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Politik

Das Geheimnis der verbrannten «Hexe» in Uster lüften

Seit den Jahrzehnten stockt die Aufarbeitung der Ortsgeschichte in Uster. SP-Gemeinderat Balthasar Thalmann will, dass der Stadtrat diese Lücke schliesst. Dieser gibt dem Politiker Recht und strebt gar eine Totalüberholung der Geschichtsschreibung an – mit entsprechenden Kosten.

Die Geschichtsschreibung von Uster soll aufgearbeitet werden, so lautet die Forderung eines Postulantens., Der Vorstoss stammt von Gemeinderat Balthasar Thalmann (SP).

Christian Merz

Das Geheimnis der verbrannten «Hexe» in Uster lüften

Die Geschichtsschreibung von Uster ist veraltet, das sieht auch der Stadtrat ein. Wie die Exekutive ausführt, entspreche der Inhalt von Paul Kläuis Standardwerk zur Stadtgeschichte aus dem Jahr 1964 nicht dem neusten Forschungsstand. Weitere Werke würden lediglich einzelne historische Themen aufgreifen. Diese Ausführungen macht der Stadtrat in einer Antwort auf ein Postulat von SP-Gemeinderat Balthasar Thalmann, der mit dem Vorstoss eine aktualisierte Geschichtsschreibung Usters fordert.

Christian Zwinggi, Abteilungsleiter Präsidiales der Stadt Uster, sagt, dass im Werk von Historiker Kläui beispielsweise die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte erst ansatzweise aufgearbeitet worden seien. Es fehlten zudem Informationen zu einzelnen Ereignissen oder Personen, wie etwa der betagten Nossikerin Elsbetha Bünzli. Was man über sie gemäss Zwinggi weiss: «Die Frau wurde 1656 wegen unstetem Lebenswandel und Ehebruch nach grausamster Folter als Hexe enthauptet und danach verbrannt.»

Ustermer auf Titanic

Weiter erwähnt Zwinggi die Geschichte von Albert Wirz, der im Buchholz aufwuchs und mit 27 Jahren nach Amerika auswandern wollte. Er kaufte sich ein  Drittklasseticket für die Titanic, mit welcher er am 12. April 1912 unterging. «Übriggeblieben von diesem tragischen Ereignis ist seine Taschenuhr, die wieder auftauchte und seither im Stadtarchiv lagert und unverändert zehn nach sechs anzeigt», sagt Zwinggi.

Ihm zufolge sollen mit der Aufarbeitung von Usters Historie auch solche «weisse Flecken geschlossen werden». Dass damit dunkle Kapitel zutage gefördert würden, wie bei jenen Denkmälern, die wegen Rassismus oder Sklavenhandel jüngst in die Kritik gerieten, könne im Fall von Uster eher bezweifelt werden. Zwinggi sagt aber: «Wenn wir die Geschichte aktualisieren wollen, dann ernsthaft.»

Zwei Geschichtsbände

Die Ausführungen des Stadtrats in seiner ersten Stellungnahme zum Postulat sind erstaunlich detailliert. So schreibt er, dass eine Erneuerung des Standardwerks zur Ustermer Geschichte das bestehende Werk nicht einfach mit den Geschehnissen ab 1960 ergänzen soll. Auch die Themenbereiche davor müssten den heutigen Bedürfnissen der Geschichtsschreibung gerecht werden. «Somit würde ein erneuertes Werk umfangreicher und möglicherweise aus zwei Bänden bestehen», heisst es weiter.

Der Fokus sollte bewusst auf einer gedruckten Ausgabe liegen, da Werke in Buchform einen «verbindlichen Charakter» aufwiesen. Auf der Website der Stadt Uster präsentiere sich zwar seit Ende 2019 die Geschichte der Stadt in 22 Kapiteln, wobei aktuelle Ereignisse miteingeschlossen seien, schreibt der Stadtrat. Er gibt aber zu: «Ein zusammenhängendes, gedrucktes Werk, dass die Vorkommnisse nach dem Zeitraum von 1960 berücksichtigt, fehlt.»

Team von Historikern

Eine mehrköpfige Autorenschaft soll die Geschichtslücke schliessen. Christian Zwinggi gibt als Grund an: «Während Paul Kläui als einzelner Autor wirkte, erfolgt die Geschichtsschreibung heute meistens in Teams.»  Dadurch könnten vielfältigere Perspektiven berücksichtigt und mehr Spezialwissen genutzt werden.

Entsprechend hoch sollen die Kosten für die Arbeit ausfallen. Es müsse wohl mit mehreren hunderttausend Franken gerechnet werden, schreibt der Stadtrat in seiner Antwort. Auch wenn dies erst eine erste Stellungnahmen ist, und das Postulat noch vom Gemeinderat überwiesen werden muss, könnten solche Ausgaben beim aktuellen Sparkurs der Stadt auf Widerstand stossen.

Fussball auch teuer

Postulant Balthasar Thalmann (SP) hält diesen finanziellen Aufwand derweil für unerlässlich: «Wenn man der Geschichte der Stadt keine grosse Wichtigkeit beimisst, macht man einen Fehler.»

Deren Aufarbeitung sei eine Investition in die Zukunft. «Und die Stadt investiert schliesslich auch einiges in andere Bereiche, wie beispielsweise das Seerestaurant Schifflände oder die Fussballplätze auf dem Buchholz», sagt Thalmann.

Zu tun gebe es bei der Aktualisierung der Geschichte genug: «X hundert Laufmeter Dokumente lagern noch in den Stadtarchiven.» Derer Mitarbeiter würden trotz minimalen Ressourcen «tolle Arbeit» leisten, sagt Thalmann (siehe Box).

«Salopper» Kläui

Er begrüsse den Vorschlag der Exekutive, nicht nur die Zeit nach 1960, sondern die gesamte Stadtgeschichte aufarbeiten zu wollen. «Paul Kläui kann den heutigen Ansprüchen der Geschichtsschreibung nicht mehr genügen.» Beispielsweise seien seine Formulierungen teilweise «sehr salopp».

«Die Idee der beiden Buchbänder, die der Stadtrat formulierte, hört sich plausibel an», sagt Thalmann. Sie trage dem Grundsatz Rechnung, die Geschichte soll «laufend à jour» gehalten werden, wie er in seinem Postulat fordert. In diesem sieht Thalmann die Fertigstellung bis 2025, anlässlich der 1250-Jahr-Feier, als Option. Doch erst muss der Gemeinderat in der Sitzung vom 9. November über die Überweisung des Postulats entscheiden.

 

Archivierte Laufmeter

Laut NPM-Bericht der Stadt haben Mitarbeiter des Stadtarchivs im vergangenen Jahr Verwaltungsdossiers aus dem von Zeitraum 1927 bis 1978 sowie mehrere privaten Bestände durchgearbeitet. Dabei kamen sie auf 30 Laufmeter. Diese Masseinheit wird in Archiven üblicherweise gebraucht. Damit ist die Breite des Raums gemeint, den die Bücher, Akten oder Dokumente aneinandergereiht einnehmen. Der Nachlass von Schriftsteller Otto Schaufelberger konnte hingegen wegen seines Aktenvolumens noch nicht aufgearbeitet werden, heisst es im Bericht.

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