Vandalismus an Wahlplakaten: Frust oder politisches Statement?
Sie kommen wie der Frühling nach dem Winter: die Wahlplakatvandalen. Doch was steckt hinter dem Phänomen? Weshalb Vandalismus als Spiegel der Gesellschaft verstanden werden kann – und was die Parteien dagegen tun.
Alle vier Jahre wieder: In den Wochen vor den Kommunalwahlen verwandeln sich die Strassenränder der Region in einen Schilderwald. Von Dutzenden Plakaten blicken die Köpfe der Kandidierenden der Stimmbevölkerung entgegen. Still sprechen sie einem zu: «Wählt mich! Ich bringe Veränderung!» Und immer wieder kommt es während des Wahlkampfs zu Vandalismus.
Ob sabotiertes SP-Plakat oder verschmierte SVP-Wahlwerbung – in Illnau-Effretikon kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Fällen von Vandalismus an Wahlplakaten. Auch dieses Jahr melden die Parteien pünktlich zum Wahlkampf wieder Vorfälle.
Grosse Parteien besonders betroffen
Ueli Kuhn, Präsident der SVP Illnau-Effretikon, schreibt auf Anfrage: «Leider wird unsere Partei auffällig häufig Opfer von Plakatvandalismus. Stand heute (16. Februar, Anmerkung der Redaktion) sind es zwölf Vorfälle von mutwilliger Zerstörung.»
Die wählerstärkste Schweizer Partei hat auf dem Stadtgebiet von Illnau-Effretikon rund 50 Plakate sowie neun grossformatige Werbeblachen aufgestellt. Besonders stark betroffen sei aber der Standort beim Rössli-Kreisel in Illnau: «Dort haben wir die Plakate bislang bereits zum vierten Mal aufgestellt.»
Auch die SP bestätigt regelmässige Wellen der Zerstörung ihrer Wahlplakate beim Rössli-Kreisel. Zudem beobachten die Sozialdemokraten eine Häufung der Vorfälle bei der Rosenweg-Unterführung direkt beim Bahnhof Effretikon. Im Durchschnitt würden diese beiden Plakatstandorte einmal pro Woche Opfer von Vandalen. Die Partei hat insgesamt 28 Plakate aufgestellt, also nur etwa halb so viele wie die SVP.
Die Stadtpolizei Illnau-Effretikon schreibt, Vandalismus sei generell eher in Ortszentren zu beobachten. Spezifische Faktoren für die Gemeinde seien zwar nicht auszumachen, aber: «Vandalismus an Wahlplakaten könnte einen Zusammenhang mit der Unkenntnis des demokratischen Wahlsystems, polarisierenden Positionen oder der als aufdringlich empfundenen Menge an Plakaten haben», mutmasst sie.
Unzufriedenheit als primärer Antrieb
Johannes Karl ist Kulturpsychologe am Institut für Psychologie der Universität Zürich und kennt sich bestens mit der Thematik aus. Für ihn spiegeln sich in solchen Akten Trends der Gesellschaft wider, wie zum Beispiel Polarisierung, wirtschaftliche Belastungen, Frustration oder Gefühle von Stillstand. Er bestätigt: «Bei Vandalismus kommen mehrere Faktoren zusammen.» Dabei sei es wichtig, zu unterscheiden, welche Motivation einem Vandalenakt zugrunde liege.
«Es gibt im Prinzip zwei Typen von Unzufriedenheit, welche bei Vandalismus eine Rolle spielen», führt Karl aus. So kann Vandalismus ein Ausdruck von Unzufriedenheit mit einer bestimmten Partei sein. Solche Taten sind dann klar politisch motiviert.

Komplexer werden Fälle, wenn aus genereller Unzufriedenheit mit dem System mutwillige Zerstörung angerichtet wird. «Die Wahlplakate werden dann als Ausdruck des politischen und gesellschaftlichen Systems verstanden», erklärt der Kulturpsychologe. Die Wahlplakate könnten dann als Eindringen des Systems in das Lebensumfeld verstanden werden und würden deshalb eigenhändig entfernt.
Nur wenige Taten rein politisch motiviert
«Wichtig ist die Unterscheidung zwischen organisiertem Vandalismus und willkürlichen Vorgehensweisen», erklärt Karl. Letztere, also die affektive Form, werden zum Beispiel oft von Jugendlichen betrieben, wenn sie sich ausgeschlossen fühlen.
Affektivität kennzeichne sich dadurch, dass Täter nicht durchdacht handelten, sondern gesteuert durch Emotionen. «Es wirkt dann so, als sei einfach jemand vorbeigegangen, der sich gegen alle Formen von Politik auslässt», erklärt der Kulturpsychologe. Dies zeige sich auch dadurch, dass Plakate häufig zwar beschädigt, jedoch seltener entwendet würden.
