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Wenn weniger mehr ist

Darum wird die «Höchststrafe» für ihn zum Wendepunkt

Schwinger Gian Maria Odermatt aus Uster hat einen Lauf. An dessen Ursprung steht eine neu gefundene Leichtigkeit.

Gian Maria Odermatt beim Bachtelschwinget 2025 in Hinwil. (Archiv)

Foto: Christian Merz

Darum wird die «Höchststrafe» für ihn zum Wendepunkt

Wenn weniger mehr ist

Schwinger Gian Maria Odermatt aus Uster hat einen Lauf. An dessen Ursprung steht eine neu gefundene Leichtigkeit.

Zum Treffen erscheint er ein paar Minuten zu früh. Das passt zu Gian Maria Odermatt, der als Schwinger seiner Zeit oft einen Schritt voraus gewesen ist. An seinem ersten «Eidgenössischen» war er 17 – und damit 2022 der jüngste Nordostschweizer in Pratteln BL.

Jetzt ist der Ustermer 21. Und hat festgestellt: Konkurrenten in seinem Alter werden häufig als junge Schwinger bezeichnet. «Bei mir sagen sie kein Wort.» Er lächelt vergnügt.

Dem Klischee des maulfaulen Schwingers, der als Bub mit Raufereien auffiel, entspricht er ganz und gar nicht. Der von Freunden «Giämme» genannte Sportler ist unkompliziert, offen und locker. Ins Schwingen schickten ihn einst die Eltern, weil sie fanden, das sei das Richtige für den Fünfjährigen, der dem «Tschutte» nichts abgewinnen konnte.

Odermatt machte eine Lehre im Baugewerbe, danach die Berufsmatur und studiert seit vergangenem Herbst in Chur Tourismus. Wie er darauf kam? «Ich reise gern, organisiere gern Reisen, da dachte ich mir: Das passt.»

Er trainiert viel weniger

Odermatt ist diese Saison der erfolgreichste Athlet des Schwingklubs Zürcher Oberland (SKZO). Er stand an zwei Regionalfesten im Schlussgang, mit drei gewonnenen Kränzen hat er sein Total auf zehn geschraubt. «Das hat sich nicht abgezeichnet», ist er überrascht.

SKZO-Präsident Daniel Spörri lobte einst Odermatts Trainingsfleiss mit den Worten: «Er ist eine richtige Motivationsspritze.» Seit ein paar Monaten entspricht der Ustermer diesem Bild aber nicht mehr. Er investierte im Winter so wenig in den Sport wie nie in den letzten Jahren. Und ist der Meinung: «Das dürfte man gar nicht laut sagen.»

Der Auslöser für die Neuausrichtung ist das «Eidgenössische» 2025. Angetreten mit hohen Erwartungen, schied Odermatt bei der ersten Reduktion des Felds nach vier Gängen aus. «Das war die Höchststrafe. Ich hatte lange, um diese Enttäuschung abzuhaken.» Der Misserfolg nahm ihm die Freude am Schwingen. Oder wie er sagt: «Es hat mir die Lust verblasen.»

Odermatt hielt sich danach weiterhin fit. Statt wie zuvor bis zu siebenmal pro Woche zu trainieren, setzte er indes aufs Lustprinzip. Und war kaum im Schwingkeller anzutreffen. Dafür kehrte Odermatt ins Judo zurück. Er trainierte nicht nur im Judoclub Uster mit, sondern bestritt ebenfalls Wettkämpfe. An den Schweizer Meisterschaften holte er in der Kategorie über 100 kg die Bronzemedaille.

Dank Judo vielseitiger

Mit der Rückkehr ins Sägemehl hat Odermatt das Judo-Kapitel vorerst wieder geschlossen. Für die Gegner ist er derweil unberechenbarer geworden, denn der Abstecher hat ihn zu einem vielseitigeren Schwinger gemacht.

«Im Judo wird häufiger über die linke Seite gearbeitet. Wenn es nun rechts im Schwingen nicht geht, kann ich auf links wechseln.»

Ein junger Mann mit Hemd lächelt in die Kamera.
Gian Maria Odermatt studiert Tourismus und absolviert derzeit ein Praktikum in einem Reisebüro.

Odermatt ist kein besonders aggressiv auftretender Schwinger, mit 1,83 Metern und 105 Kilogramm kein Wahnsinnsbrocken und sieht sich selbst auch nicht als Edeltechniker. «Aber ich habe das Gefühl, es funktioniert.»

Durch den reduzierten Trainingsumfang tritt er an Festen ausgeruhter an. Wo sieht Odermatt weitere positive Punkte? Der Schwinger tippt sich an die Stirn und sagt: «Im Kopf.» Er ist mental robuster geworden, vor allem aber viel gelassener, ja gar leichtfüssiger unterwegs. «Ich mache mir selbst keinen grossen Druck. Ich gehe ans Fest und mache da das Beste.»

Rückschläge prägten ihn

Odermatt vermutet, früher zu verkrampft den Erfolg angestrebt zu haben. Und geht davon aus, dass die Verbissenheit im Zusammenhang mit dem schnellen Aufstieg in jungen Jahren stand. 2021 gewann er den ersten Kranz bei den Aktiven und erreichte am Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag den Schlussgang.

Noch vor seinem 18. Geburtstag erklomm er die nächste Stufe, indem er den ersten Teilverbandskranz holte. Nun wäre folgerichtig die Bergkranz-Premiere an der Reihe.

«Es ist etwas, das man nicht zu stark forcieren darf», sagt Odermatt. Er setzt sich keine hohen Ziele mehr. «Damit ich am Ende des Tages nicht enttäuscht werde.»

Zu seinem Weg zählen auch die zahlreichen Rückschläge in den letzten drei Jahren – mit einer Rückenverletzung, dem Pfeifferschen Drüsenfieber und 2025 einer Bänderverletzung, die ihn wochenlang stoppte. «Ich bin jedes Mal zurückgekommen, aber es war hart.»

Umso mehr geniesst Odermatt jetzt seinen Lauf. Ob dieser ihn gar an den alle sechs Jahre stattfindenden Kilchberger Schwinget führt, an dem es nur 60 Startplätze hat?

«Es wäre ein Traum, dabei zu sein», sagt Odermatt schnell. Und bleibt doch pragmatisch: «Aber es ist auch ein Fest, bei dem man nicht traurig sein darf, wenn man nicht selektioniert wird.»

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