Wo im Oberland bringen wir 60’000 Menschen unter?
Bevölkerungswachstum
Der Regierungsrat rechnet bis 2050 mit zwei Millionen Menschen im Kanton Zürich. Dieses Wachstum wird auch im Oberland stattfinden.
«Wachstum 2050» steht als Überschrift über dem Foliensatz, den wir von der Staatskanzlei des Kantons Zürich zugesandt erhalten haben. Es sind die Folien einer Klausursitzung des Zürcher Regierungsrats vom 6. September 2023 – und sie haben es in sich.
Bis 2050 rechnet die Zürcher Regierung mit einer Bevölkerungszahl von rund zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern im Kanton. Im Vergleich mit 2020 ist das eine Zunahme von 450’000 Menschen. Das entspricht ziemlich exakt einer weiteren Stadt Zürich, die im Kanton gebaut werden muss. Die «Neue Zürcher Zeitung» hatte diese Zahlen kurz vor Weihnachten veröffentlicht.
Dieses Plus von 450’000 Zürcherinnen und Zürchern ergibt sich aus drei Quellen: Nettozuwanderung aus dem Ausland (+220’000), Geburtenüberschuss (+200’000) und Nettozuwanderung aus anderen Kantonen (+30’000).

Die Bevölkerung des Kantons Zürich wird demnach um 28 Prozent wachsen. Doch der Regierungsrat hat auch das Wachstum in den Regionen prognostiziert und kommt im Zürcher Oberland und in der Region Winterthur gar auf ein Wachstum von 30 Prozent. In absoluten Zahlen sind das rund 52’000 Menschen mehr, die 2050 zwischen Uster und Rüti ansässig sind.

Die Städte Dübendorf und Illnau-Effretikon sind in dieser Rechnung nicht einmal enthalten. Dübendorf, Volketswil, Fällanden, Greifensee, Wangen-Brüttisellen und Maur gehören raumplanerisch zur Region Glattal, Illnau-Effretikon ist wie Lindau und Weisslingen ein Teil der Region Winterthur. Zählt man das Zürcher Oberland als Ganzes, darf man in den Bezirken Uster, Pfäffikon und Hinwil gut und gerne von einem Zuwachs von mehr als 60’000 Menschen ausgehen.
Ein neues Uster und ein neues Wetzikon
Das entspricht etwa der aktuellen Bevölkerungszahl von Uster und Wetzikon. Nur: Wo sollen all diese Menschen wohnen, wo arbeiten, wo und womit sollen sie mobil sein, wo in ihrer Jugend zur Schule gehen und wo in ihren letzten Jahren gepflegt werden? Es sind genau diese Fragen, mit denen sich die Stadt Wetzikon im Rahmen ihrer Ortsplanungsrevision beschäftigt.
«In dieser Revision haben wir einen Zeithorizont bis 2050. Wir rechnen bis dann mit 35’000 Einwohnerinnen und Einwohnern und etwa 16'000 Beschäftigten», sagt Stefan Lenz (FDP), Stadtrat und Leiter des Ressorts Hochbau und Planung. Damit werden in 25 Jahren 8000 oder gut 25 Prozent mehr Menschen in Wetzikon leben als heute.
In verschiedenen Workshops soll die Bevölkerung über das Wetzikon der Zukunft mitreden. Der erste von drei geplanten Workshops findet am 29. Januar statt und trägt den Titel «Zielbild 2050 Siedlung und Freiraum». «Wir möchten mit den Wetzikerinnen und Wetzikern die Vorschläge der Stadt diskutieren», erklärt Lenz. «Was wollen wir weiterentwickeln? Was soll bleiben? Wozu sollen wir Sorge tragen?» Um die Bevölkerung in diesen Prozess miteinzubeziehen, wurde eigens eine Website mit dem Namen «vielsichtig.wetzikon.ch» aufgesetzt.
Die 8000 zusätzlichen Menschen könnten in Wetzikon wohnen, ohne dass Kulturland in Bauzonen umgewandelt wird. Lenz sieht Potenzial in der Verdichtung bestehender Bauzonen und in gewissen Gebieten in der Umwandlung von heutigen Industriezonen in gemischte Wohn- und Gewerbezonen.
Unbebaute Reserven
Die Stadt weist noch mehrheitlich unbebaute Reserven im Siedlungsgebiet auf, so zum Beispiel das Gebiet Binzacher beim Bahnhof Kempten. Auch Gewerbegebiete wie dasjenige der Eugen Seitz AG in Kempten, das aufgrund des geplanten Firmenumzugs nach Pfäffikon frei wird, eröffnen Möglichkeiten von Umnutzungen.
Wenn man an Wetzikon denkt, dann denkt man schnell einmal ans GZO Spital, das um sein Überleben kämpft. Nach den Szenarien der Kantonsregierung steigt die Patientenzahl in der sogenannten Akutsomatik – das sind Leistungen in der Medizin, Chirurgie und Gynäkologie – von 240'000 auf 340'000 im Jahr 2050.
Um diese Zahl einzuordnen: 100'000 Patienten pro Jahr entsprechen achtmal dem Spital Limmattal in Urdorf. «Die Entwicklung der öffentlichen Infrastruktur muss mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten», stellt Stefan Lenz klar.
6000 zusätzliche Ustermerinnen und Ustermer
«Das Bevölkerungswachstum beschäftigt uns schon länger», sagt auch Rita Newnam, Stadtplanerin von Uster. «Wir planen, basierend auf den Vorgaben des kantonalen Richtplans, bis 2035 mit 6000 zusätzlichen Bürgerinnen und Bürgern.»
Uster wird demnach innert zehn Jahren von aktuell 36'000 auf 42'000 Einwohner anwachsen – für diese 6000 zusätzlichen Menschen sollen 2000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. So steht es im überarbeiteten kommunalen Richtplan der drittgrössten Stadt im Kanton.
Uster verfügt gemäss aktuellen Zonenplanvorgaben noch über Baulandreserven. Im neuen Richtplan sind deshalb momentan keine Einzonungen angedacht. Rita Newnam: «Das erwartete Bevölkerungswachstum wollen wir in erster Linie durch Verdichtung, Um- und Aufzonungen abfedern.»
Im Stadtzentrum sei diese Verdichtung bereits in vollem Gange, und auch in den Quartieren tue sich etwas: «Wir stellen fest, dass vermehrt Einfamilienhäuser abgerissen und durch Mehrfamilienhäuser ersetzt werden.»
«Letztlich müssen die Grundstücksbesitzer bauen»
Auch Dübendorf blickt in seiner Planung aufs Jahr 2035. Bis dann sollen in der Stadt 35’000 Menschen leben, 10 Prozent mehr als heute. Dübendorf ist gerade daran, die örtliche Bau- und Zonenordnung einer Gesamtrevision zu unterziehen.
Auch hier soll das Wachstum durch Verdichtung abgefedert werden. Das sagt Andrea Weber, stellvertretende Leiterin der Stadtplanung: «Wir können gar nicht anders. Das Schweizervolk hat 2013 die Revision des Raumplanungsgesetzes angenommen.» Das Gesetz besagt, dass keine zusätzlichen Bauzonen durch Einzonungen mehr geschaffen, sondern durch Verdichtung nach innen die vorhandenen Potenziale genutzt werden sollen.

