Meinung

Geschichten, die in Erinnerung bleiben

Leben mit Dyskalkulie: Wenn ein Betroffener offen spricht

Diese Geschichten, Reportagen, Porträts, Geschehnisse und Schicksale haben unsere Redaktorinnen und Redaktoren 2025 nachhaltig geprägt. Heute: Ein Betroffener macht seine Rechenschwäche sichtbar.

Leben mit Dyskalkulie: Wenn ein Betroffener offen spricht

Diese Geschichten, Reportagen, Porträts, Geschehnisse und Schicksale haben unsere Redaktorinnen und Redaktoren 2025 nachhaltig geprägt. Heute: Ein Betroffener macht seine Rechenschwäche sichtbar.

Das Jahr 2025 nähert sich dem Ende. Auch in diesem Jahr blickt die Redaktion auf die spannendsten Momente, packendsten Geschichten und interessantesten Menschen zurück. In persönlichen Einblicken erzählen Redaktorinnen und Redaktoren von ihren High- und Lowlights. (zo)

«Warum willst du Journalistin sein?» – Diese Frage begleitet mich schon mein ganzes Berufsleben. Zugegeben, mit Blick auf die aktuelle Situation der Medienbranche ist sie nicht immer einfach zu beantworten. Aber ein wichtiges Argument dafür hat sich nie verändert: Ich liebe es, Geschichten über Menschen zu erzählen. Menschen, die beweisen, dass in jedem von uns etwas Besonderes steckt. Menschen wie Sie und ich.

Einer von ihnen ist Florian Klisanin. Seine Geschichte: Der Ustermer hat Dyskalkulie – landläufig Rechenschwäche genannt. Er meldete sich bei unserer Redaktion mit der Aufforderung, über die Lernstörung zu berichten. Denn: Im Gegensatz zu Legasthenie oder ADHS ist sie wenig bekannt – obwohl sie genauso häufig auftritt.

Obwohl wir Florians Geschichte spannend fanden, schoben wir sie mit der Begründung «zeitlos» auf die lange Bank. Der damals 20-Jährige aber blieb hartnäckig – zum Glück, wie ich heute sagen kann. Ich antwortete auf eine seiner E-Mails, und wir verabredeten uns in Uster auf einen Kaffee.

Zugegeben, ein wenig skeptisch war ich schon. Ich rechnete nicht damit, dass ein junger Mensch mitten in einem Café viel über sich persönlich preisgeben würde. Wir würden an der Oberfläche kratzen und vor allem über Dyskalkulie sprechen, war ich überzeugt.

Doch Florian belehrte mich eines Besseren. Wir hatten noch nicht einmal unsere Getränke bestellt, schon legte er los: Er erzählte von den Problemen im Matheunterricht, von Lehrern, die kein Verständnis zeigten, von der Diagnose, die ihm den Boden unter den Füssen wegzog.

Seine Geschichte sollte aber nicht die eines Betroffenen sein, der Mitleid erregen will. Sondern die eines Kämpfers, der anderen Mut machen will. Florian Klisanin lernte, mit der Rechenstörung zu leben, und eignete sich Hilfsmittel an, um einfacher durch den Tag zu gehen.

Und nicht nur das: Er wurde auch zum Botschafter seiner eigenen Schwäche. Heute veröffentlicht er auf Social Media regelmässig Beiträge zum Thema und darf an verschiedenen Veranstaltungen über seine eigenen Erfahrungen mit Dyskalkulie sprechen.

All das hat mir Florian bei besagtem Kaffee anvertraut, einer ihm völlig fremden Person. Ohne zu wissen, wie ich seine Geschichte meiner Leserschaft weitererzählen würde. Das Vertrauen, das ich an diesem Tag erfahren durfte, berührt mich noch heute und ermutigt mich, weiter meiner Leidenschaft nachzugehen.

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