Kulturhaus Central: Wenn die Bühne den Männern gehört
«Spiel mir das Lied von Uster»
Der Stadtpark Uster wird zum Wilden Westen. Das Kulturhaus Central inszeniert einen Spaghetti-Western und gibt ausschliesslich Männern das Wort. Ja, anscheinend darf man das.
Es ist doch heutzutage so: Wird ein Theaterstück aufgeführt, welches ausschliesslich Frauenrollen aufweist, wundert das niemanden mehr. Stehen jedoch im Jahr 2026 ausnahmslos Männer auf der Bühne, könnte man stutzig werden. Eine solche Besetzung fällt heute stärker auf als noch vor einigen Jahrzehnten, da viele Kulturinstitutionen heute stärker auf Diversität und Repräsentation achten.
Das hielt das Kulturhaus Central nicht davon ab, in der neuen Theaterinszenierung «Spiel mir das Lied von Uster» bloss Männern die Bühne zu überlassen. Miro Maurer, Sarah und Simon Brusis – die künstlerische Leitung des Hauses – haben zusammen mit Schauspieler Joachim Aeschlimann einen Western geschrieben. Dieser wird am Wochenende im Ustermer Stadtpark aufgeführt.
Mit «Wanted»-Plakaten im Stil der Filme aus den 1960er Jahren werben sie für das Stück, welche auch mit der Nostalgie des Publikums spielen soll. «Westernfilme haben viele Menschen geprägt: Coole Revolverhelden im Kampf zwischen Gut und Böse», sagt Miro Maurer. «Wer wollte als Kind nicht auch ein Cowboy sein?» Mit dieser Eigenproduktion verfolgen die Kunstschaffenden aber keine Wiedergeburt des verstaubten Genres, sondern lehnen sich an die Anti-Bewegung an.
Doch erstmal zum Theaterstück selbst. Die Geschichte ist simpel: Drei Männer kommen in eine verlassene Westernstadt, jeder von ihnen will einen Bären erlegen. Weit und breit keine Frau. Gezeigt werden verschiedene Bilder der Maskulinität, die für Filme aus dem Wilden Westen so ausschlaggebend sind. Gute Typen, die vielleicht gar nicht so gut sind, böse Typen, die noch viel grausamer auftreten. So scheint es zumindest auf den ersten Blick. Denn mit der Zeit entpuppen sich die Charaktere bei «Spiel mir das Lied von Uster» als gar nicht mehr so hart. Vor allem stellt sich im Verlauf des Stücks immer mehr die Frage: Wofür steht der Bär eigentlich?
Das Problem mit dem Western
Auch wenn der Spaghetti-Western als Kult in der Filmindustrie zählt, liegt seine Blütezeit ein paar Jahrzehnte zurück. Er erntete auch immer wieder Kritik. Beispielsweise, weil Kolonialverhältnisse romantisiert wurden; der US-Amerikaner galt als der zivilisierte Held, Indigene als die wilden Feinde, die vertrieben werden mussten. Zudem hatte die Frau oft eine unbedeutende Rolle als Saloon-Dame oder Prostituierte, wenn sie dann überhaupt vorkam. Umso mehr verhärtete sich das Bild des Manns, der Probleme nur mit Mut und Gewalt lösen kann. Durch diese Darstellung hatte sich in der Industrie sogar eine Gegenbewegung formiert: Der Anti-Western verabschiedete sich von glorifizierten Helden und der romantisierten Eroberung des Westens. Er richtet den Blick auf die oftmals düsteren und brutalen Realitäten jener Zeit.
Heute hat man in der Gesellschaft und in der Kultur ein stärkeres Bewusstsein für problematische Rollenbilder von Männern und Frauen. Deshalb könnte man sich bei der Inszenierung des Central grundsätzlich fragen, ob eine solche Aufführung überhaupt noch zeitgemäss ist. Ausschlaggebend ist hierbei die emotionale Tiefe der Protagonisten.
Denn es geht bei «Spiel mir das Lied von Uster» nicht nur um in Eimer spuckende Cowboys und grimmig schauende Ganoven. Die Kulturschaffenden wollen dadurch über die Rolle des Manns in der heutigen Gesellschaft sprechen. Darüber, dass Männer das Gefühl bekommen, an allem schuld zu sein, dass sie in gewissen Kreisen gar nicht mehr erwünscht sind und nicht zuletzt über die sogenannte Mannosphäre; ein anti-feministisches Netzwerk, das sich in den letzten Jahren gefährlich rasant radikalisiert hat und bei welchem der extreme Frauenhass dominiert.
Keine Provokation, sondern aktuelle Thematik
«Beim Theaterstück geht es nicht darum, toxische Männlichkeit zu feiern», erklärt Regisseurin Sarah Brusis, die beim Stück mitgeschrieben hat. «Aber es geht eben auch nicht darum, Männer an sich zu verurteilen.» Deshalb werden zwar die Cowboys und ihre stoische Männlichkeit gezeigt, aber auch, was sich hinter der Fassade eines solchen Menschen verbirgt. «Wir wollen damit dieses Bild des Manns brechen und tiefer in die Persönlichkeit solcher Figuren blicken», sagt sie. «In klassischen Westernfilmen erfährt man eigentlich selten etwas über das emotionale Innenleben des Protagonisten.»
Also nochmals zusammengefasst: Das Stück erkundet verschiedene Formen von Männlichkeit und fragt, was es heute alles bedeuten kann, ein Mann zu sein. Und damit könnte das Central dem einen oder anderen aufs Gemüt schlagen: Männern, die sich falsch dargestellt fühlen. Frauen, die sich über eine fehlende Repräsentation ärgern. Anti-Feministen, die den Ansatz lächerlich finden. Feministinnen, die eine solche Inszenierung ohne Gegenstimme als problematisch einstufen. Und natürlich Western-Fans, die das Genre erst gar nicht hinterfragen wollen.
