Was katholische Frauen wollen
Figur im Hintergrund?
Der Bischof von Chur behauptete kürzlich in einem Interview, dass Frauen mit ihrer aktuellen Position in der Katholischen Kirche erfüllt seien. Gläubige Frauen im Oberland sind da anderer Meinung.
Das weibliche Engagement im Christentum ist kein Phänomen der Moderne. Schon bei der Kreuzigung von Jesus Christus – nur um ein Beispiel zu nennen – waren es Frauen, die an seiner Seite blieben. Jesus’ Jünger hingegen flohen alle, als dieser verhaftet wurde, wie es im Markusevangelium geschrieben ist. So waren die ersten Zeuginnen der Auferstehung Frauen, wie etwa Maria Magdalena.
Und obwohl Frauen das Christentum von Anfang an mitgeprägt haben, wurde ihnen eine Vielzahl von Ämtern verwehrt. In der Schweiz gibt es in der Reformierten Kirche Pfarrerinnen erst seit ein paar Jahrzehnten.
Rosa Gutknecht und Elise Pfister waren die ersten ordinierten Frauen überhaupt. Die Theologinnen wurden im Jahr 1918 zu reformierten Pfarrerinnen, hätten jedoch lediglich einspringen können, wenn alle männlichen Kollegen ausgefallen wären.
Ab den 1960er Jahren (abhängig vom Kanton) durften Frauen auch selbst ein Pfarramt leiten. Nicht jedoch bei der Römisch-katholischen Kirche. Denn dort ist heute nach wie vor das Amt des Priesters ausschliesslich Männern vorbehalten.
Eine Frau darf in der Kirchgemeinde tätig sein, in der Synode politisch mitwirken, sie darf als Nonne dienen, ja, sie kann sogar heiliggesprochen werden. Doch wer eine Priesterin weiht, wird exkommuniziert.
Bischof Bonnemains Behauptung
Die Diskussion nach der Gleichberechtigung im Klerus kann noch heute zu Spannungen führen, was jüngst eine Podiumsdiskussion in Dürnten deutlich machte.
Dort war der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain zu Besuch und sprach über «Die Position der Katholischen Kirche in der modernen Welt». Ein Gast aus dem Publikum fragte, warum die Frauenweihe generell diskutiert werde, wenn die Kirche sie dogmatisch längst ausgeschlossen hat.
In einem Interview fragten wir Bischof Bonnemain gleich direkt, ob er Frauen kenne, die sich als Priesterinnen eignen würden. Darauf antwortete er:
Es gibt tatsächlich hochqualifizierte und kirchlich engagierte Frauen, die ich sehr schätze. Ich gehe davon aus, dass, wenn ich sie fragen würde, ob sie Priesterinnen werden möchten, sie kein Interesse hätten. Weil sie sich bereits heute in dem, was sie tun und wo sie es tun, voll engagieren und erfüllt sind.
Diese Aussage wollten wir überprüfen, also erkundigten wir uns bei katholischen Frauen in der Region. Die Befragten unterscheiden sich in ihren Ämtern, Funktionen und Haltungen, nicht aber in ihrem Glauben.
Anrecht auf hohe Ämter
Synodenmitglied Catarina Fehlmann-Alegria aus Wildberg ist auch Mitglied der Katholischen Kirchenpflege und Pfarrkirchstiftung Turbenthal. Sie ist eine dieser Frauen, denen Bischof Bonnemain in einem Punkt recht gibt: «Ich glaube nicht, dass viele Frauen Interesse daran hätten, Priesterinnen zu werden.» Trotzdem ist sie sich sicher, dass es solche Frauen gibt.
Die Frauenweihe ist ihrer Ansicht nach keine dringende Priorität. «Der Bischof würdigt die Rolle der Frau bereits und setzt sich für sie ein.» Und eigentlich hätten katholische Frauen in der Schweiz ein Anrecht auf hohe Ämter.
Tatsächlich ist es so, dass die Schweizerinnen Vorteile gegenüber Frauen in den Nachbarländern haben. In der Römisch-katholischen Kirche in Deutschland beispielsweise ist die formale Pfarrleitung geweihten Personen vorbehalten. In der Schweiz hingegen kann auch eine Frau eine Pfarrei leiten, wie etwa Monika Schmid, die bis zu ihrer Pensionierung 2022 für 37 Jahre Gemeindeleiterin der Katholischen Kirche St. Martin in Effretikon gewesen war.
«Viele Männer haben bereits eingesehen, dass es die Frauen in der Kirche braucht», sagt Fehlmann-Alegria. Sie sieht das Engagement der Frauen als das Fundament der Kirche an. «Ohne Frauen wären zahlreiche Angebote gar nicht erst möglich.» Ein Aspekt, den sie jedoch kritisch bei der Weihe von Frauen sieht, ist das Zölibat.
