Wenn die Weltgeschichte einen Abstecher ins Tösstal macht
Geschichten, die in Erinnerung bleiben
Diese Geschichten, Reportagen, Porträts, Geschehnisse und Schicksale haben unsere Redaktorinnen und Redaktoren 2025 nachhaltig geprägt. Heute: der mit Spannung aufgeladene 90. Geburtstag des Dalai Lama.
Seit ich vor dreieinhalb Jahren zu dieser Redaktion stiess, um über das Geschehen im Tösstal zu berichten, hegte ich den Wunsch, über die tibetische Community zu schreiben. Deren Dreh- und Angelpunkt ist nicht ohne Grund die Gemeinde Zell.
Unter der Leitung von Jacques Kuhn, dem Erfinder des Dampfkochtopfs und Patron der Kuhn Rikon AG, entstand das Tibet-Institut in den 1960er Jahren. Die Idee: eine geistige Heimat für die in der Pfannenfabrik tätigen tibetischen Flüchtlinge zu schaffen. Es ist bis heute das einzige tibetisch-buddhistische Kloster in Europa, das unter der Schirmherrschaft des Dalai Lama steht.
Und dieses Jahr sollte sich mein Wunsch, darüber zu berichten, gleich doppelt erfüllen. So konnte ich nicht nur ein Interview mit dem Geschäftsleiter des Tibet-Instituts führen, sondern auch mit Jampa Samdho. Er präsidiert den Verein Lhasa Boys, der seit 50 Jahren am Albanifest Momos verkauft und die Erlöse an Projekte spendet, die der tibetischen Exilbevölkerung in Indien zugutekommen.
Sowohl für das Tibet-Institut als auch für den Kulturverein geht ein wichtiges Jubiläumsjahr zu Ende: Im Juli feierten beide den 90. Geburtstag des Dalai Lama. Zwar sagte mir diese Figur zuvor etwas, doch wusste ich bis zu meiner Berichterstattung nicht, in welch kompliziertes Kapitel Weltgeschichte dieses Jubiläum eingebettet ist.
Denn Nachbar China übt grossen Einfluss auf Tibet aus und betrachtet es als sein Hoheitsgebiet. Immer wieder versucht die Regierung, die tibetische Bevölkerung zu spalten. Experten wie Institutsleiter Peter Oberholzer fürchten, dass China nach dem Tod des aktuellen Dalai Lama eine chinesische Marionette installieren und diese als legitimen Nachfolger darstellen könnte.
Mit jedem weiteren Geburtstag des geistlichen Oberhaupts scheint die Spannung zu steigen – auch im Kloster beobachtet man den älteren Herrn genau. Denn wie die dereinstige Nachfolge vonstattengeht, beeinflusst auch die Zukunft des Instituts in Rikon.
Dass ein derart komplexes und emotional aufgeladenes Stück Weltgeschichte so eng mit dem Tösstal zusammenhängt, hat mich von Anfang an fasziniert und nicht losgelassen.
Für mich ist das ein ideales Beispiel dafür, wie sich das Lokale und das grosse Ganze gegenseitig bedingen, obwohl man beides auf Anhieb vielleicht nicht miteinander verbinden würde. Umso spannender fand ich es, für kurze Zeit in eine mir völlig fremde Welt einzutauchen – mit ein Faktor, der die Arbeit als Journalist für mich so spannend macht.
