Abo

Gesellschaft

Mahnmal auf altem Friedhof

Uster will die als Hexe hingerichtete Elsbetha Bünzli rehabilitieren

Eine der vier getöteten «Hexen» aus dem Oberland stammte aus Uster. Nun erfolgt eine moralische Wiedergutmachung.

Elsbetha Bünzli wird zurück nach Uster gebracht: Auf dem Gelände des spätmittelalterlichen Friedhofs neben der reformierten Kirche wird ein Mahnmal an die als Hexe hingerichtete Nossikerin errichtet. (Archiv)

Foto: Nicolas Zonvi

Uster will die als Hexe hingerichtete Elsbetha Bünzli rehabilitieren

Mahnmal auf altem Friedhof

Vor 370 Jahren wurde die Nossikerin Elsbetha Bünzli in Zürich enthauptet und verbrannt. Nun soll sie nach Uster «heimgeholt» und ihrer erinnert werden.

Der Fall der am 6. August 1656 auf einer Kiesbank in der Sihl in Zürich hingerichteten Elsbetha Bünzli gehört zu den am besten dokumentierten Hexenverfolgungen im Kanton Zürich. Und er ist wohl gleichzeitig einer der brutalsten. Während des 37 Tage langen Prozesses wird sie 7-mal verhört und 15-mal aufs Schwerste gefoltert.

Die Nossikerin aus prekären Verhältnissen war aufgrund ihres Lebensstils ins Visier der Bevölkerung geraten. Ehebruch und Blutschande wurden ihr angelastet. Auch ein schweres Unwetter, das 1655 zum Einsturz des Ustermer Kirchturms geführt hatte, wurde ihr zur Last gelegt. Und nach damaligem Recht als schwerster Vorwurf die Teufelsbuhlschaft, also den Geschlechtsverkehr mit dem Teufel.

Ein Platz auf dem Friedhof – nach 370 Jahren

Zermürbt von der langen Folter legte sie ein Geständnis ab und wurde als Hexe zum Tod verurteilt. Erst wurde sie geköpft. Danach wurde sie verbrannt und ihre Asche in die Sihl gestreut. Mit dem Feuer wurde ihr Ausschluss aus der Gesellschaft besiegelt. Der Leichnam sollte keinen Platz auf einem Friedhof finden.

Genau das wollen Pfarrer Matthias Rüsch von der Reformierten Kirchgemeinde und Franziska Sidler, Leiterin des Ustermer Stadtarchivs und der Kläui Bibliothek, 370 Jahre nach dem gewaltsamen Tod von Elsbetha Bünzli rückgängig machen. Sie haben gemeinsam eine vielfältige Veranstaltungsreihe organisiert. Deren Abschluss wird am 10. April unter dem Titel «heimgeholt» ein öffentlicher Erinnerungsakt sein.

Im Beisein der Zürcher Kirchenratspräsidentin Esther Straub, von Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) sowie Usters Stadtpräsidentin Barbara Thalmann (SP) wird ein Kunstwerk neben der Kirche und damit auf dem Gelände des spätmittelalterlichen Friedhofs eingeweiht.

Ein moralischer Akt

«Juristisch können die heutige Kirche und die Stadt Uster die als Hexe verurteilte Elsbetha Bünzli nicht rehabilitieren, da das Urteil durch den Stand Zürich gefällt worden ist. Unser Ziel ist die moralische Rehabilitation», unterstreicht Sidler.

Sowohl der damalige Pfarrer als auch der Untervogt von Uster hatte erheblichen Anteil daran, dass die Nossikerin damals vor Gericht kam. «Mit ‹heimgeholt› widersprechen wir den damaligen Ustermer Instanzen und bringen zum Ausdruck, dass sie eine von uns ist.»  

Vier Männer geben den Anstoss

Den Anstoss für das Gedenken an Elsbetha Bünzli gaben vor einem Jahr gleich vier Männer, völlig unabhängig voreinander. «Das finde ich besonders schön», unterstreicht Sidler.

So kam damals Pfarrer Matthias Rüsch auf die Stadt zu. Werner Surbeck, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, brachte die Idee eines Mahnmals. Er ist ein Sohn des verstorbenen Ehrenbürgers von Uster, Peter Surbeck, der sich seinerseits auch schon mit den Hexenverfolgungen befasst hatte. Dann sprach der Historiker Paul Brändli das Thema an einem Vortrag an. Und schliesslich hat der Künstler und Neurologe Hans Schnorf mit einem historischen Roman über «Das schändliche, üppige und hochärgerliche Leben der Elsbetha Bünzli» das Thema aufgegriffen.

Spurensuche mit acht Stationen

Alle vier werden an der acht Stationen umfassenden Spurensuche mitwirken. Die erste bildete der Ende Januar im «Anzeiger von Uster» und im «Zürcher Oberländer» erschienene «Heimatspiegel». Paul Brändli widmet sich in diesem der Geschichte der geschundenen Nossikerin und dem Hexenglauben im Zürcher Oberland. Elsbetha war die letzte von vier Oberländerinnen, die als Hexe hingerichtet wurde. Am Montag, 9. Februar, wird Brändli ab 19 Uhr im Kirchgemeindehaus Kreuz in Uster über seine Forschungen berichten.  

Es folgen eine Plakatausstellung, eine Podiumsdiskussion mit Otto Sigg, dem versiertesten Hexenforscher des Kantons, ein Gottesdienst, eine szenische Lesung, ein Werkstattbericht über den im Entstehen begriffenen historischen Roman sowie zum Abschluss der Erinnerungsakt. Das ganze Programm ist auf der Webseite der Reformierten Kirche Uster unter www.refuster.ch/elsbetha_buenzli_heimgeholt zu finden.

Doppelt heimgeholt

«Wir können uns an ihre Geschichte erinnern und unserer Mitbürgerin von damals einen Platz in der menschlichen Erinnerungsgesellschaft geben. Elsbetha Bünzli: heimgeholt bekommt so eine doppelte Bedeutung: Himmelschreiendes Unrecht hatte sie damals heimgeholt, ja heimgesucht», erklären die Organisatoren der Veranstaltungsreihe.

«Heute wollen wir sie in die Ustermer Gedenkkultur hineinnehmen, nach Uster zurückholen und ihr auf dem alten Friedhof hinter der Kirche einen Gedenkort geben», umschreiben Rüsch und Sidler die Motivation für ihr Projekt zur Aufarbeitung der Hexenverfolgung in der frühen Neuzeit.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.