Frauenfrage, Drogenhilfe, Nachwuchs: Der Bischof bezieht Position
Im Interview spricht Bischof Joseph Maria Bonnemain offen über Diakonie, Drogenhilfe und den Priesternachwuchs – und zeigt, wo die Kirche jetzt mutige Schritte gehen muss.
Viele Katholikinnen und Katholiken pilgerten am Mittwochabend nach Tann, um dort «ihren» Bischof hautnah zu erleben. Sie wurden denn auch nicht enttäuscht. Joseph Maria Bonnemain, Bischof des Bistums Chur und damit auch des Kantons Zürich, zeigte sich volksnah und stand den brennendsten Fragen – mit charmantem spanischem Akzent – Rede und Antwort.
Auch uns beantwortete er einige Fragen zur Position der Katholischen Kirche in der modernen Welt sowie konkret im Oberland.
Herr Bischof, die Diakonie, der Dienst am Menschen, gilt als eine der Grundsäulen der Kirche. Welche konkreten sozialen Projekte wurden im letzten Jahr im Bistum priorisiert, und welche neuen Initiativen sind für die nahe Zukunft geplant?
Bischof Joseph Maria Bonnemain: Die Benachteiligten sind in unserem Verständnis nicht Objekt der kirchlichen Hilfe, sondern sollten Protagonisten des Kirche-Seins werden. Im letzten Jahr haben wir zustande gebracht, dass die Bündner Landeskirche eine Diakonie-Dienststelle geschaffen hat und dass die Schwyzer Landeskirche die Diakonie auf Kantonsebene verankert hat, was eine solide Basis garantiert. Noch während des Bistumsjahrs ist bereits eine Zusammenarbeit mit der Fastenaktion lanciert worden, damit im Rahmen der diesjährigen Kampagne ein konkretes Projekt im Bistum ausgewählt und porträtiert wird. Dazu werden noch besondere Veranstaltungen stattfinden.
In Chur ist die offene Drogenszene ein präsentes Thema. Wie bringt sich das Bistum hier konkret ein?
Ich habe persönlich die Betroffenen der Drogenszene in Chur besucht und mit ihnen sowie den zuständigen Sozialarbeitern und Streetworkern gesprochen. Ihre Situation ist mir daher sehr bewusst, und ich bin besorgt. Auf der anderen Seite sehe ich die Bemühungen des Stadtrats Chur, und wir versuchen im Rahmen unserer Möglichkeiten, diese bestmöglich zu unterstützen. Aus meinem Besuch im Stadtgarten Chur entstand das Engagement unserer Theologischen Hochschule Chur (THC). Seit einigen Monaten besucht eine Gruppe Studierender und Dozierender der THC regelmässig die Suchtbetroffenen im Stadtgarten und ist präsent.
Wie kann die Diakonie speziell das Oberland prägen?
Die Diakonie braucht vor allem Vernetzung. Alle Akteure müssen eng zusammenarbeiten. Das heisst, die verschiedenen Kirchen und Konfessionen, Religionen, die Politik und soziale Einrichtungen sollten eng zusammenwirken.
Mit welchen Partnern – Politik, Vereine, Ökumene – stehen Sie dort aktuell im Gespräch?
Die Initiative im Zürcher Oberland soll von den einzelnen Pfarreien ausgehen. Das möchte ich als Bischof nicht vorgeben, sondern ihnen überlassen.

In Ihrem Bistum arbeiten viele hoch qualifizierte Frauen im kirchlichen Dienst. Hand aufs Herz: Gibt es Frauen in Ihrem Umfeld, bei denen Sie persönlich denken: «Sie wäre eigentlich eine hervorragende Priesterin»?
Es gibt tatsächlich hoch qualifizierte und kirchlich engagierte Frauen, die ich sehr schätze. Ich gehe davon aus, dass, wenn ich sie fragen würde, ob sie Priesterinnen werden möchten, sie kein Interesse hätten. Weil sie bereits heute in dem, was sie tun und wo sie es tun, sich voll engagieren und erfüllt sind.
Wenn die Frauenweihe (vorerst) keine Option bleibt: Wie sieht Ihr konkreter Plan aus, um das Nachwuchsproblem zu lösen?
Es gibt nirgends Patentrezepte. Die Geschichte des Christentums ist seit Anfang an keine Unternehmens-, sondern eine Erfolgsgeschichte, die auf der Anziehungskraft und Ausstrahlung ihres Gründers beruht. Menschen, die eine persönliche Beziehung, ich würde sagen, Freundschaft mit Jesus Christus pflegen, haben ein Charisma, das begeistert und mitreisst. Wir brauchen dieses Zeugnis und solch glaubwürdiges Verhalten, dann haben wir kein Nachwuchsproblem mehr.