Abo

Gesellschaft

Mental-Load–Serie

Druck bei Jugendlichen erkennen und wirksam entlasten – ein Lerncoach erzählt

Die Welt entwickelt sich in rasantem Tempo: Für viele Jugendliche wird das Leben zur Belastungsprobe. In Rikon gab Reto Cadosch Eltern und Lehrpersonen praxisnahe Tipps.

Der Lerncoach Reto Cadosch ist von Zizers nach Rikon gereist, um über den zunehmenden Druck auf Jugendliche zu referieren.

Foto: Tanisha Tinner

Druck bei Jugendlichen erkennen und wirksam entlasten – ein Lerncoach erzählt

Mental-Load–Serie

Die Welt entwickelt sich in rasantem Tempo: Für viele Jugendliche wird das Leben zur Belastungsprobe. In Rikon gab Reto Cadosch Eltern und Lehrpersonen praxisnahe Tipps.

Schule, Berufswahl, Social Media, Erwartungen von allen Seiten – und mittendrin die Jugendlichen, die herauszufinden versuchen, wer sie überhaupt sind. Kein Wunder, dass viele unter Leistungsdruck, Stress und Ängsten leiden.

Entsprechend herausfordernd ist es für Eltern und Lehrpersonen, die jungen Menschen in dieser Phase zu begleiten.

Hier setzt Reto Cadosch an. Als Erwachsenenbildner, Lehrer, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Graubünden und Lerncoach beschäftigt er sich seit Jahren damit, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu stärken.

«Statt Romane zu lesen, vertiefe ich mich in Fachliteratur», sagt der Experte. So bleibt der zweifache Vater wissenschaftlich am Puls der Zeit und gibt sein Wissen praxisnah weiter.

Vergangenen Mittwochabend war Cadosch zum zweiten Mal zu Gast an der Sekundarschule Zell in Rikon, um Eltern und Lehrpersonen mit seinem neuen Vortrag «Wie reduzieren wir den Druck auf unsere Jugendlichen?» humorvoll zum Nachdenken anzuregen und praktische Lösungsansätze zu liefern.

Unsere Serie über Mental Load beleuchtet ein Thema, das viele beschäftigt, aus diversen Blickwinkeln. Regionale Expertinnen und Experten geben Tipps, wie man der mentalen Belastung gegensteuern kann.

Bisher erschienen:
«Nein sagen hat nichts mit Egoismus zu tun», mit Paar- und Familienberaterin Nadine Sonderegger aus Wetzikon
«Stille kracht: Wenn an Weihnachten die Fetzen fliegen», mit Psychologin Raphaela Hügli aus Wetzikon
«Diese Russikerin schafft Ordnung im Haus – und im Kopf», mit Ordnungscoachin Nina Rechsteiner aus Russikon
«Zwischen Pasta und Polenta: So geht Kochen ohne Kopfzerbrechen», mit Gestalttherapeutin Gabriela Achermann aus Pfäffikon

Organisiert wurde der Anlass vom Elternforum der Sekundarschule Zell, das seit drei Jahren jeweils im Januar einen öffentlichen Vortrag für Eltern veranstaltet und sehr dankbar ist, diesen Anlass dank Kostenübernahme durch die Sekundarschule ausrichten zu dürfen, wie die Präsidentin des Forums, Cornelia Kosin, sagt.

Codewort sagen statt «überkochen»

Der Gemeindesaal Engelburg in Rikon war gut gefüllt. Über 50 Erwachsene sassen gespannt auf den hölzernen Stühlen vor der kleinen Bühne.

«Der Druck auf unsere Jugendlichen nimmt stetig zu, nicht nur in der Schule, sondern auch im Sport und im Alltag», begann Cadosch. Alles werde bewertet, überall gebe es Noten oder Rankings, betonte er.

Von den Rängen aus war deutlich zu spüren, wie sehr die Zuhörenden sich angesprochen fühlten. Einige nickten zustimmend, andere fotografierten die Power-Point-Folien mit ihren Smartphones ab.