Vom Wunsch, dabei zu sein
Aber was hat das Zölibat überhaupt mit der Weihe an Frauen zu tun? «Frauen bekommen nun mal Kinder», erklärt Stefanie Huber (GLP). Sie arbeitet beim «Grünen Güggel» als Umweltbeauftragte für die Kirchen im Kanton. Ausserdem ist sie Lektorin in der Katholischen Kirchgemeinde Dübendorf-Fällanden-Schwerzenbach und Kantonsrätin. «Bei einer Frau ist eine Vertuschung eines Kinds, im Gegensatz zu Männern, unmöglich», sagt sie.
Dass Priesterinnen in der Katholischen Kirche nicht erlaubt sind, sieht sie als grossen Wermutstropfen. «Gleichberechtigung existiert in politischen und organisatorischen Aspekten», erklärt Huber. «Nicht jedoch in der Seelsorge.»
Ich will die Kirche unbedingt mitprägen.
Stefanie Huber (GLP)
Die Aussage des Bischofs empfindet sie als aus der Luft gegriffen. «Wenn ich schon im Leben stehe, werde ich nicht alles umkrempeln, um doch noch Priesterin zu werden.» Doch als Kind wollte Huber einmal genau das: Priesterin werden. Bald musste sie sich von diesem Wunsch verabschieden.
Ein Mitglied in der Katholischen Kirche zu bleiben, war ein bewusster Entscheid. «Ich habe schon darüber nachgedacht, auszutreten», erzählt Huber. «Aber aus Protest, sozusagen, bin ich trotzdem geblieben.» Denn wäre sie ausgetreten, hätte sie ihre Stimme verloren. «Ich will die Kirche unbedingt mitprägen.» Sie fand eine Alternative, die sie ebenso erfüllte: als Umweltbeauftragte.
Der reflektierte Schlussstrich
Anders handelte Francesca Stockmann. Sie war einst Präsidentin des Katholischen Frauenvereins Dübendorf. Und heute ist sie Ex-Katholikin. «Ich bin aus Protest aus der Kirche ausgetreten, weil Frauen noch immer nicht überall zugelassen sind.»
Obwohl Frauen in der Institution stets eine essenzielle Rolle gehabt hätten, würde sie die Katholische Kirche lediglich die «Drecksarbeit» machen lassen. «Dafür gibt es Priesterinnen und Schamaninnen schon so lange, wie die Menschheit selbst», sagt Stockmann. Priesterin zu werden, hätte sie sich gut vorstellen können. «Es geht doch gar nicht um das Geschlecht», erklärt sie. «Sondern um Hingabe und die Spiritualität.»
Stockmann äussert reichlich Kritik an den klerikalen Strukturen. Trotzdem findet sie die Arbeit der Kirche wichtig, denn diese setzt sich für Benachteiligte ein und hilft, ohne zu urteilen. Deswegen ist sie in der Reformierten Kirche aktiv. «Dort sind die Strukturen etwas besser.»
Die Seelsorgerin – oder die Nicht-ganz-Priesterin
Wir fragten auch bei Frauen nach, die dem Priestertum theoretisch am nächsten sind: Seelsorgerinnen. Patricia Machill beispielsweise ist als solche in der Katholischen Pfarrei in Hinwil und als Gefängnisseelsorgerin tätig. Sie hat Theologie studiert und weist dieselbe Ausbildung auf wie ein geweihter Priester.
Sie darf Gottesdienste leiten, Beerdigungen durchführen, die gewandelte Hostie verteilen, aber keine Eucharistiefeier feiern, bei der Brot und Wein gewandelt werden. Sie steht den Menschen ihrer Kirchgemeinde bei, darf jedoch kein Sakrament spenden. Also unter anderem keine Taufe, keine Trauung, keine Krankensalbung und kein Sakrament der Versöhnung nach einer Beichte.
Die Menschen aus der Kirchgemeinde müssen entscheiden, ob man geeignet ist oder nicht.
Patricia Machill, Seelsorgerin Pfarrei Hinwil
«Manchmal kommt es mir vor, als würden wir mit Magie hantieren und nicht mit Religion», sagt Machill, weil man die Priesterweihe brauche, von welcher per se alle Frauen ausgeschlossen sind.
Obwohl Machill nie den Wunsch verspürte, reformiert zu werden, ist ihr deren Handhabung einiges näher: «Die Menschen aus der Kirchgemeinde entscheiden, ob man geeignet ist oder nicht», sagt sie. «So sollte es doch auch sein.»
