletzt.

Am Folgetag kam es erneut zu Explosionen, weil die Spurensicherung noch weitere Explosivstoffe sichergestellt hatte und Spezialisten des Zürcher Entschärfungsdiensts des Forensischen Instituts Zürich (FOR) diese vor Ort vernichteten.

Ein Abtransport der Explosivstoffe ist laut Kantonspolizei nicht möglich gewesen. Die Bevölkerung sei zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen.

Die Genossenschaft dahinter

Die Anlage wird von der gleichnamigen Genossenschaft betrieben, die 1964 gegründet wurde. Aus der Firmendatenbank Kompass geht der Zweck der Genossenschaft wie auch der Anlage hervor: Die Genossenschaft umfasst Personen aus dem Bauingenieurwesen, die im weitesten Sinne an gewerblicher Sprengtechnik interessiert sind, sowie Sicherheitsfachleute aus den Bereichen Brandschutz, Arbeitssicherheit und Sicherheitspolizei. Auf dem Areal sollen Mitglieder Kurse und Versuche durchführen können, die den genannten Branchen und Gebieten dienen sollen.

Eng mit der Genossenschaft verknüpft ist das Bauunternehmen Geo Rock AG Spreng- und Tiefbauberatung aus Illnau. Auch das Forensische Institut Zürich war, zumindest bis 2024, in minimalem Umfang finanziell an der Genossenschaft beteiligt. Wer sonst noch an der Genossenschaft beteiligt ist, ist unbekannt.

Aber wie funktioniert der Betrieb auf dem Tätsch-Areal genau? Wie muss man sich eine solche Anlage vorstellen? Welche Sicherheitsvorkehrungen müssen getroffen werden, und wie kommt eine Explosion überhaupt zustande?

Die Genossenschaft ist für diese Redaktion für tiefgründigere Fragen nicht erreichbar. Eine allgemeine Medienmitteilung, die SRF vorliegt, wird auch auf Nachfrage nicht zugestellt. Die Kantonspolizei, auf welche die Genossenschaft verweist, beantwortet ebenfalls keine Fragen. Nachfragen beim FOR versanden, Anrufe bei anderen Institutionen oder Organisationen werden nicht entgegengenommen.

Eine Tagung auf dem Tätsch

Eine Recherche stellt sich äusserst schwierig dar. Im Internet ist die Versuchs- und Schulungsanlage Tätsch kaum auffindbar, und auch in Zeitungsarchiven wird sie nicht erwähnt. Die Anlage scheint ein Mysterium zu sein. Jedoch findet man ein Programm zu einer «Sprengtechnischen Informationstagung für Polizeifunktionäre» aus dem Jahr 2024, das einige Hintergründe erläutert.

Auf dem Areal führten die Teilnehmenden während der Tagung verschiedene praktische Demonstrationen und Übungen zu spreng- und pyrotechnischen Verfahren durch. Dazu gehörten Vorführungen zu Zündsystemen, Explosionen, Brandvorrichtungen sowie zur Wirkung unterschiedlicher Ladungsformen. Ergänzend fanden Besichtigungen aktiver Sprengstellen statt, bei denen reale Abläufe, Sicherheitsdispositive und Ergebnisbilder beobachtet wurden.

Inhaltlich deckte die Woche ein breites Feld ab – von Grundlagen zu Sprengstoffen und Pyrotechnik über gesetzliche Vorgaben bis zur Spurensicherung nach Explosionen. Ein Schwerpunkt lag auf unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen, deren Aufbau, Auslösung und deren Schadensbilder analysiert wurden. In Gruppenarbeiten wurden zudem Sprengfallen konstruiert und ausgewertet, ergänzt durch praktische Demonstrationen zu Detonationen, Rückständen und typischen Spurenmustern.

Die Tagung wurde von der GU Spreng Technik AG durchgeführt. Eine Antwort auf eine Anfrage bezüglich dieser Tagung steht Stand jetzt aus. Letzte Anlaufstelle war die Stadt Illnau-Effretikon.

Stadt selbst nutzt Gelände nicht

Auf Anfrage sagt diese, dass ihr der Betrieb als Schulungs- und Kurszentrum im Bereich von Sprengtechnik bekannt ist. Auch, dass verschiedene Akteure daran beteiligt sind und dort entsprechende Tätigkeiten ausüben. Zu spezifischen Übungen oder Durchführungen kann sie jedoch keine Angaben machen. Die Stadt selbst nutzt das Gelände nicht. Auch die Feuerwehr Illnau-Effretikon/Lindau erklärt, dass sie auf dem Tätsch-Areal keine Übungen durchführt.

Die Stadt hegt ein Interesse daran, die genauen Verhältnisse abzuklären und transparent zu kommunizieren: «Die nun in Gang gesetzten Ermittlungen und Abklärungen würden sich auch auf die zweckkonforme Nutzung des Gebiets erstrecken und auch, welche Instanzen für Genehmigungen zuständig sind.» Das Areal mit dem komischen Namen bleibt aber vorerst ein Mysterium.

Wer sich auf die Fährte des Begriffs Tätsch begibt, landet im wortwilden Gelände des «Schweizerischen Idiotikons». Dort poltert das Wort als dumpfer Schlag, als platt gedrückter Kuchen – oder gar als Spitzname für eine Kuh, die gemächlich über die Wiese zieht und dabei ihre «Tätschli» hinterlässt.

Der Flurname in Illnau-Effretikon am Tätschweg taucht erstmals 1957 auf der Landkarte auf. Zuvor blieb das Stück Land unbeschriftet.

Sprengungen sind abgeschlossen

Am Mittwoch wurden bei der Spurensicherung auf dem Areal Tätsch noch weitere Explosivstoffe festgestellt. Da diese nicht abtransportiert werden konnten, wurden sie am Donnerstag durch Spezialisten kontrolliert vernichtet. Es waren deshalb am Donnerstag weitere Explosionen in der Umgebung zu hören.

Am Freitagmittag teilte die Kantonspolizei Zürich auf Anfrage mit, dass diese Sprengungen bis zum Donnerstagabend abgeschlossen waren. Das Gelände sei inzwischen wieder an den Betreiber übergeben worden.

Zur Schadensbilanz konnte die Kantonspolizei keine neuen Zahlen nennen. Am Donnerstag hatte sie bereits kommuniziert, dass über 70 Schadensmeldungen eingegangen waren. Inzwischen seien noch einige dazugekommen. Klar ist indes auch, dass die zuständige Staatsanwaltschaft ein Verfahren im Zusammenhang mit der Explosion eröffnet hat. (lel)

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