Da drängt sich die Frage auf, wieso das Central sich einem solch heiklen Thema annehmen will. Gerade jetzt, wo es Erfolge feiern konnte, wie etwa die Verdoppelung der Publikumszahlen, und sich in der Ustermer Kulturszene etabliert hat. «Das Thema Männlichkeit und der Kampf der Geschlechter – auch in einer politischen Dimension – ist heute aktueller und problematischer denn je. Deswegen haben wir dieses Thema ausgewählt», erklärt Sarah Brusis. «Es geht uns nicht um eine Provokation, sondern darum, dass wir uns mit diesem Thema beschäftigen müssen», ergänzt Maurer.
Die Kulturschaffenden sprechen davon, dass heute eine starke Polarisierung zu beobachten sei, häufig die Pole jedoch gar nicht mehr miteinander kommunizieren würden. Gleichzeitig gebe es heute viele Theaterstücke, die eine klare Position und Moral widergeben, diese aber bloss von Gleichgesinnten besucht werden. «So entsteht aber kein Diskurs», sagt die Regisseurin.
Zugänglich für alle?
Diese Thematik – so aktuell und relevant sie auch sein mag – scheint mit Fettnäpfchen gespickt zu sein. Nervös? «Nicht wirklich», sagt Simon Brusis. «Ziel dieses Stücks ist es, die Polarisierung ein Stück weit aufzulösen und ein breites Publikum zu einem Diskurs anzuregen.» Die Kulturschaffenden gehen schon davon aus, dass es ein paar Besucherinnen und Besucher geben wird, die voreingenommen kommen und sich bloss ein Versagen seitens der Theaterleute beweisen lassen wollen.
Auch wenn es sich um eine geladene Angelegenheit handelt, spielt ein Aspekt eine wichtige Rolle: Unterhaltung. «Bei dieser Produktion war es uns äusserst wichtig, nicht nur den gängigen Theaterkreis anzusprechen, sondern wirklich die gesamte Bevölkerung», erklärt Maurer. Man könne sich daher einfach einen schönen Abend im Stadtpark machen. Doch es gebe auch den ausgeklügelten Witz, für die, welche einen intelektuellen Anspruch hätten.
Ausserdem stehen nicht bloss Maurer, Brusis und Aeschlimann auf der Bühne. Begleitet werden die Schauspieler von der Rockabillyband The Peacocks: Hasu Langhart, Simon Langhart und Jürg Luder. Mit ihrer Musik werden sie einen grossen Teil der Inszenierung ausmachen.
Niederschwellig soll das Stück nicht nur in der inhaltlichen Umsetzung sein, sondern auch in der physischen. Was würde sich besser für einen öffentlichen Diskurs eignen als der Ustermer Stadtpark. «Viele laufen einfach dran vorbei. Es ist also sehr zugänglich und nicht nur für die konzipiert, welche sowieso ins Theater gehen», sagt Simon Brusis. Das Theater ist grundsätzlich kostenlos, Platz habe es genug.
Der Wilde Westen im Ustermer Stadtpark
Mit dem Schreiben haben die vier erst kürzlich im Mai angefangen, also kurz vor den Proben. «Das hat einen grossen Vorteil», sagt Joachim Aeschlimann. «Der Text bleibt dynamisch, wir merken gleich beim Proben, was uns gefällt oder eben nicht.» Gleichzeitig sei das auch die grösste Schwierigkeit: «Bei einem etablierten Text weisst du, dass er funktionieren wird.» Man wisse, dass das Stück verständlich sei, dass die Pointen landen und dass es funktioniert. «Aber bei einem neu entwickelten Theater kann man das erst im Nachhinein sagen.»
Apropos Schwierigkeiten: Ganz so einfach ist das ganze Vorhaben nicht. Das Central-Trio muss neben den Proben auch den Central-Betrieb führen und gleichzeitig den Stadtpark in eine Wilde-Westen-Szenerie verwandeln. «Wir stemmen gerade ziemlich viel allein», sagt Sarah Brusis. «Aber diese Idee hatten wir schon so lange, und wir freuen uns extrem, sie endlich umsetzen zu können.»
Aber was hat das Stück mit Uster zu tun? «Die Bevölkerung aus Uster wird wohl Anspielungen und Witze erkennen oder einem Ortsteil zuordnen können», erklärt Maurer. «Es ist aber keine Voraussetzung, um die Geschichte zu verstehen.»
«Spiel mir das Lied von Uster»
Die Theaterinszenierung findet von Freitag, 26. Juni, bis Sonntag, 28. Juni, jeweils um 20.30 Uhr unter freiem Himmel im Stadtpark Uster statt. Wer sich einen Sitzplatz reservieren will, kann sich ein Ticket für 25 Franken auf www.centraluster.ch kaufen. Jedoch sind alle Abende kostenlos. Es wird lediglich eine Kollekte aufgestellt, alle sind willkommen. Ob Regen, Sonne oder Apokalypse: Das Theater findet so oder so statt.
Neben der Aufführung im Stadtpark wird das Stück auch im Kurtheater Baden aufgeführt. Am Freitag, 4. September, um 20 Uhr. Das Ticket kostet dort 45 Franken.
Der Name des Stücks ist übrigens an den Klassiker «Spiel mir das Lied vom Tod» angelehnt. Der Italo-Western wurde von Sergio Leone und Dario Argento entwickelt. Rund um den Bau einer Eisenbahnlinie erzählt der Film von Rache, Gier, Mord und von vier Figuren, deren Schicksale untrennbar miteinander verbunden sind. (mgp)