Der Hinwiler Audi zeigt klare Kante
Das aus dem Sauber-Rennstall hervorgegangene Audi-Werksteam präsentierte sein Auto und seine Ziele. Sie sind grossspurig – aber nicht nur.
So sieht er nun wirklich aus, der in Hinwil gebaute Audi-Formel-1-Bolide. Gestern Abend enthüllte das aus dem Sauber-Rennstall hervorgegangene Audi-Werksteam sein Auto in einer Präsentation in Berlin. Und viele hatten wohl ein Déjà-vu-Erlebnis, als das Auto nach diversen Interviews mit Audi-Chef Gernot Döllner, Mattia Binotto und Teamchef Jonathan Wheatley endlich enthüllt wurde. Es sieht farblich genau so aus wie das Konzeptauto, das im vergangenen November präsentiert worden war. Silber, Schwarz und Rot, mit einer klaren Kante – so kommt das Auto noch immer daher. Nun ist es einfach noch mit Sponsorenklebern versehen. Der Wow-Effekt blieb aus.
R26 heisst der Bolide im Audi-Jargon, mit dem Nico Hülkenberg und Gabriel Bortoleto am 8. März am GP von Australien in die neue Saison starten werden. In der vertrauten Sauber-Zählweise wäre es der C46.





Die Autos, die in solchen Shows gezeigt werden, entsprechen oft nicht den Modellen, mit denen die Teams in die Saison starten werden. Das war nun auch bei Audi nicht anders. Gezeigt wurde ein Showcar und nicht der tatsächliche R26, mit dem der Rennstall am 9. Januar bereits auf der Strecke war. In Barcelona absolvierte das Team den sogenannten Shakedown, wobei es um grundlegende Funktionstests ging und noch nicht um das Ausreizen der Limits. Bei den ersten Tests Ende Januar unter Ausschluss der Öffentlichkeit werden die Teams wohl nur mit Basismodellen fahren, die für die zweiten Tests in Bahrain im Februar noch deutlich weiterentwickelt werden. Niemand will Zeit verschenken – und niemand will der Konkurrenz früh genug alle Details am Auto zeigen.
Vollmundig und bescheiden gleichzeitig
1500 Mitarbeiter umfasst der Rennstall nun, wenn man die Motorenabteilung und die Ingenieurbüros in England auch hinzuzählt. Seine Ziele sind ambitiös, wie in der Präsentation noch einmal unterstrichen wurde: Audi will 2030 um den WM-Titel kämpfen können. Teamchef Jonathan Wheatley sagte sogar: «Wir wollen das erfolgreichste Team der Formel-1-Geschichte werden.»
Wheatley, der in seiner Karriere mit drei verschiedenen Teams schon acht WM-Titel bei den Konstrukteuren und elf bei den Fahrern miterlebte, attestiert dem Team einen aussergewöhnlichen Spirit – und gab sich nicht nur grossspurig, sondern nahm auch das Wort «Bescheidenheit» in den Mund. Genauso wie Mattia Binotto, Chef des F1-Projekts von Audi. «Wir sind erst am Anfang», sagte Binotto, «es geht in der ersten Saison nicht um eine Anzahl Punkte oder einen Rang, sondern um Bescheidenheit und darum, kontinuierlich zu lernen. Wir wollen kompetitiv werden und ein ernst zu nehmender Gegner für unsere Konkurrenten.»
Eine Reise ins Ungewisse
Prognosen für die neue Saison sind ohnehin schwierig bis unmöglich – nicht nur für Audi, sondern für alle Teams. Aufgrund von umfangreichen Reglementsänderungen konnten die Teams nicht einfach ihre Vorjahresautos überarbeiten, sondern mussten die Boliden komplett neu konstruieren. Kürzer und weniger breit sind sie als bisher, leichter ebenso, dazu hat sich viel an der Aerodynamik verändert. Die Autos dürften weniger Abtrieb haben als bisher, einem Konkurrenten näher zu folgen, soll einfacher werden, und statt den verstellbaren Heckflügel (als DRS bekannt) gibt es aktive Aerodynamikelemente, die der Fahrer während des Rennens verstellen kann.
Vor allem aber – und das war der Hauptgrund für den Audi-Einstieg – sind die Motoren komplett neu. Der Hybrid-Anteil ist höher geworden, sie liefern fast die Hälfte der Energie in elektrischer Form. Und sie funktionieren mit nachhaltigem Treibstoff.