Wieso sich die Wohnungsnot dem Schweinezyklus entzieht
Geschichten, die in Erinnerung bleiben
Diese Geschichten, Reportagen, Porträts, Geschehnisse und Schicksale haben unsere Redaktorinnen und Redaktoren dieses Jahr nachhaltig geprägt. Heute: Wo, Wo, Wohnige?
Es ist nicht eine einzige Geschichte, die ich an dieser Stelle herausheben möchte. Es ist vielmehr ein Thema, das mich (und ganz sicher viele Menschen in der Region) auch nach dem Feierabend beschäftigt. Das Thema Wohnen.
Beginnen wir mit einem kurzen Ausflug in die Makroökonomie und mit dem Begriff «Schweinezyklus». Das wohlklingende Wort geht zurück auf den deutschen Wirtschaftswissenschafter Arthur Hanau (1902–1985), der 1928 eine Dissertation über die Preisentwicklung von Schweinen verfasste.
Dabei beschrieb Hanau die regelmässigen Wellen, in denen sich die Preise für Schweine bewegen: Sind die Preise hoch, werden viele Züchter dies zum Anlass nehmen, mehr Schweine zu mästen. Sobald die Schweine schlachtreif sind, erhöht sich das Angebot. Da dieses aber auf eine unveränderte Nachfrage trifft, sinken jetzt die Preise. Als Folge ziehen sich viele Produzenten aus dem Markt zurück, wodurch das Angebot sinkt. Ein neuerlicher Nachfrageüberhang entsteht, und die Preise beginnen wieder zu steigen. Der Zyklus beginnt von vorne.
Im Immobilienmarkt wären wir jetzt an diesem Punkt. Die Nachfrage ist deutlich höher als das Angebot, die Preise sind stark gestiegen. Doch hier kommt der grosse Unterschied zwischen Schweinen und Häusern: Ein Schwein liegt nach fünf bis sechs Monaten in der Verkaufstheke des Dorfmetzgers oder in der Vitrine des Grossverteilers und kann den Trend (wenn auch unfreiwillig) brechen.
Bei Häusern dauert das länger, viel länger. Bau- und Zonenordnungen, Gestaltungspläne, Ortsbilder, Denkmalschutz, Rekurse und Einsprachen behindern die Bautätigkeit. Dazu kommen knappe Landreserven im Spannungsfeld zwischen Wohnraum, Landwirtschaft und Naturschutz.
Rund 300’000 Menschen wohnen in den Bezirken Uster, Pfäffikon und Hinwil. Experten des Kantons gehen davon aus, dass bis im Jahr 2050 weitere 60’000 Menschen dazukommen werden.
Grund und Boden ist ein Gut, das sich nicht in einem Schweinezyklus vermehren lässt und sich damit dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage entzieht. Ein Paradebeispiel dafür ist die Stadt Zürich, wo die Landreserven erschöpft und die Preise in teilweise absurde Höhen geklettert sind. Und da das Oberland als Überlaufbecken für die Stadt gilt, ist diese Entwicklung auch hier deutlich spürbar.
Wie lässt sich das Dilemma lösen? Weniger Regulierungen? Mehr Bauland? Kampf gegen Spekulation? Es wird viel diskutiert, manchmal pragmatisch, oft ideologisch gefärbt. Fakt ist, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Und so lange werde ich als Wirtschaftsredaktor weiter über sinkende Leerstände, steigende Eigenheimpreise und horrende Angebotsmieten schreiben. Wetten?
