Abo

Meinung

Bekenntnisse einer Ex-Katholikin

Ohne Frauen wäre die Kirche bedeutungslos

Die Redaktorin war ursprünglich aus Überzeugung Katholikin. Doch als Erwachsene trat sie aus der Kirche aus. Nach ihrer aktuellen Recherche kommt sie ins Grübeln.

Der Text «Was katholische Frauen wollen» bewegte die Redaktorin dazu, selbst eine Beichte abzulegen.

Foto: Mel Giese Pérez

Ohne Frauen wäre die Kirche bedeutungslos

Bekenntnisse einer Ex-Katholikin

Die Redaktorin war ursprünglich aus Überzeugung Katholikin. Doch als Erwachsene trat sie aus der Kirche aus. Nach ihrer aktuellen Recherche kommt sie ins Grübeln.

Mein halbes Leben lang war ich sehr religiös. Eine römisch-katholische Christin mit lateinamerikanischem Einfluss. Und auch wenn ich sozusagen in den Glauben hineingeboren wurde, war ich mir meines Werdegangs immer bewusst.

Ich wurde erst mit sechs Jahren getauft. Zum einen aus finanziellen Gründen. Zum anderen, weil es meinen Eltern wichtig war, dass es in ihrer Heimat Bolivien geschah. In derselben Kirche, in der sie geheiratet hatten.

Die Kirche in Riberalta.
Die Kathedrale auf dem Dorfplatz in Riberalta hat meine Familiengeschichte geprägt.

Schon als Kind betete ich vor dem Schlafengehen. Obwohl meine Eltern manchmal über Jesus sprachen, war mein frommes Wesen keine elterliche Indoktrin. Es war mein Glaube.

Bolivien hatte mich bestimmt beeinflusst. Eine meiner Grossmütter betete täglich einen Rosenkranz, manchmal mehrmals. Dort ging ich auch jeden Sonntag in die Kirche und erlebte eine Marienprozession: Alle sangen Gebete, vier Männer trugen die Statue auf den Schultern durch das ganze Dorf. Im Anschluss wurde die heilige Maria im Wohnzimmer meiner Grossmutter platziert. Gäste blieben zu Speis und Trank, die Haustür stand die ganze Nacht für Betende offen.

Bei meiner ersten Kommunion – in Leimbach – war ich eine der wenigen, die zur Feier kein Geld oder «es neus Velo» bekamen. Ich war eben einfach überzeugte Katholikin, die ihr Sakrament empfing.

Ein Kind in Erstkommunion-Montur.
Meine Erstkommunion war für mich ein freudiges Ereignis.

Ebenso bei meiner Firmung. Doch bereits damals drückte der Schuh. Um zuvor alle Zweifel abzulegen, sollten wir dem Churer Bischof – das ist über 20 Jahre her – einen Brief schreiben. Mit möglichen Fragen oder Bedenken.

Eine brannte mir unter den Nägeln: «Stimmt es wüki, dass Gott d Homosexualität verurteilt?» Dies konnte und wollte ich nicht glauben. Mein Gott würde niemanden für das schönste Gefühl der Welt verurteilen: die Liebe. Also schüttete ich mein Herz auf dem Briefpapier aus und wartete hoffnungsvoll auf eine Erklärung. Vergebens.

Zunächst redete ich mir ein, es handle sich wohl um eine Übung, bei der es gar nicht um Antworten ging. Vielleicht sollte man seine Zweifel mit sich selbst ausmachen. So, wie wenn Mamis behaupten: «Also wänn du an Samichlaus glaubsch, denn existiert er au.» Also liess ich mich firmen. Im Nachhinein erfuhr ich, dass alle eine handgeschriebene Rückmeldung erhalten hatten. Nur ich nicht.

Auf diese Enttäuschung hin folgten weitere, wie etwa die Verurteilung der Sexualität und die Verbannung von Verhütungsmitteln. Oder die Fälle von Missbrauch, denn, seien wir ehrlich: Diese Missstände sind nicht erst seit ein paar Jahren bekannt. Und selbstverständlich auch die strukturelle Diskriminierung der Frau. Wieso sonst sollte sie nicht Priesterin werden dürfen.

Als junge Erwachsene wollte ich die Bibel erneut lesen und mit meinen Grundwerten abgleichen. Doch schon im dritten Kapitel von Genesis wurde mir schlecht: «Nach deinem Mann hast du Verlangen / und er wird über dich herrschen.» Ein Satz, der exemplarisch für ein Deutungsmuster steht, das bis heute die kirchliche Praxis prägt.

Eine Passage aus der Bibel dem Buch Genesis.
Im Buch Genesis 3,16 macht Gott deutlich, dass die Frau ein Leben voller Leid führen wird. Danke dafür, Schöpfer.

Ich wandte mich an meine Kirchgemeinde im Limmattal und sprach davon, austreten zu wollen, da ich nicht mehr hinter der Kirche stehen konnte. In der Hoffnung, dass mich der Pfarrer wieder beruhigte, erläuterte ich meine Gründe schriftlich. Es heisst schliesslich immer, dass die Geistlichen das Gespräch suchen würden, um ja keine Mitglieder zu verlieren.

Dem war nicht so. Erneut war es für die Institution einfacher, zu schweigen und mich gehen zu lassen. Da stand ich also, konfessionslos, von einem Tag auf den anderen, nach jahrelangem Glauben.

Meine Entscheidung bereue ich nicht. Die Kirche hält meiner Meinung nach an veralteten Werten fest, die jegliche Ethik verfehlen – wie etwa die der Nächstenliebe. Einfach weil es schon immer so war. Dennoch ist der Glaube eben nicht an die Kirchensteuer gebunden. So konnte ich ihn nie ganz ablegen, auch wenn ich bis heute nicht zurück in die Kirche will.

Was mir erlaubte, mich wieder als «bitzli religiös» zu bezeichnen und diese Seite an mir nicht ganz zu verbannen, sind die heiligen Frauen der Kirche. Die vielen Schutzpatroninen, die alles für den Menschen oder eine Gemeinschaft geopfert haben. Also glaubte ich fortan so, wie ich wollte. Wenn ich bete – was selten vorkommt –, dann nur zu ihnen.

Nun habe ich viel Zeit in diese Recherche investiert, bei der ich mich mit den unterschiedlichsten Frauen über jegliche Kritiken am Klerus austauschen konnte, die auch ich immer anprangerte. Früher fühlte ich mich mit meinen Zweifeln allein.

Jetzt bin ich aber der festen Überzeugung, dass die Frauen, die dem Katholizismus Halt geben, nicht nur die Heiligen sind, sondern eben auch die, die für eine bessere Kirche kämpfen. Und davon gibt es offensichtlich eine Menge. Ohne sie würde die Kirche noch stärker in ihren alten Rollenbildern suhlen und zwangsläufig aussterben. Doch Gott sei Dank lassen sich viele Frauen nicht vertreiben.


»Lesen Sie hier die Recherche zu diesem Kommentar«

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.