Doch Cadoschs Vortrag bestand nicht nur aus Folien. Er bezog das Publikum aktiv mit ein. Auf A4-Blättern im Saal waren Tipps ausgehängt, wie Erwachsene sich selbst regulieren können, wenn sie «überzukochen» drohen.

Seinen persönlichen Lieblingstipp verriet Cadosch gleich selbst, die Strategie des Codeworts.

Auf dem Bild ist eine Gruppe Erwachsener zu sehen, die miteinander redet.
Eltern und Lehrpersonen tauschten sich während des Vortrags über Tipps zur Selbstregulation aus.

Dabei überlegen sich Paare ein Wort, das bei ihnen positive Assoziationen weckt. Bei Cadosch und seiner Frau ist es der Begriff «Seychellen» – eine Erinnerung an gemeinsame Ferien. Droht einer von beiden überzureagieren, sagt das Gegenüber das Codewort, um die Situation zu entschärfen.

Nach diversen Tipps und Tricks und gut eineinhalb Stunden Redezeit endete der Vortrag mit einem hoffnungsvollen Ausblick. «Schauen wir mit Zuversicht in die Zukunft, damit wir zufriedene und glückliche Kinder haben.» Scherzend fügte Cadosch hinzu: «Und natürlich nette.»

Das Publikum lachte und klatsche gleichzeitig, während die ersten Gäste zum Apéro strömten.

Im Austausch

Zwischen Sandwiches und Softdrinks kamen die Anwesenden ins Plaudern. Das Thema des Abends: Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern.

Auf dem Bild ist ein Tisch zu sehen, auf dem Sandwiches und Knabbereien liegen.
Ein Apéro rundete den Anlass ab und lud zum Verweilen und Plaudern ein.

Eine Lehrerin betonte im Gespräch, wie wichtig ein gemeinsames Verständnis sei: «Am Schluss geht es immer um die Kinder. Jede Massnahme, jede Kommunikation sollte auf die Schülerinnen und Schüler ausgerichtet sein.»

Auch Cadosch unterstrich diesen Gedanken. Er sei überzeugt, dass Eltern und Lehrpersonen «die gleiche Sprache sprechen» müssten, um Jugendliche wirksam zu unterstützen. «Wenn wir gegeneinander arbeiten, sind wir chancenlos», sagte er.

Ein Vater, dessen Sohn die zweite Sekundarschule besucht, ergänzte: «Es ist gut, zu sehen, dass wir nicht allein sind mit den Herausforderungen, die der Leistungsdruck mit sich bringt.»

Weitere Gäste teilten ähnliche Eindrücke. «Der Vortrag hat uns bewusst gemacht, dass wir die Jugendlichen nicht ständig bewerten müssen», sagte eine Mutter. «Es geht darum, sie zu begleiten und ihre Stärken zu fördern, ohne zusätzlichen Druck aufzubauen.»

Fünf Tipps, wie sich der Druck auf Jugendliche reduzieren lässt

Auch in schwierigen Momenten verlässlich bleiben. Kleine Beziehungsgesten und Nähe signalisieren: «Du bist mir wichtig.»

Nicht alles muss perfekt sein. Für Jugendliche ist es entlastend, wenn Einsatz, Fortschritte und Lernprozesse mehr zählen als Noten. Vergleiche mit anderen Kindern, Geschwistern oder Social Media setzen zusätzlich unter Druck und sollten möglichst vermieden werden.

Jugendliche bei Schule, Freizeit, Regeln oder Mediennutzung mitreden lassen. Eigene Entscheidungen und Mitbestimmung stärken Selbstwirksamkeit und reduzieren Stress.

Genügend Schlaf, Bewegung und gesunde Ernährung sind wichtig. Geräte wie Handy oder Tablet nachts aus dem Schlafzimmer verbannen. Bewusste Offline-Zeiten helfen beim Abschalten und Entspannen.

Eltern sollten psychische Gewalt vermeiden, also nicht schreien, drohen oder erniedrigen. Selbstkontrolle üben: bei Konflikten kurz Abstand nehmen, tief durchatmen und die Situation später in Ruhe klären – das schützt Jugendliche und senkt den Druck.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.