Das geschieht durch die sogenannte Aufzonung bestehender Bauzonen, also die Zuweisung einer erhöhten Nutzungsmöglichkeit. Dadurch kann je nach Gebiet auch höher gebaut werden. «Aber letztlich sind es die Grundstücksbesitzer, die bauen müssen. Das können wir als Stadt nicht beeinflussen», schränkt Andrea Weber ein.
Die «Hüsli»-Schweiz werde in Dübendorf weiterexistieren. Aufgezont werde dort, wo die Anbindung an den öffentlichen Verkehr gut sei, so Weber: «Es gibt Stadtteile, in denen wir bewusst darauf verzichten und wo auch in Zukunft Einfamilienhäuser stehen werden.»
«Moderates Wachstum» in Effretikon
17’800 Einwohnerinnen und Einwohner hat Illnau-Effretikon aktuell. Die Zeichen stehen wie überall im Oberland auf Wachstum. «Moderates Wachstum», sagt Stadtpräsident Marco Nuzzi (FDP). Bis 2030 soll die Zahl auf 19’000 Menschen wachsen. «Wir streben Wachstum durch Verdichtung an», sagt auch Marco Nuzzi. Zeichen dieser Verdichtung sind die Kräne rund um den Bahnhof in Effretikon. Vor allem dort soll die Stadt wachsen.
Drei Szenarien für das Wachstum
Zurück zur Klausur des Regierungsrats vom September 2023. Die Präsentation, die dieser Zeitung vorliegt, zeigt drei mögliche Szenarien, wie das erwartete Bevölkerungswachstum im Kanton verteilt werden soll.

- Szenario I: Weiterentwicklung zentraler Lagen: In diesem Szenario konzentriert sich die Entwicklung wie bisher auf die grossen und mittelgrossen Städte. Möglich wäre dies nur über eine deutliche Verdichtung. In der Folge würde der Druck auf die Infrastruktur in den Städten stark zunehmen. Der Vorteil: Die Landschaft würde geschont, das Verkehrswachstum gedämpft. Der Nachteil: Ganze Quartiere müssten umgestaltet werden, preisgünstiger Wohnraum ginge verloren.
- Szenario II: Gleichmässige Verteilung: Das zweite Szenario ist ein raumplanerisches No-Go. Die neuen Einwohner werden in dieser Skizze gleichmässig über den ganzen Kanton verteilt. Die Folgen wären eine Zersiedelung, ein starkes Verkehrswachstum, der Verlust von Kulturland und hohe Investitionen in die Infrastruktur.
- Szenario III: Konzentration im ländlichen Raum: Hier würden in strukturschwächeren Gebieten – beispielsweise im Zürcher Weinland – mittels Einzonungen zusätzliche Kapazitäten geschaffen. Auch das wäre mit hohen Investitionen in die Infrastruktur und mit Verlust von Kulturland verbunden.
Im vergangenen April hat der Regierungsrat das Projekt «Wachstum 2050» gestartet. Darin will er die Fragestellungen angehen, die er in der Präsentation aufgeworfen hat. Erste Resultate will er bis 2027 vorlegen. Sie dürften auch in den Oberländer Gemeinden mit Spannung erwartet werden.