Für die Seelsorgerin ist klar, dass sie Priesterin hätte werden wollen. Doch auch wenn sie manchmal den Wunsch verspürt, Sakramente zu spenden, würde sie es unter den jetzigen Umständen nicht sein wollen. Sie hatte bereits mit vielen Austretenden zu tun, die Gründe konnte sie stets nachvollziehen. «Es sind oft auch meine Kritikpunkte.»
Machill spricht ausserdem über Gerechtigkeit oder genauer gesagt über die Ungerechtigkeit, die viele Menschen betrifft. «Wir berufen uns eigentlich auf einen Menschen, der Gerechtigkeit und Menschenfreundlichkeit gelebt hat: Jesus Christus», erklärt sie. «Doch trotzdem basieren viele unserer Praktiken auf Ungerechtigkeit.»
Damit meint sie nicht nur die von der Priesterweihe ausgeschlossenen Frauen oder die geheim gehaltenen Partnerinnen und Kinder von Priestern, sondern kritisiert auch den Umgang der Kirche mit wieder verheirateten Geschiedenen und Menschen aus der LGBTQIA+-Gemeinschaft. Sie ist davon überzeugt, dass das alles nicht im Sinne von Jesus sei.
Eine Initiative über Landesgrenzen hinaus
Nur schon die Benutzung des englischen Akronyms für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intergeschlechtliche und queere Menschen könnte dem einen oder anderen die Haare zu Berge stehen lassen. Doch Patricia Machill ist in ihrem Fortschritt ganz bestimmt nicht allein. So, wie sie, empfinden viele.
Man muss sich äusserst wenig mit der Katholischen Kirche befasst haben, wenn einem das Anliegen der Frauenweihe – oder die generelle Abschaffung – fremd sein sollte. Viele, mit denen wir für diesen Artikel gesprochen haben, machten uns auf Folgendes aufmerksam: die Junia-Initiative. Diese setzt sich für die Ordination von Frauen in der Katholischen Kirche ein. Und dabei geht es eben nicht nur um die Frauenweihe, sondern auch um die Inklusion aller Menschen.
Die Initiative wird unter anderem von der Römisch-katholischen Kirche im Kanton Zürich und dem Catholic Women’s Council (CWC) unterstützt. Letzteres ist ein globales Netzwerk, das sich für die Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche starkmacht und in verschiedenen Ländern vertreten ist – sogar der Vatikan hätte also davon gehört haben können.
Ein allgemeines Urteil über die Weihe von Frauen lässt sich nicht abschliessend definieren. So haben wir im Rahmen dieser Recherche auch mit einer Seelsorgerin gesprochen, die gänzlich für die Abschaffung der Weihe ist, egal ob Mann oder Frau. Sie hinterfragt das kirchliche Verständnis der Weihe kritisch, unter anderem die Unwiderrufbarkeit. Sie spricht sich stattdessen für eine auf die konkrete Arbeitsstelle bezogene Beauftragung zum sakramentalen Dienst aus, bei der die Bedürfnisse vor Ort in der Pfarrei eine grössere Rolle spielen sollten. Sie wollte nicht im Artikel erscheinen.
Deutlich wurde bei den Gesprächen, dass viele erstaunt über die Aussage des Bischofs waren. Nicht selten hörten wir: «Er weiss doch ganz genau, dass es ein Anliegen ist.»
Und was sagt Bonnemain dazu?
Deshalb fragten wir bei ihm nochmals nach. «Selbstverständlich weiss ich, dass es Frauen gibt, die gerne Priesterinnen werden möchten», sagt er. «Ich habe in meiner Antwort von hochqualifizierten und kirchlich engagierten Frauen gesprochen, die ich sehr schätze. Das war nicht direkt auf Frauen bezogen, die Priesterinnen werden möchten.»
Er sei überzeugt, dass als Christinnen und Christen alle dazu berufen sind, das Leben im jeweiligen Moment voll und ganz zu leben. Man brauche nicht auf andere Umstände, Entwicklungen und Möglichkeiten zu warten, um sich zu verwirklichen. «In meiner Antwort versuchte ich, das zum Ausdruck zu bringen», erklärt er auf Anfrage. «Das heisst, jede Situation, jede Tätigkeit voll bewusst als Ort der Gottesbegegnung und als Beitrag für das Gelingen des Lebens der anderen zu verstehen, kann uns erfüllen.»
Wir wollten auch wissen, ob er Priesterinnen weihen würde, wenn es nur nach ihm ginge. «Ich bin Bischof der Katholischen Kirche. Diese Frage betrifft die ganze Kirche, und ich kann und will nur das verantworten, wovon die gesamte Kirche überzeugt ist.»