Kantonspolizei Zürich: Genaue Zahlen fehlen
Wie viele Vorfälle von Plakatvandalismus es im Zürcher Oberland tatsächlich gebe, sei schwierig zu beziffern, schreibt die Kantonspolizei Zürich auf Anfrage: «Eine spezifische Statistik besteht nicht.»
Die Stadtpolizei Illnau-Effretikon teilt mit, dass dieses Jahr bislang eine Anzeige wegen Sachbeschädigung an drei Örtlichkeiten eingegangen sei. 2022 habe es eine Anzeige wegen Beschädigungen an acht Orten gegeben und 2018 gar keine. Sie schlussfolgert deshalb: «Es gibt unseren Beobachtungen nach keine eindeutige Tendenz zum Umfang von Vandalismus an Wahlplakaten.»
Wichtig zu betonen ist, dass sich allein über die Anzahl der eingegangenen Anzeigen nicht eine generelle Aussage über das Ausmass von Plakatvandalismus machen lässt. Die Dunkelziffer ist hoch, da viele Parteien nicht sofort Anzeige erstatten.
Social Media spielt eine zentrale Rolle
Immer wieder greifen die Vandalen auch auf ein Repertoire von Symbolen zurück. Hetzerische Schmierereien und extremistische Symbole können «künstlerische» Begleiterscheinungen von Plakatzerstörungen sein. Johannes Karl mahnt zur Vorsicht: «Symbolik stereotypisiert oft nur, sie ist nicht rein ideologisch.» Das heisst konkret: Die Vandalen wollen dem Plakat einen Kontext verleihen, der in ihren Köpfen vorhanden ist, ihrer Ansicht nach aber auf dem Plakat fehlt.

Eine wichtige Rolle kommt in der heutigen Zeit zudem den sozialen Medien zu. «Social Media kann dazu führen, dass man kritische Einstellungen entwickelt und diese gefördert werden», so Karl.
Vandalismus in den sozialen Medien könnte die Hemmschwelle senken, da destruktives Verhalten als akzeptierter und verbreiteter dargestellt wird, als es ist.
Johannes Karl
Kulturpsychologe
Ploppen zum Beispiel auf Instagram oder TikTok Videos auf, wo Nutzer sich selbst beim Vandalieren filmen, könnte das Nachahmer motivieren: «Vandalismus in den sozialen Medien könnte die Hemmschwelle senken, da destruktives Verhalten als akzeptierter und verbreiteter dargestellt wird, als es ist.»
Da Diskussionen heute durch die sozialen Medien global vernetzter seien, importiere die Schweiz auch internationale Auseinandersetzungen, zum Beispiel aus den USA. Dadurch scheine sich auch hierzulande immer mehr eine Rechts-links-Spaltung in der Politik herauszubilden: «Es geht dann oft gar nicht mehr um den politischen Sachverhalt, sondern um die Zugehörigkeit.» Solche Entwicklungen seien für den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährlich und könnten ebenfalls Vandalismus begünstigen.
Kontrollfahrten und Imagekampagne bei der SVP
Die SVP setzt im Kampf gegen die Vandalen auf regelmässige Kontrollfahrten: Zweimal pro Woche führe sie eine solche Fahrt durch und ersetze beschädigte Plakate.
Dass solche Massnahmen überhaupt notwendig sind, findet Ueli Kuhn schade: «Dass alle vier Jahre das Stadtgebiet ein Stück weit zum Plakatwald wird, gehört zu unserer Demokratie dazu.»
Maxim Morskoi, Präsident der SP Illnau-Effretikon/Lindau, doppelt nach: «Überraschend ist es leider nicht, wobei Vandalismusakte aus meiner Sicht wenig mit seriöser Politik zu tun haben.» Die SP beobachte, dass vor allem Plakate der grossen Pol-Parteien besonders häufig ins Visier von Zerstörungslustigen geraten würden.
Vandalismus als Chance
Kulturpsychologe Johannes Karl sieht aber in den wiederkehrenden Plakatzerstörungswellen auch eine Chance. Er argumentiert: «Wir müssen Vandalismus als Möglichkeit sehen, um die Gesellschaft und ihr Verhalten zu verstehen.»
Wir müssen Vandalismus als Chance sehen, um Leute zurück ins demokratische Boot zu holen.
Johannes Karl
Kulturpsychologe
Karl fordert deshalb eine präzisere Zahlenbasis zu Vandalenakten, damit die Brennpunkte der Gesellschaft besser verstanden werden können. Er ist optimistisch: «Es ist besser, zu sehen, was falsch läuft, als gar keine Anzeichen wahrzunehmen.» Denn erkannte Probleme liessen sich proaktiv angehen: «Wir müssen Vandalismus als Chance sehen, um Leute zurück ins demokratische Boot zu holen.»