Politik

Hexenverbrennung und Inzucht: Wie düster war Uster früher?

Peter Bertschinger erforscht wichtige Stammbäume von Ustermer Familien. Dabei kommt er auch in Kontakt mit Amerikanern und stösst auf Gräueltaten aus der Vergangenheit.

Uster hat auch dunkle Kapitel: Zum Beispiel jenes der «Hexe aus Nossikon», die 1656 zum Tode verurteilt wurde., Der gebürtige Ustermer Peter Bertschinger wollte die wichtigsten Familienstammbäume erforschen., Der Hobby-Genealoge hat die letzten fünf Monate viel Zeit im Stadtarchiv Uster verbracht., Natürlich führt bei der Erforschung der Geschichte kein Weg am Ustermer Historiker Paul Kläui vorbei.

Fotos: Roger Hofstetter

Hexenverbrennung und Inzucht: Wie düster war Uster früher?

Wer im Gespräch mit Peter Bertschinger seinen Namen preisgibt, erhält meist gleich die Information, woher seine Vorfahren stammen oder welche Bedeutung er hat. «Ich kann meist gar nicht anders», sagt der gebürtige Ustermer zu seiner Leidenschaft der Genealogie. Damit ist die Ahnen- und Familienforschung gemeint. Seit Bertschinger dieses Hobby betreibt, hat er schon in mehreren Gemeinden Stammbäume aufgeschlüsselt, nun ist der Rentner an Uster dran.

Zahlreiche Stammbäume von alten Ustermer Familien wie Bachofen, Berchtold, Bünzli, Guyer, Gyr, Hämig, Fischer, Reiff, Ritter oder Schneider habe er zusammen mit anderen Hobby-Genealogen bis ins 15. Jahrhundert digitalisiert und miteinander verknüpft. «Bisher haben wir so über 36‘000 Personen der Kirchgemeinde Uster und Umgebung auf einer Online-Plattform für Ahnenforschung erfasst und öffentlich gemacht.»

Hexenverbrennung 

Dass der ehemalige Wirtschaftsprüfer dabei auch dunkle Kapitel zu Tage gefördert, ist Teil dieser Forschung. «Es gehört zum Ehrgeiz dieses Hobbys, dass wir auch solche Sachen aufdecken, auch wenn Nachfahren diese oft nicht gerne hören.» So habe er schon von Betroffen den Vorwurf gehört: «Mein Onkel hat Selbstmord gemacht, was wir nur schwer verkraften konnten. Nun kommst du und gräbst die Geschichte wieder aus.» Schlimm werde es für einige, wenn er in Gerichtsakten nach Hinweisen suchen müsse.

«Darin steht etwa: Ertrunken im Greifensee, fiel vom Kirschbaum oder Vater des illegalen Kindes.»

Peter Bertschinger, Hobby-Genealoge

Dort ist er auch auf den bereits bekannten Fall der «Hexe aus Nossikon» gestossen. Die Ustermerin Elsbetha Bünzli wurde 1656 zum Tod verurteilt. Wegen, wie es in den Akten heisst, «Verführung von Ehemännern zum Ehebruch». Mit dem Schwert wurde sie daraufhin hingerichtet und ihr Körper verbrannt.

Die Dame sei eine Verwandte von ihm, sagt Bertschinger. Bünzli und auch das Geschlecht Hämig seien Teil seines Stammbaums. «Die Verwandtschaftsbeziehung ist aber weit entfernt.» 

Tod in allen Variationen

In Zivilstandsregistern, die auf Geheiss von Napoleon nach einem einheitlichen Muster angelegt worden sind, findet er heute noch Hinweise auf die Todesursache und Leben der Menschen von Uster. «Darin steht etwa: Ertrunken im Greifensee, fiel vom Kirschbaum oder Vater des illegalen Kindes.»

In seiner genealogischen Suche in kirchlichen Dokumenten sind Bertschinger aber Grenzen gesetzt, weil viele Schriften im Zuge des reformatorischen Bildersturms im 16. Jahrhundert zerstört worden sind. Nur wenige hätten diese Begleiterscheinung der Reformation überstanden und damit gingen zahlreiche Protokolle zur Taufe, Heirat und Beerdigung der Bürger verloren.

Eine Ausnahme ist das «Anniversar von Uster» – ein Jahrzeitbuch der Gemeinde zwischen 1469 und 1473. «Von dem schönen, gut erhaltenen Buch bin ich unheimlich begeistert. Das ist eine Rarität.» 

Entsprechend vorsichtig musste Peter Bertschinger bei der Einsicht in der Zentralbibliothek Zürich vorgehen. «Das Buch ist sehr wertvoll und ich musste beim Lesen Handschuhe anziehen.» Darin seien alle Familienwappen der damaligen Zeit illustriert. Beispielsweise dasjenige der Familie Bünzli; eine handgemalte Traube.

Dieses Wappen ziert noch heute den Quartierverein Winikon-Gschwader. Laut Bertschinger stammt das Geschlecht Bünzli ursprünglich aus Winikon. Interessant sei, dass zusammen mit Berchtold einst ausgerechnet die beiden wichtigsten Ustermer Familien aus dieser sehr kleinen Aussenwacht stammen. «Das muss eine fruchtbare Sippe gewesen sein.»

Inzucht und Uster

Dass es dabei auch zu Inzucht gekommen ist, sei zwar nicht auszuschliessen, sagt Bertschinger, doch in Uster sei häufig eine Durchmischung mit anderen Familien praktiziert worden. Dafür habe auch die fehlende Stadtmauer gesorgt. Anders sei es beispielsweise in seinem heutigen Wohnort Bülach, die damals noch vollständig mit einer Mauer umringt gewesen sei. Dort habe einst die eine Hälfte der Einwohner Meier geheissen und die andere Kern. Andere Familien habe es fast keine gegeben.

