Zwischen Pasta und Polenta: So geht Kochen ohne Kopfzerbrechen
Mental-Load–Serie
Gestalttherapeutin Gabriela Achermann weiss, was zu einer gesunden Ernährung gehört. Und auch, warum sich viele beim Kochen schwertun.
«Was soll ich heute kochen?!» – so titelte 1956 die erste «Betty Bossi Post». Darin waren neben Tipps, wie man den Haushalt einfach schmeissen kann, auch Rezepte und ganze Wochenmenüs. Mittlerweile ist Betty Bossi eine der bekanntesten Schweizer Marken, der Film über die Entstehung der fiktiven Figur läuft seit vergangenem November in den Kinos.
Doch die Frage, was es denn nun zum Znacht geben soll, bleibt nach wie vor eine tägliche Herausforderung und belastet vor allem in Familien die oft schon gestressten Eltern. «Früher gab es zwar weniger Auswahl und weniger ausgeklügelte Küchengeräte, doch die Entscheidung, was auf den Tisch kommen soll, ist nicht einfacher geworden», sagt Gabriela Achermann. Sie bietet in ihrer Praxis in Pfäffikon unter anderem ernährungspsychologische Beratungen an.
Unsere Serie über Mental Load beleuchtet ein Thema, das viele beschäftigt, aus diversen Blickwinkeln. Regionale Expertinnen und Experten geben Tipps, wie man der mentalen Belastung gegensteuern kann.
Bisher erschienen:
«Nein sagen hat nichts mit Egoismus zu tun», mit Paar- und Familienberaterin Nadine Sonderegger aus Wetzikon
«Stille kracht: Wenn an Weihnachten die Fetzen fliegen», mit Psychologin Raphaela Hügli aus Wetzikon
«Diese Russikerin schafft Ordnung im Haus – und im Kopf», mit Ordnungscoachin Nina Rechsteiner aus Russikon
«Obwohl wir heute fast zu jeder Saison alles kaufen können, haben wir vieles wieder vergessen oder verlernt, was unsere Grossmütter noch wussten», sagt Achermann. So beobachte sie, dass in vielen Haushalten neben Teigwaren, Kartoffeln und Reis nicht viel anderes auf den Tisch komme. «Es gäbe auch noch Linsen, Dinkel, Gerste, Polenta – trotz dem grossen Angebot ist das bei vielen nicht präsent.»
Eigener Flow für jede Familie
Fühle sich jemand vom Gedanken gestresst, etwas auf den Tisch stellen zu müssen, liege das jedoch selten an mangelnden Kochkünsten oder fehlendem Ernährungswissen. «Da muss man genau hinschauen, um herauszufinden, was dem Stress zugrunde liegt, was so ‹unverdaulich› scheint – das zeigt sich in der Beratung oft sehr deutlich.»
Geht es wirklich um den Akt des Kochens? Oder hat man Angst vor Konflikten, die am Familientisch entstehen können? Geht es um fremde Selbstbilder, die man ungeprüft übernommen hat?
«Jede Familie muss ihren eigenen Flow im Haushalt finden und gemeinsam danach suchen, was zu ihr passt – und was eben nicht», sagt Achermann. Werden das Kochen und das Essen ständig zur Herausforderung, ist ihr Tipp, einmal pro Woche als Familie zusammenzusitzen und zu besprechen, was es denn in der Folgewoche zu essen geben soll.
«Das soll nicht einfach zum Wunschkonzert ausufern», betont Achermann. «Es geht darum, gemeinsam einen Menüplan zu erstellen, damit auch gezielt eingekauft werden kann.» Und die Arbeit wird aufgeteilt: Das Einkaufen müsse nicht zwangsläufig der Partner übernehmen, der danach auch koche. «Wenn frühzeitig festgelegt wird, wer was macht, wer wann kocht, ist die Belastung gleich kleiner.»
Diese Art von Familienrat und die daraus folgenden Aufgaben mögen am Anfang noch etwas Überwindung brauchen. «Aber irgendwann sind sie ein natürlicher Teil der Routine und wirken nicht mehr als ‹Ämtli›.»
Gefährliche Ausnahmen
In Familien sollen die Kinder einbezogen werden. «Kochen mit Kindern kann zwar zur Geduldsprobe werden», gibt die zweifache Mutter zu. «Aber es fördert die Lust am Kochen und Probieren.» Ein Kind muss ein neues Lebensmittel teilweise bis zu 20 Mal probieren, bis es akzeptiert wird. «Wenn ein Kind eine gesunde Beziehung zum Essen hat und ein natürliches Sättigungsgefühl erlernt, ist ein wichtiger Grundstein für gesundes, intuitives Essen gelegt.»
Nimmt der Stress an einem Tag überhand, verteufelt sie den Griff zu Fast Food nicht. «Wir wissen alle, dass ein Menü mit Hamburger und Pommes nicht gleich tödlich ist», sagt Achermann. Trotzdem warnt sie vor zu ungesunden, schnellen Lösungen. «Solche Ausnahmen können schleichend zur Regel werden.»
Sie empfiehlt darum, sich einmal mit der Familie hinzusetzen und aufzulisten, was es denn alles für Lebensmittel gibt, die infrage kommen – sortiert nach Gemüse, Proteinquelle und sättigender Beilage. «Aus diesen Komponenten kann dann wie aus einem Baukasten schnell ein gutes Essen zusammengestellt werden, und es kommt nicht immer das Gleiche auf den Tisch.» Wer einen Gefrierschrank hat, um Vorräte oder Vorgekochtes zu lagern, ist dabei klar im Vorteil.
Reste als Chancen
An einem Tag pro Woche empfiehlt sie zudem, kein eigentliches Menü einzuplanen, sondern gezielt die angehäuften Reste zu verwerten. «Wenn man zum Beispiel Teigwaren und Sauce nicht bereits gemischt, sondern separat verpackt in den Kühlschrank stellt, kann man in Kombination mit Kartoffelresten schnell Älplermagronen zubereiten», sagt Achermann. «Mit solchen neuen Kombinationen hat man gar nicht das Gefühl, Reste zu essen – und schnell geht es auf jeden Fall.»
Doch es müsse gar nicht immer eine gekochte Mahlzeit mit viel Aufwand sein. Brot, Käse und Hummus mit ein paar geschnittenen Rüebli und Peperoni – auch das ist eine vollwertige Mahlzeit. «Wir müssen niemandem etwas beweisen. Sondern das tun, was für die Familie stimmt und uns entlastet.»
Fünf Tipps für mehr Gelassenheit in der Küche
Eine Liste mit «Bausteinen» erstellen, aus denen eine komplette Mahlzeit zusammengesetzt werden kann. Es können auch gleich Rezepte gesammelt werden mit Menüs, die sich bewährt haben.
Einmal pro Woche mit der Familie zusammensitzen, um die Menüwünsche, die Einkaufsliste und die damit verbundenen Aufgaben zu besprechen und zu verteilen.
Kinder von klein an miteinbeziehen und so die Lust am Kochen fördern.
Eigene Ansprüche auf Spielraum untersuchen: Auch die beste Hobbybäckerin darf ohne schlechtes Gewissen ein Brot im Laden kaufen.
Wenn es das Budget zulässt: Auch mal auswärts essen gehen. Dabei gesunde Alternativen den Fast-Food-Giganten vorziehen.
Weitere Informationen zu Gabriela Achermann und ihrem Beratungsansatz unter www.setzling-beratung.ch.