«Wenn beispielsweise zu viele Berchtold geboren wurden, hat man sie als Söldner ins Ausland geschickt.»

Peter Bertschinger, Hobby-Genealoge

«Der Pfarrer hat früher bei der Heirat dafür sorgen müssen, dass die künftigen Ehepaare nicht zu eng miteinander verwandt sind. Sonst hätte es zu viel Inzest gegeben.» Öfters sei er auf Verwandtschaftsbeziehungen dritten Grades gestossen. «Damals war beispielsweise die Heirat mit der Cousine noch zugelassen.» Teilweise seien aber auch Paare verheiratet worden, die näher miteinander verwandt waren, weil das Kind schon unterwegs war.

Für die genetische Variation im Fall von Uster hätten einerseits die vielen Eheschliessungen mit Leuten aus anderen Oberländer Gemeinden gesorgt. Andererseits habe eine grosse Sippe oft selber Inzest verhindert, mutmasst Bertschinger. «Wenn beispielsweise zu viele Berchtold geboren wurden, hat man sie als Söldner ins Ausland geschickt. Aus diesem Kriegsdienst sind sie meist nicht mehr zurückgekommen.» Viele dieser «Prügelbrüder» habe man ohnehin loswerden wollen.

Ustermer in den USA

Oder die Betroffen sind ausgewandert, wie die vielen Ustermer, die Mitte des 19. Jahrhunderts – oft aus wirtschaftlicher Not – in den USA ihr Glück versucht haben.

Auch dort hat Bertschinger nach den Ustermer Stammbäumen geforscht – und traf auf fruchtbaren Boden. «Die Amerikaner sind viel mehr an der Genealogie interessiert als wir Schweizer. Für viele US-Bürger ist es wichtig, seine ‹roots› zu verfolgen.» Ustermer Namen finde er meist zu 100 Prozent wieder in einer amerikanischen Datenbank, auch wenn kleinere oder grössere Ungenauigkeiten mit dabei seien. Statt Bachofner finde er beispielsweise «Backofener» und den Heimatort «Sweden» statt «Switzerland».

«Die Amerikaner waren sehr enttäuscht, weil sie für viel Geld ein schönes Buch mit dem vermeintlichen Stammbaum ihrer Familie anlegen liessen.» 

Peter Bertschinger, Hobby-Genealoge       

Wenn Bertschinger in gewissen Datenbanken forscht, wird er auch von US-Bürgern kontaktiert und knüpft Freundschaften mit ihnen. So hatte er auch schon Besuch von amerikanischen Familien, mit denen er durch die Region reiste, um ihnen die Ursprünge ihrer Ahnen zu zeigen.

Dabei habe er auch einen kuriosen Fall erlebt, bei dem eine Familie überzeugt war, mit ihm verwandt zu sein. Nach intensiver Nachforschung, unter anderem mit DANN-Tests, habe er aber belegen können, dass der Familienstammbaum der Amerikaner falsch war. «Sie waren sehr enttäuscht, weil sie für viel Geld ein schönes Buch mit dem vermeintlichen Stammbaum ihrer Familie anlegen liessen.»

Ahnenforschung mit Hindernissen

Persönlich sei sein Interesse an dem Hobby «zufällig» entstanden. Sein Grossvater habe immer behauptet, die Bertschinger kämen aus Fischenthal – und «basta». Als er das nachprüfen wollte, habe er jedoch keine Verwandtschaftsbeziehung finden können. Er habe dann im Zuge seiner Nachforschungen vom Chef des Staatsarchivs in Bülach gelernt, wie man Stammbäume erforscht. Schnell hätten sie zusammen herausgefunden, dass seine Familie aus Zumikon stammt und sich 1687 mit dem Kauf der Taverne Ochsen – dem heutigen «Ochsen» – in Kempten einbürgert habe. Somit sei sein heutiger Bürgerort Wetzikon.

Bertschinger hilft auch anderen Interessierten bei der Erforschung ihrer Familiengeschichte – kostenlos. Dabei müsse er aber mindestens den Heimatort der Betroffenen wissen und oft müssten diese einen Nachweis mittels ID gegenüber den Behörden erbringen, dass sie ein Nachfahre einer Person seien. Denn die Hürden des Datenschutzes seien hoch. «Stelle ich Nachforschungen über eine Person ohne direkten Bezug zu mir her, muss die bereits 80 bis 100 Jahre tot sein.»

Sütterlinschrift und Latein

Für sein Hobby ist ihm kein Aufwand zu gross. Auch die sogenannte Sütterlinschrift, auf die er in Dokumenten hin und wieder trifft, habe er im Besuch von zahlreichen Kursen erlernt. Althochdeutsch gehe auch problemlos und bei lateinischen Schriften hülfen ihm seine Kantonsschulkenntnisse.

Während zehn bis zwanzig Jahre war Bertschinger sporadisch an der Erforschung der Ustermer Stammbäume dran. Daraus habe er ein Drittel seiner heutigen Daten erarbeitet. Ein weiteres Drittel habe er von anderen Hobby-Genealogen erhalten. Seit fünf Monaten arbeitete er intensiv am letzten Drittel. Nun hat er sein derzeitiges Projekt beendet und damit sein gesetztes Ziel erreicht, bis am 4. November die umfassendsten Stammbäume aus Uster untersucht zu haben. «Dann war mein 68. Geburtstag. Ich wollte mir die Arbeit selber zum Geschenk machen.»

Seine Arbeit geht ihm aber nicht aus. Bertschinger will nun die bedeutendsten Stammbäume aus seinem Heimatort Wetzikon dokumentieren, aber nicht allein: «Dafür suche ich noch Freiwillige.»

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.